Erschließung neuer Formen der Konfliktbearbeitung in bäuerlichen Strukturfragen

Forschungsbericht von Franz Rohrmoser

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Kuchl – April 2001
Projektleiter: Direktor Dr. Josef Krammer/Wien,
Projektdurchführung: Franz Rohrmoser/Kuchl
Laufzeit 3 Jahre, vom 1.1.1998 bis 31.12.2000

Inhaltsverzeichnis

Rahmenbedingungen für das Projekt 1

  1. Ziele des Forschungsprojektes 2
  2. Konfliktverständnis: Konflikte gehören zum Menschen 3

2.1    Die Grundhaltung der Konfliktfähigkeit 3

2.2    Die Grundhaltung der Konfliktvermeidung im geschichtlichen Zusammenhang  4

2.3    Die Grundhaltung der Streitlust im ländlichen, bäuerlichen Zusammenhang  7

  1. Ausgangshypothese: Fehlende Konfliktbearbeitung spaltet die Bauern 11

3.1    Umdrehung der Sichtweise  11

3.2    Der Austritt von 700 Biobauern in Tirol im März 2000  12

3.3    Die Diskussion in der ORF-Sendung „Help“ 14

3.4    Die Analyse der zwei Beispiele  15

  1. Verbesserung der Beziehung zwischen Innovation und Politik – zur Kritik des Förderansatzes 17

4.1    Ein Beispiel: Die Erosion in den Förderbeziehungen – persönliche Erfahrungen aus der Entwicklungshilfe  17

4.2    Verbindung von Selbsthilfe und Politik statt „Größenwahn“ 19

4.3    Autoritäre Politik kauft Wohlverhalten mit Steuergeldern  21

  1. Das Ringen um Unterscheidungskriterien 24

5.1    Vom Subjektiven zum Objektiven: Die persönliche Einschätzung als Gewerbetreibender – „Bauern haben noch Angst vor Differenzierung“ 24

5.2    Ergebnisse aus Gruppendiskussionen mit Betroffenen  26

5.3    Die Frage der Unterscheidung aus der Sicht des öffentlichen Rechtes  31

5.4    Hintergrundanalyse: Ein veränderter Begriff von der Einheit der Bauern  33

5.5    Verbot der Differenzierung in der vermeintlich geschlossenen Gruppe  33

  1. Fehlender Interessenausgleich zwischen Bauern begünstigt Missbrauch 36

6.1    Asymmetrischer Konflikt mit mächtigeren Mitgliedern – verletzter Gleichheitsgrundsatz  36

6.2    Auf der Basis des gesetzlichen Auftrages eine offene Diskussion einfordern  38

  1. Lösungen durch Einbeziehung einer Dritten Ebene 41

7.1    Erfahrungen in der Konfliktvermittlung  41

7.2    Grundlegende Konfliktlösung durch Einbeziehung einer Dritten Ebene  42

7.3    Der wettbewerbsfähige Betrieb als Gefahr für den sozialen Frieden und als Hindernis für die Regionalentwicklung  43

7.4    Regionalentwicklung als vollständiges und integriertes System   46

  1. Stärkung der Konfliktfähigkeit als Voraussetzung zur Neuorientierung 51

8.1    Die Sichtweise der Beteiligten  51

8.2    Die Ansätze in der Konfliktforschung in Management, Wirtschaft und anderen Gesellschaftsbereichen  53

8.3    Die Bearbeitung der Politikablehnung durch BürgerInnen durch das Bewusstmachen der Rolle als Mitproduzenten am Problem   56

8.4    Grundsätzliche Neuorientierung: Das Beispiel der Bäuerinnengruppe der Bergbauernvereinigung  58

8.5    Die notwendige Schaffung von Strukturen zur Neuorientierung  61

  1. Zusammenfassung 65

Konfliktverständnis: Konflikte gehören zum Menschen  65

Ausgangshypothese: Fehlende Konfliktbearbeitung spaltet die Bauern  66

Die Verbesserung der Beziehung zwischen Innovation und Politik – zur Kritik des Förderansatzes  67

Das Ringen um Unterscheidungskriterien  68

Der fehlende Interessenausgleich zwischen Bauern begünstigt Missbrauch  69

Lösungen durch Einbeziehung einer dritten Ebene  69

Die Stärkung der Konfliktfähigkeit als Voraussetzung zur Neuorientierung  70

Rahmenbedingungen für das Projekt

Die Erschließung neuer Formen der Konfliktbearbeitung in bäuerlichen Strukturfragen war das Thema und der Auftrag, der diesem dreijährigen Forschungsprojekt zu Grunde liegt. Die konkreteren Fragestellungen sind in den Zielsetzungen des Projektantrages formuliert. Hier soll angemerkt werden, dass diese Zielformulierung im Antrag des Projektes im Jahr 1997 auf ein dreifach größeres Projektvolumen ausgerichtet war und dass trotz dieser reduzierten Projektfinanzierung um zwei Drittel, die wesentlichen Fragestellungen bearbeitet werden konnten.

Um Einblick in die aktuelle Realität zu bekommen, nahm ich in diesen drei Jahren des Forschungsprojektes an ca. 50 zum Teil sehr unterschiedlichen Vorträgen, Seminaren oder Diskussionsveranstaltungen teil, die auch von sehr verschiedenen Akteuren durchgeführt wurden. Dabei wurde in vielen konkreten Szenen und im Diskurs mit vielen verschiedenen Akteuren ein guter Einblick in die Fragestellungen des Projektes möglich.

Im dritten Jahr habe ich eine zusammengefasste Darstellung aus diesen Veranstaltungsbesuchen, Beobachtungen und Diskussionen der ersten beiden Projektjahre in Form eines Zwischenberichtes in sechs verschiedenen Diskussionsrunden zur Diskussion gestellt. Es waren hauptsächlich thematisch vorstrukturierte Gruppendiskussionen mit politisch aktiven Biobauern und Bäuerinnen, die schon Erfahrung im Umgang mit Konflikten hatten. Somit konnten die Themen in einem weiteren Schritt reflektiert, konkretisiert und weiterentwickelt werden.

Um die nötige Diskretion zu wahren, werden im Bericht nicht Personen in Verbindung mit Konflikten beschrieben. Sehr wohl angesprochen werden allgemeine Problemlagen, Konflikte, Mechanismen und kreative Problemlösungsansätze in Gruppen und Institution.

Franz Rohrmoser, Kuchl, im April 2001

1.         Ziele des Forschungsprojektes

Gesamtziel des Projektes

Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung im Agrarbereich in einem neuen Konfliktverständnis aufzuzeigen:

Im angesprochenen Konfliktverständnis geht es um Formen kritischer, aktiver Konfliktbearbeitung, die auf der einen Seite ein Wegschauen, Verschweigen, Verdrängen von Konflikten überwinden hilft und auf der anderen Seite auf eine Beschuldigung, Abwertung der Gegner, Feindbildung verzichtet.

Ziel 1 des Projektes

Erkunden der Möglichkeiten neuer Konfliktbearbeitung in den verschieden Ebenen des Agrarbereiches, um eigene Handlungsmöglichkeiten wiederzufinden:

Dies bedeutet im Ansatz die „Mitproduzentenrolle“ bzw. Täterrolle neben der Opferrolle im System mit anzusehen und zu reflektieren, da an diesen Stellen auch eigene Handlungsmöglichkeiten wiedergefunden werden können.

Ziel 2 des Projektes

Eine zeitgemäße Definition von Unterscheidungskriterien mit der Frage: wo sind in den derzeitigen Strukturkonflikten und der Zusammensetzung der Interessenvertretung unverträgliche „soziale Gegenspieler“ in den eigenen Strukturen vorhanden?

Werden solche Kriterien gefunden, soll eine Rechtsabklärung mit Verfassungszuständigen erfolgen.

Ziel 3 des Projektes

Bearbeitung der Frage: welche Möglichkeiten gibt es, die Beziehung und Zusammenarbeit zwischen innovativen Akteuren der Selbsthilfe einerseits und der Bauernvertretung als politische Verantwortliche andererseits zu verbessern? Als Basis dazu sollen die verschiedenen Rollen beider Ebenen definiert werden.

Ziel 4 des Projektes

Erkundung von Möglichkeiten einer erweiterten Konfliktbearbeitung durch Einführung einer dritten Instanz in die Problembewältigung im Sinne eines Dreiecksverständnisses: Auf der einen Seite die Interessenvertreter für konventionelle Landwirtschaft, auf der anderen Seite innovative Akteure der Selbsthilfe im Agrarbereich und als dritte Ebene und Kraft Akteure und Bündnispartner für eine nachhaltige Landwirtschaft und Regionalentwicklung. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass im oft vorhandenen Konflikt zwischen Vertretern der konventionellen Linie und innovativen Akteuren für eine Ökologisierung eine befriedigende Konfliktbearbeitung kaum möglich ist. Es bedarf einer geregelten Einbindung von außenstehenden Bündnispartnern als dritte Instanz.

2.         Konfliktverständnis:
Konflikte gehören zum Menschen

Es gibt die weit verbreitete Meinung, dass Konflikte etwas Schädliches sind. Über Probleme und Konflikte offen und selbstkritisch zu reden, ist nicht selbstverständlich.

Der Konfliktforscher Friedrich Glasl aus Salzburg unterscheidet zwischen drei Grundhaltungen in Konflikten[1]. Sehen wir uns ein Beispiel anhand dieses Ansatzes näher an:

  • Konfliktvermeidende Menschen denken: „Differenzen sind doch nicht lösbar“
  • Streitlustige Menschen denken: „Der Bessere, Stärkere wird siegen“
  • Konfliktfähige Menschen denken: „Konflikte sind Signale für längst fällige
    Problemlösung“

In den dargestellten Grundhaltungen werden drei gut unterscheidbare Formen des Umganges mit Konflikten sichtbar: a) Verdrängen. b) Polarisieren. c) Bearbeiten. Oft treten alle drei Formen gemischt oder gleichzeitig auf. Es lassen sich aber doch Personen und Gruppen deutlich identifizieren, die schwerpunktmäßig zu einer der Grundhaltungen neigen. Wer eine Verbesserung der Problemlösungen zur Stärkung der Demokratie will, muss bewusste Anstrengungen unternehmen, die Grundhaltung der Konfliktfähigkeit zu stärken, um die Bearbeitung von Konflikten zu ermöglichen.

2.1        Die Grundhaltung der Konfliktfähigkeit

Konflikte gehören im Verständnis der Psychoanalytikerin Thea Bauriedl zum Menschen und auch zur Politik.[2] Wir befinden uns alle in Spannungsfeldern zwischen unseren Lebenswünschen einerseits und unseren Ängsten sowie Sicherheitsbedürfnissen andererseits, sagt Bauriedl. Konfliktfähige Menschen schaffen es, zwischen ihren Wünschen bzw. ihren Sicherheitsbedürfnissen gute und faire Kompromisse zu bilden. Sie halten Spannung aus und bleiben auf der Spur der Problemlösungen. Die gleiche Regel gilt auch für konfliktfähige Gruppen, Organisationen und Parteien. Sie schaffen es sowohl gruppenintern, als auch gegenüber dem jeweiligen Konkurrenten, Konflikte konstruktiv und sorgfältig zu bearbeiten. Auch hier geht es darum, die Spannung auszuhalten, „dranzubleiben“, auszuloten, was möglich und was nicht möglich ist, auf Abwertung des Gegenübers zu verzichten und an einem echten Kompromiss zu arbeiten.

Störungen und Spaltungen treten so gesehen an jenen Stellen auf, wo Probleme und Konflikte vermieden werden oder wo Probleme polarisiert werden. Es geht dabei um zwei verschiedene Ausdrucksformen eines gleichen Grundproblems, bei dem die eine jeweils die Hinterseite der gleichen Medaille ist:

  • Die eine Ausdrucksform zeigt sich dort, wo Konflikte verharmlost, verleugnet und somit in den Untergrund verdrängt werden. Dies ist die von Friedrich Glasl angesprochene Grundhaltung der Konfliktvermeidung. Alle verdrängten Probleme bleiben aber destruktiv wirksam.
  • Die andere Ausdrucksform zeigt sich unter anderem in der Grundhaltung der Streitlust oder der Lust am Polarisieren. Probleme und Konflikte müssen immer sofort auf Schuldige oder Sündenböcke abgeschoben werden. Dies ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass solche Personen oder Gruppen einen deutlichen Mangel an notwendiger Selbstreflexion haben. Wer mit eigenen Ängsten, Problemen, Spannungen nicht zurechtkommt, muss sozusagen immer einen Schuldigen suchen. Dieser ist gezwungen, seine Probleme auf einen Außenfeind zu projezieren, an dem er sich selber stabilisiert, weil er in sich keine Stabilität durch Selbstreflexion entwickelt hat. Das gleiche Prinzip gilt auch für Gruppen. Darum sind Gruppen, die nach diesem Prinzip handeln, auch oft rasch gewaltbereit. Bei Streitlust im populistischen und polarisierenden Sinne wird die Welt in Gute und Böse gespalten: Der Stärkere, der Fleißige, der Anständige wird siegen. Der Schwächere, der Faule, der Fremde wird ausgegrenzt.

In beiden genannten Fällen fehlt die konkrete Problembearbeitung. Es fehlt die Beteiligung der Betroffenen an der wirklichen Problemlösung. Die Betroffenen finden dann nicht zu ihren persönlichen Ressourcen, zu ihren persönlich Fähigkeiten und gleichzeitig nicht zu einem Wissen über die Grenzen ihres Könnens und Nichtkönnens.

Wer seine eigenen Ressourcen – persönlich und wirtschaftlich – nicht sucht und nicht findet, braucht Ersatzlösungen. Das kann im privaten Bereich ein suchtartiger Konsum sein. Das kann bei einem Bauern eine teuerer Prestigetraktor sein, den er in Wirklichkeit nicht braucht, womit er sich aber verschuldet. Das kann bei Ohnmachtgefühlen gegenüber der Politik die Suche nach populistischen Führern sein, die „da oben“ einmal ordentlich aufräumen sollten. Die jeweilige Ersatzlösung ist aber für diese Menschen oder für diese Gruppen als die momentane Notlösung zu sehen. Man kann also solche Notlösungen auch nicht einfach rational wegargumentieren, ohne das Hintergrundproblem mit zu betrachten und zu bearbeiten.

2.2        Die Grundhaltung der Konfliktvermeidung im geschichtlichen Zusammenhang

Die bäuerliche und ländliche Konfliktkultur ist aus vielen Untersuchungen bekannt geworden als eine „Kultur des Schweigens“. Der Begriff „Kultur des Schweigens“ wurde schon vor 30 Jahren in Südamerika vom Brasilianer Paulo Freire geprägt[3]. In Österreich wurden durch verschiedene kritische Jugendorganisationen bereits in den 70-Jahren ähnliche Begriffe und Grundhaltungen herausgearbeitet, etwa der Begriffe wie „Vorauseilender Gehorsam“, indem Menschen vom Land als brave, fleißigere und begehrte Mitarbeiter, die nicht aufbegehren, gesehen werden, und die sich in der Folge auch selber als solche darstellen. Agrarsoziologen haben auch aus dieser Zeit Mechanismen beschrieben in denen es heißt: „Großbauern lassen für sich demonstrieren“[4]. Umgekehrt formuliert: Der normale Bauer demonstriert für eine Politik, die ihm selber nicht nutzt oder im schlimmeren Fall sogar schadet.

In diesem Zusammenhang ist auch noch die Ideologie der ständestaatlichen Zeit aus den 30er Jahren zu erwähnen, in der auch die gegenwärtigen Ideen vom „Bauer sein“ noch vielfach wurzeln. Der Kern dieser Ideologie kann auch mit einem Verharmlosen von Konflikten bei autoritärer Führung beschreiben werden. Das Wesen des Ständestaatskonzeptes, das insbesondere mit dem damaligen Landwirtschaftsminister und späteren Bundeskanzler Dollfuß (1933) in Verbindung gebracht wird, ist die Vorstellung eines konfliktfreien, harmonischen Beziehungsklimas innerhalb eines Berufstandes. Dies gilt selbst dann, wenn völlig unterschiedliche Lebensinteressen im Berufstand – wie z.B. Arbeitgeber und Arbeitnehmer – in einer Interessengruppe zusammengefügt sind. Peter Huemer – Leiter der Wissenschaftsredaktion im ORF – zitiert in seinem Buch „Sektionschef Robert Hecht und die Zerstörung der Demokratie in Österreich“[5] einen Auszug einer wichtigen Rede von Dollfuß aus dem Jahr 1933, die dieser an einem Katholikentag gehalten hat. Hier wird dieses konfliktfreie Wunschbild sichtbar, indem er sagte:

„Im Bauernhaus, wo der Bauer mit seinen Knechten nach gemeinsamer Arbeit abends am gleichen Tisch, aus der gleichen Schüssel seine Suppe isst, da ist berufständische Zusammengehörigkeit, berufständische Auffassung“.

Der Wunsch nach Harmonie wird hier sehr deutlich. In dieser berufständischen Auffassung wird unterschlagen, dass der Knecht als Arbeitnehmer und der Bauer als Chef nicht die gleichen Rechte und Bedingungen am gemeinsamen Tisch hatten. Das nennen die Konfliktforscher einen „asymmetrischen“ Konflikt, wenn die Machtverhältnisse und Mittel der Konfliktpartner ungleich sind[6]. Es war von Seiten der Abhängigen in der Regel nicht möglich, Konflikte anzusprechen. Deshalb schweigen Abhängige in einer solchen Situation oft lieber, auch wenn sie wissen, dass ihnen längerfristig Nachteile daraus erwachsen.[7] Von Dollfuß wurde damals eine gewerkschaftliche Tätigkeit generell öffentlich verpönt. Er idealisierte in seinen Reden die Epoche vor der Gewerkschaftsbewegung im 19. Jahrhundert (siehe HUEMER 1975). Bezeichnenderweise war das ideologische Beispiel für konfliktfreie Gruppen der Bauernhof.

Solche Gruppen und Organisationen mit konfliktfreien Wunschbildern bzw. Gruppen, die nicht über Konflikte reden, werden daher zu Räumen ohne innere Konfliktregelung. Die einzelnen Beteiligten befinden sich in einer Masse ohne persönliche Abgrenzung (siehe dazu auch CANETTI 1960[8] – die zweite Haupteigenschaft der Masse). In solchen Gemeinschaften ohne Abgrenzung bzw. in grenzenlosen Beziehungen herrschen nach Analysen von Thea BAURIEDL viele Formen der Gewalt wie Sprachlosigkeit, Machtkämpfe, Entwertung, Missbrauch etc.[9]. Dieser Zustand war auch immer wieder Inhalt von kritischen Beschreibungen; denken wir z.B. an den Roman „Schöne Tage“ von Franz Innerhofer anfangs der 70er Jahre[10]. Im Jahr 1975 hat die Österreichische Bergbauernvereinigung Franz Innerhofer zu Vorlesungen aus dem Roman Schöne Tage eingeladen. Es war bezeichnend, dass Teilnehmer aus vielen Gegenden Österreichs darauf sagten: Ja, so war es auch bei uns.[11]

Wesentliche Teile dieses harmonisierenden Konfliktverständnisses bilden bis heute die Ideologie und die Grundlage der traditionellen Bauernpolitik und der ländlichen Kultur generell[12]. Im Sinne von Standeskultur wird diese Haltung von Generation zu Generation weitervermittelt; und wer die diversen „Bauernkalender“ der letzten Jahrzehnte mit Aufmerksamkeit liest, wird feststellen, dass dieses Ständestaatsverständnis bis heute im Österreichischen ÖVP-Bauernbund stark präsent ist.

Das Aussprechen eines Konfliktes, wie zum Beispiel die ungerechte Verteilung von öffentlichen Mitteln, bedeutet dann automatisch einen Angriff auf den Berufsstand bzw. einen Angriff auf die Interessenvertretung. Konflikte werden als etwas Schädliches betrachtet, wer Konflikte anspricht, wird als „Spalter“ der Bauern bezeichnet und man blockt eine inhaltliche Diskussion ab.

Ähnlich läuft es bis heute oft in Familienbeziehungen. Wenn Jugendliche Wünsche oder Probleme den Eltern gegenüber äußern, wenn Frauen Wünsche ihren Männern gegenüber äußern, wird dies auch oft als Angriff und Beleidigung empfunden.

Erst in den letzten Jahrzehnten hat eine offenere Diskussion über das vielerorts übliche Zusammenleben mehrerer Generationen auf Bauernhöfen auf engsten Raum begonnen. Beim Generationswechsel lebte die neu gegründete Familie im Bauernhof vielerorts mit der Familie der Eltern in der gleichen Küche ohne notwendige Regelung der Zuständigkeiten und Grenzen. Dies schädigte – wie wir heute wissen – viele Jungfamilien nachhaltig. Vor allem die zugeheirateten Frauen (regional verschieden) litten darunter sehr. Mit der neueren Diskussion kam mehr Bewusstsein über die Notwendigkeit von mehr Trennung und Bearbeitung solcher Fragen.

2.2.1     Mangelnde Toleranz in den Dörfern

Ein Kennzeichen von jahrzehntelanger Konfliktvermeidung oder fehlender Konfliktbearbeitung sind Gruppenzwänge in Gemeinschaften und in den Dörfern. Dazu einige Zitate aus der Studie „Das Ansehen der Bäuerin“, herausgegeben von der Österreichischen Bergbauernvereinigung 1987[13]. In der Studie wurde darauf Wert gelegt, die Aussagen von Bäuerinnen authentisch wiederzugeben; hier ein paar Sätze aus einer ganzen Fülle ähnlicher Sätze:

„Ja wenn Du nicht dazugehörst, das heißt, nicht bei der ÖVP bist, dann musst du mit der Außenseiterrolle leben können, das ist klar“.

„Das Ausbrechen irgendwo in eine andere Denkform, in eine….- also das schadet sicher gewaltig“.

„Man ist so unfrei, also wenn du wirklich was sagst, was nicht hineinpasst, da sind sie wie die Hyänen alle hergefahren“.

„Eigentlich darf man das ja auch nicht, dass du außerhalb von der Organisation was tust“.

Die damals erhobenen und aufgeschriebenen Aussagen haben inzwischen nicht an Aktualität verloren. Zum Beispiel ist es inzwischen eher noch schwieriger geworden, für die Bearbeitung solcher Fragen Projektmittel zu bekommen. Aufbrüche aus solchen Zirkeln mit Toleranzmangel wurden in Gesprächskreisen der Bergbauernvereinigung, der SPÖ-Bauern und in der Biobewegung an einigen Orten möglich.

2.3        Die Grundhaltung der Streitlust im ländlichen, bäuerlichen Zusammenhang

Die Grundhaltung der Streitlust oder der Lust am Polarisieren wurde in der Abgrenzung zur Konfliktfähigkeit bereits oben beschrieben. Es geht – nochmals kurz gesagt – darum, dass mangels der Fähigkeit, Konflikte in sich oder in der eigenen Gruppe auszuhalten, die Konfliktursachen immer sofort auf Schuldige oder Sündenböcke abgeschoben werden müssen. Diese Menschen oder Gruppen sind anfällig für populistische und polarisierende Politiker, die Sachprobleme personalisieren und die Beteiligten in Gute und Böse aufspalten.

Wir neigen alle in Situationen in denen wir Spannungen und Angst verspüren immer wieder dazu, das momentane Problem auf Schuldige zu schieben oder auf Schwächere zu delegieren. Deshalb müssen wir uns immer wieder persönlich und in Gruppen mit solchen Kriterien befassen. Die Frage ist, wie viel kritische Selbstreflexion in der Gruppe vorhanden ist, gewollt und zugelassen wird.. So gesehen werden dann doch wesentliche Unterschiede sichtbarer bis hin zu Gruppen und Parteien, die es geradezu forcieren, alle Probleme unbearbeitet auf Schuldige abzuschieben. Vom Autor wurden in Bauernversammlungen mit dem hier aufgezeigten konflikttheoretischen Hintergrund konkrete Ausdrucksformen beobachtet, die hier genauer beschrieben sein sollen.

2.3.1     Zwei Beispiele für teilnehmende Beobachtung:

Konfliktbearbeitung in einer Bauernversammlung – schriftlich festgehaltene
Beobachtungen

Ich will eine Situation schildern, die sich in einer von den SPÖ-Bauern in Oberösterreich 1996 veranstalteten Bauernversammlung mit ca.70 Teilnehmern in einer Region, die mit dem Hang zu „Rechtspopulismus“ bekannt ist, ergab. Ich saß bei dieser Versammlung selber als Referent neben anderen am Podium. Das Thema war die zunehmende industrielle Milchproduktion und die Gefährdung der hier anwesenden bäuerlichen Produzenten. Indem wir die Zukunftsängste der anwesenden Milchproduzenten ansprachen, richtete sich aber die aufkommende Aggression in der Versammlung zunehmend gegen uns am Podium.

Dabei wurde ich auf einen besonders destruktiven Wesenszug aufmerksam: Die Anwesenden erwarteten jegliche Verantwortung zur Lösung der Probleme von den Politikern. Eine eigene Anstrengungen zur Selbsthilfe wurde verlacht. Gleichzeitig wurde aber die Verachtung und Abwertung eben dieser Politiker, von denen man die ganze Lösung erwartet, im Raum spürbar und bildete letztlich das bestimmende Element dieser Zusammenkunft. Diese völlig gespaltene, destruktive und gefährliche Einstellung zur Politik, habe ich im Zusammenhang mit dieser Diskussion 1997 folgendermaßen beschrieben:

„Eine massive feindbildende Stimmung im Raum, richtete sich einerseits gegen uns am Podium und richtete sich andererseits gegen die Politiker allgemein und auch gegen die Engländer (ein Bauer sagte wegen der BSE-Krise in Anlehnung zum Dritten Reich, dass die Engländer wie die Juden vergast gehören). Dies schaffte zunächst große Gespanntheit in der Versammlung. Ich erschrak über die Art der Feindbildung, sowie über die Arroganz und den Realitätsverlust, mit der jegliche Verantwortung zur Lösung der Probleme von der Politik erwartet wurde, bei gleichzeitiger, spürbarer Verachtung und Entwertung eben dieser Politik. Eine eigene Anstrengung in Richtung Alternativen zu diskutieren wurde als lächerlich hingestellt. Ich spürte an diesem Beispiel, wie gefährlich gespalten, bzw. wie widersprüchlich das Verhalten einer großen Zahl der Beteiligten ist. Es wurde sichtbar, dass es hier vordringlich um etwas anderes, als ums „Problemlösen“ geht , es geht vor allem auch ums politische „Dreinschlagen“, und um die Suche nach „Dreinschlagern“ bei jenen, die sich selber nicht zuschlagen getrauen. Erst nachher sagte mir der verantwortliche Bezirksveranstalter der Sozialdemokraten, er hätte tatsächlich schon am Vortag überlegt, die Versammlung unter Polizeischutz zu stellen, denn er wisse um die reale Gewaltbereitschaft in dieser Gegend bei Versammlungen.

Im Rahmen meines Konfliktverständnisses verstand ich nun diese Feindbildung als Angst und Abwehr, sich mit der eigenen Beteiligung an dem schädlichen Agrarsystem zu befassen. Weil diese Einbeziehung einer eigenen Beteiligung erstens unüblich ist und zweitens schwer auszuhalten ist, sucht man einen Schuldigen außerhalb der Gruppe. Ich verstand es als Teil der Konfliktverdrängung, die eine kritische Reflexion hindert und den kleinen Bürger „unschuldig“ sein lässt. Man will festmachen, wo die bösen Gauner sitzen, sich selbst empfindet man damit als unschuldig und gut, sowie außerhalb des politischen „Schmutzes“ stehend.

Unterstützt vom Diskussionsleiter versuchte ich als Teilnehmer am Podium, die im Raum vorhandenen konflikthaften Spannungen und Widersprüche zunächst in mir zu halten und dabei diese Situation selber durchzustehen. Das Halten dieser Spannung in der Konflikthaftigkeit bietet dann eine Chance zur Bewusstseinsbildung in der Versammlung. Es geht an der Stelle darum, das verlorene Bewusstsein der Anwesenden an der eigenen Mittäterrolle im gemeinsamen System anzusprechen. Umgekehrt formuliert geht es darum, sie aus ihrer Opferrolle und Selbstmitleid herauszuholen.

Ich konfrontierte die anwesenden Bauern dann mehrmals direkt mit ihrem eigenen Verhalten, etwa dass sie selber die gesamte Verantwortung an die Politik delegieren, dass diese Politik aber gar nicht in der Lage sein kann, alleine die Probleme zu lösen. Zur verlachten Frage der Eigeninitiative konfrontierte ich sie mit der Frage: Wenn die Politik nicht alles lösen kann, müssten sie eigentlich froh sein, wenn man selbst mit regionalen Eigeninitiativen etwas tun kann, um zu überleben. „Und ihr seid wegen eurem jahrelangen Einverständnis mit der eigenen Standesvertretung mitverantwortlich, dass durch öffentliche Förderung der Wachstumsbetriebe nun ihr selber als bäuerliche Produzenten in Gefahr seid.“

Die direkte Ansprache und die Konfrontation mit ihrer eigenen „Produzenten- und Mittäterrolle“ machte betroffen, und wurde trotzdem angenommen! Es verstärkte nicht – wie man jetzt vermuten könnte – die aggressive Spannung gegen uns, sondern diese Spannung konnte wesentlich vermindert werden. Mit diesem Konfrontieren der Teilnehmer mit ihrer eigenen Mittäterrolle am System, wurde ihre unschuldige, spöttische Zuschauerrolle, sich außerhalb der politischen Bühne zu fühlen, in Frage gestellt. Sie waren nun wieder selber Teil der Politik auf der Bühne. Es wurden wieder Grenzen gefunden, in denen sich die Einzelnen wieder zurechtfanden. Dabei wurde es zunehmend ruhiger und aufmerksamer.“

Soweit die Schilderung dieser Szene.

Diese Erfahrungen in der damaligen Szene auf der Bauernversammlung, z.B. dass die Anwesenden wie Zuschauer außerhalb der Politik agierten und erst durch die Konfrontation mit ihrer eigenen Beteiligung am Problem wieder auf die Bühne als Beteiligte zurückkamen, erachte ich als zentral wichtig. Auch die Tatsache, dass sich die Spannung und die Polarisierung im Raum erst mit der Rückkoppelung der Mitverantwortung am Problem auflösen konnte, ist eine wesentliche Erfahrung. Diesem Phänomen der Gleichzeitigkeit von hoher Erwartung und starker Verachtung der Politik muss wohl noch mehr Beachtung geschenkt werden, weil dies, meinen Beobachtungen zufolge, kein Einzelfall ist. Ich erlebte diese Vorgänge als eine Art Anarchismus und als eine Art Auflösung der Politik.

Einen gut zutreffenden Begriff für ein solches Klima gibt es im französischen Sprachgebrauch mit dem Wort „Ressentiment“. Alexander und Margarethe Mitscherlich haben im Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“[14] den Begriff Ressentiments als ein Bündel von rückwärtsgewandten Haltungen beschrieben: etwa stiller Groll, ohnmächtiger Hass, Neid und Angst vor Benachteiligung, Fremdenhass, Ablehnung von Verantwortung, Hemmung in der kritischen Reflexion u.a.. Am öftesten wird bei uns dieser Zustand als „dumpfes Klima“ bezeichnet und es wird daher im weiteren zur Beschreibung ähnlicher Zustände der Begriff: „rückwärtsgewandtes, dumpfes Klima“.

Unterschied zwischen populistischer Aufhetzung und Problembearbeitung

Man kann nun davon ausgehen, dass es an mehreren Stellen und Regionen Gruppen und Organisationen mit einem starken Hang zum genannten „rückwärtsgewandten, dumpfen Klima“ gibt. Daher sollten wir uns mit der Frage beschäftigen, was passiert, wenn in einer solchen Versammlung, in der dieses benannte Klima vorherrschend ist, ein polarisierender, populistischer Aufhetzer auftritt. Dies ist sogar ein häufig zu beobachtendes Phänomen, da Populisten ein ideales Umfeld für ihre Fähigkeiten vorfinden, um auf dem Klavier dieses „rückwärtsgewandten, dumpfen Klimas“ ihre politische Musik zu spielen und gleichzeitig die Masse mit entsprechenden Ressentiments nach einer Richtungsgebung verlangt. Man kann auch davon sprechen, dass sich diese beiden Elemente anziehen.

In einer anderen Veranstaltung mit 300 Leuten trat ein bekannter populistischer österreichischer Politiker auf und hier konnte ich diese angesprochene Problematik sehen. Es war zwar keine Bauernversammlung, aber es herrschte ein ähnlich „dumpfes Klima“ vor. Es kam dabei tatsächlich zu einer sehr verhängnisvollen Wechselwirkung zwischen beiden Seiten: Ein großer Saal voller Leute mit gieriger Erwartung auf den Einpeitscher auf der einen, und dem applaushungrigen Einpeitscher auf der anderen Seite. In dieser Wechselwirkung zwischen gieriger Erwartung – Einpeitschen – Applaus – verstärktes Einpeitschen usw. kommt es zu einer Verstärkung und Aufschaukelung destruktiver, primitiver Gefühle mit einer Spaltung in gute und böse Bürger. Dies ist verbunden mit einem weiteren Abbau von persönlicher Verantwortung und damit auch Abbau von Demokratie, während der Redner genau diese Demokratie immer wieder anspricht und sie vor den bösen Sozialisten retten will.[15] Eine genauere Beschreibung dieser Szenen würde hier zu weit führen.

Abschließend zu diesem Punkt sei noch eine Beobachtung die soziale Schichtung betreffend festgehalten: Es sind eher bessergestellte Bauern die in den neuen Krisen nach dem EU-Beitritt mit „Dreinschlagerlust“ reagieren. Diese haben sich immer leichter getraut, ihre Meinung auch öffentlich zu sagen. Die sozial Schwächeren hingegen reagieren eher mit noch mehr Schweigen und Resignation. Sie neigen in ihrem Schweigen dann zur Identifikation mit den Wachstumsbauern und klammern sich noch mehr an die traditionelle Bauernvertretung, die von Wachstumsbauern angeführt wird.

3.         Ausgangshypothese: Fehlende Konflikt­bearbeitung spaltet die Bauern

Seit 30 Jahren werden jene, die in der sogenannten „Agraropposition“ aktiv sind, wenn ungelöste Probleme in der Landwirtschaft angesprochen werden, mit dem Begriff „Spalter“ belegt.[16]

Die bauernbunddominierte Interessenvertretung gilt aus der Sicht der Agraropposition gesehen – insbesondere auf der oberen Führungsebene – seit Jahrzehnten als wenig zugänglich für neue Ideen und alternative Ansätze. Es ist bezeichnend für diesen Zustand, dass die meisten Innovationen und Erneuerungen, wie etwa die nun ins Zentrum gerückte Biobewegung oder die zunehmende Ausdehnung der „eigenständigen Regionalentwicklung“ in ihrer Entwicklungsphase fast ausschließlich aus den Kreisen der Agraropposition und von kritischen Menschen in der Bildungsarbeit der Kammern kamen. In der schlechten Beziehung mit der Agrarführung durchliefen diese Innovationen und ihre Entwickler die destruktiven Stufen des anfänglichen Spottes und der Ablehnung, dann des Kopierens und Nachmachens mit Ausgrenzung der Entwickler und schließlich drittens des Besetzens der Innovation durch jene institutionalisierte Bauernvertretung, die vorher die Entwickler verspottete. Charakteristisch ist auch, dass die Träger dieser Innovationen ein hohes Maß an Konfliktfähigkeit mit sich bringen mussten, um überhaupt mit Projekten in eine erfolgreiche Umsetzungsphase zu kommen. Auch dass viele nützliche und sinnvolle innovative Ansätze auf der Strecke blieben, soll hier nicht verschwiegen werden.

3.1        Umdrehung der Sichtweise

Gesellschaftliche Gruppierungen, die über lange Zeiträume nicht zulassen, dass Probleme, Widersprüche und Konflikte auch innerhalb der scheinbar homogenen Gruppe angesprochen werden, neigen dazu, all jene, die dies versuchen auszugrenzen und als „Feinde“ des Systems zu brandmarken. Es ist bezeichnend für diese Situation, dass in Bezug auf das Konstrukt einer einheitlichen Bauernschaft der Begriff des „Bauernspalter“ geradezu zum Synonym wurde. Gemeint waren all jene, die Probleme und Konflikte aufzeigten und neue politische Ansätze für Problemlösungen suchten: Gruppierungen von Biobauern, politische Bauernvertretungen außerhalb des ÖVP-Bauernbundes, Bildungsvereine, kritische Berater, Lehrer und Wissenschafter, Aus- bzw. EinsteigerInnen, die aus anderen Wirtschaftssektoren kamen und sich mit Landwirtschaft zu beschäftigen begannen, aber auch engagierte Personen aus der Umwelt- und Tierschutzbewegung.[17]

Das Aufzeigen dieser Ausgrenzungsmechanismen soll ausdrücklich nicht dazu dienen, eine weitere Polarisierung zu beginnen, sondern um damit das Kernproblem anzusprechen und die längst fällige kritische Diskussion zu beginnen. Eine solche Umdrehung wird durch eine neue Konflikttheorie möglich. Die Kernaussage lautet:

Nicht wer Probleme und Konflikte anspricht spaltet die Bauern, sondern Bauernspaltung passiert überall dort, wo Probleme und Konflikte entweder in den Untergrund verdrängt oder ohne Bearbeitung polarisiert werden.
Wer Probleme konkret anspricht, eine gestörte Gesprächsbasis wieder in Gang bringt und zu einer fundierten Bearbeitung drängt, hebt Spaltungen wieder auf.

Diese Konflikttheorie baut auf dem im Punkt 1 beschriebenen Konfliktverständnis mit der Dreiteilung: Konfliktvermeidung, Streitlust und Konfliktfähigkeit auf. Wegen dem Mangel an Konfliktbearbeitung ist die Agrarpolitik voller Spaltungen und unbesprochener Strömungen. Dasselbe gilt für die Bäuerinnen und Bauern als Standesgruppe. Sie sind – auch wenn sie nur mehr fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen – voller innerer Spaltungen infolge nicht ausdiskutierter, widersprüchlicher Richtungen. Die Aufhebung von vorhandenen Spaltungen ist demnach nur mit der Stärkung der Konfliktfähigkeit möglich (siehe dazu Kapitel 7). Hier soll mit Hilfe einiger Beispiele die reale „Bauernspaltung“ sichtbar gemacht werden.

3.2        Der Austritt von 700 Biobauern in Tirol im März 2000

Der Leiter des Studienzentrums für Agrarökologie Prof. Josef Willi in Innsbruck gehört zu den ersten Förderern des Biolandbaues. Als in Tirol im März 2000 rund 700 Bauern wieder aus dem Biologischen Landbau ausschieden, schrieb er einen kritischen, offenen Brief an seine Kammervertreter.[18] Ein Auszug daraus:

„…Die Landwirtschaft bzw. die Agrarpolitik führt ein Doppelleben. Der biologische Landbau muss als ökologisches Feigenblatt für die Tiroler Landwirtschaft herhalten. Während viele auf den biologischen Landbau umgestiegen sind, wirtschaften andere weiterhin intensiv konventionell. Nach außen hin wird aber der Eindruck erweckt, dass wir fast ein ökologisch wirtschaftendes Land seien. Die eigentliche Auseinandersetzung um den biologischen Landbau hat noch nicht stattgefunden. Weil die Agrarpolitik ein Doppelleben führt, driftet die Landwirtschaft immer mehr auseinander……“

Josef Willi beschreibt im offenen Brief unter anderem weiters, dass Kühe mit Superleistungen in Almgebieten ein Umweltverschmutzungsfaktor ersten Ranges sind, und dies könnte den guten Ruf der Landwirtschaft einmal noch nachhaltig beschädigen. Er weist nachdrücklich darauf hin, dass Informations- und Bildungsanstrengungen für den Biologischen Landbau fehlen. Und er schreibt an anderer Stelle: „Wenn Kammervertreter auch sehr intensiv wirtschaftenden Bauern signalisieren, dass alles gut sei, bestehe kein Handlungsbedarf für weitere Anstrengungen im Bereich Umwelt und Qualität. Die Ökologisierungsbemühungen werden damit von führenden Bauernvertretern unterlaufen“. Die Betonung liegt dabei auf „sehr intensiv wirtschaftenden Bauern“ und es ist bekannt, dass gerade im Tiroler Unterland stellenweise sehr intensiv bewirtschaftet wird.

Hier nun aus einem Auszug aus der Antwort von den Verantwortlichen der Tiroler Landwirtschaftskammer:[19]

„….Die Landwirtschaftskammer muss schon aufgrund ihres gesetzlichen Auftrages die Interessen der gesamten Landwirtschaft vertreten. Wir sind verpflichtet auch die Interessen der Nicht-Biobauern zu vertreten. Auch wenn Du es nicht so siehst, stellen wir fest, dass der große Teil auch dieser Bauern Tirols sehr verantwortungsbewusst wirtschaftet. Natürlich gibt es Negativbeispiele, nur ist das eine Minderheit, für die wir uns nicht einsetzen…“

In dieser Antwort der Kammer auf die Kritik von Josef Willi spricht erstens deutlich Konfliktvermeidung und eine Form von Gleichmacherei. Es wird zweitens gleichzeitig eine Polarisierung sichtbar nach dem Motto: „Unter 100 Bauern sind 99 Gerechte und ein schwarzes Schaf“. Die Kammervertreter verweigern die von Willi geforderte, dringende Diskussion über das Doppelleben der Agrarpolitik und über die „eigentliche Auseinandersetzung um den biologischen Landbau“ , wie er schreibt. Hier sind wir bei den kritischen Punkten: Weil nicht darüber geredet wird, wird das Problem auch nicht bearbeitet, und es bilden sich unkoordinierte, sich widersprechende Strömungen. Die Landwirtschaft driftet auseinander, spürt Willi und sprich dies an. Solche Probleme wie umweltbelastende Hochleistungskühe auf der Alm werden verschwiegen, dafür teilt man sich in Gute und paar Böse und die wenigen Bösen – ohne das Problem genauer zu benennen – werden dann ausgegrenzt. Da wird eine zweite Form der Spaltung deutlich. Die sehr wohl vorhandenen Konflikte zwischen den sogenannten 99 Guten bleiben dann ohne Bearbeitung.

Diese nicht bearbeiteten Strömungen bedeuten auch ein Dahintreiben der Politik ohne Führung. Eine offene Diskussionen zu führen hieße einen Spannungsbogen zwischen der konventionellen Landwirtschaft und der biologischen Landwirtschaft zu spannen, sich ernsthaft auseinander zu setzen, also bearbeiten und damit die Spannung zwischen den beiden Strömungen zu halten. Den aus Selbstverantwortung handelnden Biobauern käme dabei eine respektierte Vorreiterrolle für eine neue Agrarpolitik zu. Genau aber diese besondere Beachtung und Anerkennung muss verleugnet werden. Fehlt also diese Bearbeitung, bilden sich Gräben zwischen den Gruppen, die Verbindungen brechen auseinander und die Spannung ist unterbrochen. An der Stelle der Aufrechterhaltung der Spannung im Sinne einer aufrechten, kritischen Diskussion, springen dann die Beteiligten, bildlich gesprochen, immer zwischen den Graben hin und her, bzw. werden in ihrer Argumentation unlogisch. Vielfach merken die Proponenten dieses verleugneten Konfliktes gar nicht, dass sie sich längst schon in einem logischen, wenn nicht sogar selbstschädigenden Widerspruch befinden: „Wir sind eh alle „bio“ – doch eigentlich ist „bio“ gar nicht notwendig“[20]. Noch einmal anders definiert: Nicht die Tatsache an sich, dass es konventionelle Bauern auf der einen Seite und Biobauern auf der anderen Seite gibt, ist Gegenstand der Spaltung, sondern die gebrochene Beziehung, die fehlende Konfliktbearbeitung zwischen beiden Strömungen.

3.3        Die Diskussion in der ORF-Sendung „Help“

Unbearbeitete Probleme zwischen konventionelle Bauern auf der einen Seite und Biobauern auf der anderen Seite wurden auch bei der ORF-Sendung Help mit Barbara Stöckl am 24.01.2001 deutlich sichtbar. Das Hauptthema der Diskussionssendung war der sogenannte „Schweineskandal“ infolge von Medikamentenmissbrauch. Die Tierschützer wiesen in Anwesenheit vom Landwirtschafts- und vom Gesundheitsminister deutlich auf die Versäumnisse der Agrarpolitik hin. Unter anderem wurden wieder Filmausschnitte von erkrankten Tieren in einer quälenden, industriellen Kastenhaltung gezeigt. Dies wurde als die eine der zwei Ursachen benannt, warum Medikamentenbedarf besteht. Als zweite Ursache wurde der Zugzwang zur Schnellmast mit leistungs-steigernden Medikamenten im Zusammenhang mit dem Preisdruck angesprochen. Der Landwirtschaftsminister ging aber trotz Drängens von Diskussionsrednern nicht auf das Thema der industriellen Form der Kastenhaltung bei der Schweinemast ein. Er reduzierte das Problem wieder auf einige schwarze Schafe unter den Bauern, die schwer bestraft werden müssen. Das ist eine Form der Personalisierung und Bauernspaltung in viele Gerechte und einige Sünder. Die Diskussion um Käfighaltung und die breite Anwendung von leistungssteigernden Mitteln muss verdrängt werden.

Im Folgenden zeigten anwesende Biobauern groß ihre Schilder in die Kamera und freuten sich über den Zuspruch und den Aufwind des Biolandbaues im öffentlichen Interesse. Infolge der aktuellen Krisen, auch der BSE-Krise, werden ihre Bemühungen nun mehr bestätigt. Ihre jahrelangen Anstrengungen werden damit respektiert und vielleicht auch mehr belohnt. Gegen Ende der Sendung meldete sich ein Innungsmeister der Fleischhauer zu Wort und sagte sinngemäß. „Wir als Fleischhauer brauchen nicht 10 % der Biobauern sondern 100 % der Bauern als Produzenten. Und die 90 % der konventionellen Bauern dürfen nicht als minderwertiger, nicht als schlechter dargestellt werden als die Biobauern. Wir produzieren alle gute Qualität“. Es folgte aus der gleichen Ecke, aus der der Redner sprach, ein kräftiger Applaus mit emotionellen Beifallsbekundungen. Offensichtlich waren dort in dieser Ecke intensiv wirtschaftende Bauern versammelt, die gegen eine Differenzierung sind. Der „Graben“, der Bruch bzw. die Spaltung zwischen den beiden Bauerngruppen mit dem Verbot der Differenzierung war deutlich zu beobachten, wobei dies in diesem Fall auch stark emotionalisiert zu Tage trat.

3.4        Die Analyse der zwei Beispiele

Nun stellt sich in der Konfliktarbeit fachlich die Frage, wie eine Bearbeitung dieser konkreten Probleme und damit eine Aufhebung der Spaltung aussehen könnte. Dazu erscheint es notwendig, weitere von Prof. Willi im ersten Beispiel angesprochene Punkte genauer anzusehen und zu bearbeiten. Er schrieb:

„Wenn Kammervertreter auch sehr intensiv wirtschaftenden Bauern signalisieren, dass alles gut sei, bestehe kein Handlungsbedarf für weitere Anstrengungen im Bereich Umwelt und Qualität. Die Ökologisierungsbemühungen werden damit von führenden Bauernvertretern unterlaufen“.

Auch der Vertreter der Fleischhauer in der genannten ORF-Diskussion argumentierte in die Richtung, dass alles gut sei. Dazu kommt ein weiterer Punkt: Immer mehr Betroffene im Biolandbau beklagen, dass sie für das gute Image der ganzen Landwirtschaft herhalten müssen und der Biolandbau gerne vorne hingestellt wird.

In den angesprochenen Fragestellungen zwischen konventioneller und biologischer Landwirtschaft ergeben sich drei verschiedene, unausgetragene Konflikte:

  1. Ein unausgetragener Konflikt zeigt sich im destruktiven Umgang der Bauernvertreter mit ihren innovativen Kräften in den eigenen Reihen. Kein Betrieb in der Wirtschaft kann sich normalerweise eine so entwertenden Umgang mit seinen innovativen Kräften leisten, wie es in der Landwirtschaft bis heute erfolgt. Ein Grund liegt wohl daran, dass „selbstherrliche“ Politiker wirklich dem Irrtum unterliegen, sie könnten alles von oben regeln. In der Vorstellung, dass sie alles von oben regeln können und wollen, brauchen sie diese Leistung der Eigenverantwortung der mündigen Bürger von unten nicht. Sie wollen nicht darauf angewiesen sein. (Diese Thematik ist Thema vom Kapitel 3.)
  2. Auch wird eine mangelnde Unterscheidung und Differenzierung, eine Art Gleichmacherei trotz ganz verschiedener Leistungen sichtbar. Es wird deutlich, dass viele Beteiligte, aber vor allem die intensiv wirtschaftenden Bauern und ihre Vertreter eine riesengroße Angst haben, reale Unterschiede in den öffentlichen und wirtschaftlichen Leistungen der Bauern anzusprechen. Solche Unterschiede zu definieren und das Marketing darauf aufzubauen, ist aber in der Marktwirtschaft, in der wir leben, Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Statt zu differenzieren wird dieser unausgetragene Konflikt immer schnell mit ideologischer Scheineinheit überdeckt. Es sieht so aus, als ob sich hier in einem von christlich-sozialer Politik dominierten Bereich eine Form von Kommunismus mit Gleichmacherei aufrecht erhält. (Diese Frage der Differenzierung wurde in diesem Forschungsprojekt mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt und wird im Kapitel 4 als eigener Bereich beschrieben.)
  1. Der dritte sichtbare und verdrängte Konflikt betrifft die Selbstverständlichkeit der Anwendung von Missbrauch innerhalb der Standesgruppe der Bauern. Alle Bäuerinnen und Bauern sind per Gesetz Pflichtmitglieder in ihrer Kammer. Ein Teil der mächtigeren Mitglieder benutzt und verwendet immer wieder ganz selbstverständlich andere Teile der Mitglieder für ihre Interessen. Geht es um Imageaufbesserung der Landwirtschaft, werden Biobauern vorne hinstellt, geht es um Förderung der Organisationskosten, werden sie hinten hinstellt. Solche Missbrauchsysteme sind nur auflösbar, wenn der ganze Zusammenhang offen diskutiert wird. Auch die Missbrauchten können nur über eine offene Diskussion Wege für sich finden, aus diesem Mechanismus auszusteigen (mehr dazu im Kapitel 5).

Im Blickwinkel der eingangs definierten Konflikttheorie gesehen passiert Bauernspaltung überall dort, wo Probleme und Konflikte entweder in den Untergrund verdrängt oder ohne Bearbeitung polarisiert werden. In den angesprochen Beispielen werden beide Mechanismen sichtbar. Im Vordergrund steht das Verdrängen von Konflikten. Gleichzeitig ist aber der Mechanismus der Polarisierung auch in beiden Beispielen präsent: Indem zwischen den konventionellen Bauern und den Biobauern die Differenzierung und Konfliktbearbeitung fehlt, wird bei auftretenden Krisen vorschnell zwischen den vielen Gerechten und einigen schwarzen Schafen polarisiert und gespalten. Natürlich geht es beim aktuellen Medikamentenmissbrauch um Gesetzesübertretungen, bei denen die Beteiligten persönlich zur Verantwortung gezogen werden müssen. Die Bearbeitung der Ursachen des Problems in der Agrarpolitik muss aber parallel dazu begonnen werden.

4.         Verbesserung der Beziehung zwischen
Innovation und Politik – zur Kritik des
Förderansatzes

4.1        Ein Beispiel: Die Erosion in den Förderbeziehungen –
persönliche Erfahrungen aus der Entwicklungshilfe

Ich habe in den Jahren 1988 bis 1995 in Westafrika die Durchführung von ländlichen Entwicklungsprojekten geleitet und war dabei jährlich zwei bis dreimal für je drei bis vier Wochen im Land Senegal unterwegs. Dabei bin ich jeweils von Projekt zu Projekt gereist, um konkrete Umsetzungen der Projekte zu betreuen. Jedes der damals sieben Projekte für die Bereiche Technik, Gemüsebau und Aufforstung wurde bei den halbjährlichen Besuchen jeweils mehrere Tage gründlich durchgearbeitet. Dabei war ich als Vertreter der Geldgeber in der Rolle des Förderers. Die Geldgeber waren die österreichische Regierung und kirchliche Sammelorganisationen.

Die Menschen in dieser Sahelregion kämpfen gegen sehr starke Erosion und Wüsten-bildung und viele wandern aus den Dörfern in die überfüllten Städte. Die übliche europäische Landwirtschaftspolitik unter französischer Führung hat in diesem Gebiet mit Rodungen der Landschaften zwecks Erdnussexporten kräftig zur Wüstenbildung beigetragen. Diese starke Erosion des Bodens ist die eine Realität, die uns in dieser Region begegnet. Doch sei hier auch eine zweite Form der Erosion angesprochen, die auch von Europa mit verursacht wurde: Die Erosion in den Förderbeziehungen.

Als mit der Wüstenbildung die Not der Menschen zunahm, war das Land Senegal ein beliebtes Zielgebiet für europäische Entwicklungshilfe. Viele Organisationen mit wenig Fördererfahrung wurden dort unkoordiniert tätig. Man setzte öfters Fördermittel ein, ohne diese Mittel an ganz konkrete Bedingungen, etwa einem eigenen Leistungsanteil der Selbsthilfe zu knüpfen. „Intelligent“, wie auch die Leute dort sind, lernten sie es in manchen Dörfern sehr gut, die immer wieder neuen Förderer für sich zu gewinnen, ohne sich selber zu sehr anzustrengen. Mit Hilfe von erfahrenen Kollegen konnte ich lernen, diese Verhaltensformen zu erkennen und zu verstehen. Ein Kennzeichen dafür war ein verhaltenes Lächeln bei Besuchen in Dörfern, wenn wie üblich die Menschen in Gruppen unter den noch vorhandenen Bäumen sitzen. Das war die gewinnende Form der Werbung um Geld von außen.

Durch unkritische Fördergeldverteilung mancher Helfer bildete sich eine Verweigerung in der Bereitschaft zur Selbsthilfe, es kam bildlich gesprochen zu einer Erosion in der Förderbeziehung. Wir suchten in der Situation eine Lösung und machten ganz konkrete Förderkriterien und Auflagen in der Form, dass wir nur in jenen Dörfern tätig werden wollten, wo es Gruppen mit der Bereitschaft für Eigenanstrengung zur Wiederaufforstung gibt. Nun mussten unsere Projektverantwortlichen die Gegend mühsam absuchen und untersuchen, wo solche Gruppen mit der Bereitschaft zu Selbsthilfe sind. Und die gibt es, wenn man sie sucht. Man kann sie finden, aber man kann sie nicht machen. Diese Erkenntnis hat sich tief in mir eingeprägt.

Bei Projektbesuchen in Dörfern hatte ich mir dann in meinen Beiträgen und Reden einen Kernsatz zugrundegelegt, der hieß: Wir können euch von außen unterstützen, weil ihr von innen her selber eueren Teil der Aufbauarbeit leistet. Würdet ihr nicht selber diese Selbsthilfe leisten, könnten wir von außen nicht wirklich nachhaltig mithelfen. Bei dieser Grunderfahrung sind wir bei einem entscheidenden Punkt.

4.1.1     Die Erosion in den Förderbeziehungen in unserer Agrarpolitik

Gerade in der österreichischen Agrarpolitik gibt es die vom Senegal beschriebene Erosion der Förderbeziehungen. Der Bauer und Landtagsabgeordnete der SPÖ-Salzburg Robert Zehentner spricht davon, dass viele der (früheren) Großbauern das Wirtschaften nie wirklich gelernt haben, weil sie dazu Dienstboten hatten. Aber sie wüssten aus langer Tradition ganz genau, wie man an die Agrarförderungen herankommt. Sie hätten auch immer die Macht gehabt, für sich Vorteile herauszuholen. Diese Beschreibung von Zehentner beinhaltet in anderen Worten genau diese im Senegal beschriebene Erosion der Förderbeziehungen. Die Förderung baut hier nicht auf Eigenleistung auf, sondern ersetzt diese.

Welche Ansätze, welche Politik- und Förderkonzepte sind in einer solchen „korrumpierten Grundstimmung“ überhaupt widerstandsfähig? Eine wichtige und zentrale Erfahrung dabei ist:

Überall dort, wo kritische, in der Problembearbeitung erprobte Selbsthilfeprozesse als Bürgerinitiativen von innen und unten mit einer kooperationsfähigen politischen Planung und Förderung von oben und außen gut zusammenarbeiten, entstehen angemessene Konzepte, entstehen umsetzbare Regeln in Verbindung mit einer praktischen Anwendung und daraus folgenden innovativen, nachhaltigen Veränderungen.

Wir befinden uns in der Agrarpolitik aber weitgehend in getrennten und gespaltenen Abläufen: Hier ist die Politik und dort ist ein Projekt der Selbsthilfe. Ein fruchtbarer Beziehungsprozess, der zwischen beiden Ebenen möglich wäre, entfällt dann und geht der Politik und den Projekten verloren. In partizipativen Programmen der „eigenständigen Regionalentwicklung“, die in Österreich Ende der 70-Jahre entstanden sind, sind solche fruchtbare Beziehungsprozesse vorhanden. Aufgeschlossene Selbsthilfegruppen, einschließlich deren wissenschaftliche Begleiter, planen in Zusammenarbeit mit kooperationsfähigen Behörden regionale Programme und Projekte. Wo eine solche anspruchsvolle Kooperation gelingt, sind praktische Erprobungen bei Innovationen mit wissenschaftlicher Begleitung und mit der Politik verbunden, und dabei kann Neues entstehen. Solche dialogähnliche Beziehungen bedürfen der Voraussetzung, dass es in einer Region Menschen und Potentiale gibt, die für eine eigenständige Entwicklung arbeiten wollen; Menschen also, die in nachhaltige Entwicklungen investieren wollen, um für sich und andere Arbeit zu schaffen.

Dieser produktive Ansatz im Sinne der Verbindung zwischen Selbsthilfekräften, Fachkräften und der Politik geht immer wieder verloren, wenn diese Beziehung zwischen den Ebenen nicht kritisch reflektiert wird. Solche Förderprogramme der Regionalentwicklung wurden allerdings jahrelang an der Bauernvertretung vorbei organisiert, denn die nicht hinterfragbare Machtposition und die damit verbundene Ablehnung von Innovation in der Bauernvertretung machten dies zum Teil sogar notwendig. Ein Konflikt, der ebenfalls bisher nicht ausgetragen wurde.

Dies rächt sich aber spätestens dann, wenn diese Bauernvertretung die Durchführung von Projekten der Regionalentwicklung übernimmt. Indem der kritische Dialog zwischen den innovativen Kräften und der Bauernvertretung weitgehend fehlt, fehlt vielen Exponenten der Bauernvertretung nun auch die Kenntnis solcher Prozesse. Sie haben sich in das Wesen solcher Innovations-Prozesse von unten nicht hineingearbeitet. Man hat ja vielmehr immer von oben dirigiert und die gestörte Beziehung mit den bisherigen innovativen Kräften blieb dabei unbearbeitet.

Solange die Grundfragen im Beziehungsgefüge zwischen Selbsthilfe und Politik nicht genug geklärt sind, wird es immer wieder Rückschläge in den neuen Sachprogrammen geben. Im Folgenden seien die Elemente und Prozesse einer besseren Zusammenarbeit beschrieben.

4.2        Verbindung von Selbsthilfe und Politik statt „Größenwahn“

Es geht hier um das Wissen und um das Verstehen, dass lebendige Entwicklungsprozesse schlichtweg nicht machbar sind. Lebendige Prozesse kann man nur entdecken und stützen. Ein Machertyp mit unreflektierten Eitelkeiten ist bei dem Satz vielleicht verletzt: Er will lieber machen, entwickeln, managen, und „glänzen“ und nicht so sehr langwierige Dialoge in konfliktreichen Prozessen führen. Um letzteres geht es aber. Ein solches Denken beinhaltet eine Relativierung der Möglichkeiten und der Grenzen der Politik. Es muss zugelassen werden, dass man Abhängigkeiten eingeht; man muss anerkennen, dass man es alleine nicht kann. In einer Politik mit Machbarkeitsvorstellungen sind wir die großen Phantasien gewohnt geworden, die da heißen: Wir werden den „Feinkostladen Österreichs“ einführen, wir werden die flächendeckende Ökologisierung realisieren, wir wollen eine ökosoziale Landwirtschaft managen. Dies alles sind zwar erstrebenswerte Ziele, aber wenn die Widersprüche in der Politik nicht mitbearbeitet werden, bleiben es schöne Ziele. Die Umsetzung solcher Wünsche bedingen viel differenziertere Prozesse.

Diese Relativierung gilt für beide Seiten: Für die Selbsthilfe- und Bürgerbewegung und für die Politik.[21] Erst durch die Einsicht in die Grenzen der Machbarkeit und durch den daraus erwachsenden Dialog entstehen bessere Beziehungen in der Zusammenarbeit und werden tatsächliche Veränderungsprozesse möglich.

4.2.1     Der nachhaltige Selbsthilfeprozess

Von der gesellschaftlichen Rolle her gesehen ist die Selbsthilfe von unten wie es der Gründer der Maschinenringe Erich Geiersberger nannte „eine eigene Antwort von mündigen Bürgern auf die Herausforderungen der Zeit. Politik dagegen ist die Kunst des Möglichen für die Mehrheit“[22]. Die Aktiven begrenzen sich auf jene Beteiligten, die selber mitmachen wollen. Sie wollen und können also nicht für alle sorgen. Andererseits ist in nachhaltigen Selbsthilfeprozessen eine weiterentwickelte Stufe von kleinen lokal begrenzten Bürgerinitiativen zu sehen. Sie durchlaufen einen wichtigen mehrstufigen Prozess zur Vorstrukturierung von Politik. In diesem Zusammenhang wurde bei einer Landesgruppe von Biobauern folgender vielschichtiger Prozess analytisch erfasst:

  1. Die Beteiligten geben sich selbst anspruchsvolle Kriterien zur ökologischen Bewirtschaftung und zur Herstellung von qualitativen Lebensmittel.
  2. Sie einigen sich in einem aufwendigen Diskussionsprozess untereinander auf solche Ziele und Kriterien, die dann für Mitglieder verpflichtend sind.
  3. Sie erforschen, entwickeln von sich aus, nicht von oben befohlen, praktikable Lösungen. Die angestrebten Lösungen werden real erprobt, weiter ausgereift, wissenschaftlich rückgesprochen und fundiert, um sie auch auf breiterer Basis anwendbar zu machen.
  4. Daraus entstanden verbindliche, kontrollierte Systeme für eine ganze Bewegung mit Tausenden an Mitgliedern, die sich freiwilligen Kontrollen von dritter Seite unterziehen.
  5. Sie gehen eigenständige Bündnisse mit gesellschaftlichen Gruppen, mit Handelsorganisationen und mit der Politik ein. Sie bauen eigenständige Vermarktungsformen auf.

An diesem vielschichtigen Prozess merkt man, wie viel eigene Anstrengung hier „drinnen steckt“ oder hier notwendig war und ist. Der Begriff „Nachhaltige Selbsthilfe“ bedeutet, dass mehrere wichtige Stufen eines Prozesses bearbeitet werden, an denen normalerweise eine gute Politik gar nicht vorbeikommen sollte, etwa: Selbstmotivation, Akzeptanz, Erprobung von Abläufen, Anwendung bei vielen, Eigenkontrolle, im Bündnis geeinigt. Von einer anderen Perspektive aus betrachtet sieht man, wie viel Arbeit hier der Politik und der Behörde abgenommen wird.

4.2.2     Der politische Prozess unterscheidet sich von der Selbsthilfe

Die Politik hat zum Unterschied zur Selbsthilfe die Aufgabe, eine akzeptable Lösung für alle betroffenen Beteiligten der Standesgruppe und der Bürger ihres Landes zu finden. Ausgehend vom Beispiel der genannten eigenständigen Entwicklungen der Biobauern eines Bundeslandes geht es in der Bauernvertretung und in der Politik nun darum, einen Weg und eine Lösung für alle Bauern der Kammer oder des Landes zu finden. Die selbsthilfeorganisierten Biobauern repräsentierten ja nur einen kleineren Teil der Bauern.

Wenn zum Beispiel die Politik nun auch einen Weg der flächendeckenden Ökologisierung beschreiten wollte, dann gäbe es hier an dieser Schnittstelle zwischen den von sich aus voranschreitenden Bauern und jenen, die zum Nachfolgen motiviert werden sollten, viele Möglichkeiten der Prozesssteuerung: Etwa mit dem Mut einer offenen Differenzierung von Qualitätsunterschieden einerseits bei Produkten, andererseits bei öffentlichen Leistungen der Selbsthilfe- und Biobewegung. Der Biolandbau könnte damit die Rolle der Vorstrukturierung und der Durchführung von Erprobungsprozessen für eine neue Agrarpolitik wahrnehmen. So gesehen würde dies automatisch ein produktives Spannungsfeld und eine Diskussion in der Agrarpolitik auslösen. Man könnte mit breiter Informationsarbeit, Weiterbildung und öffentliche Bewusstseinsbildung gemeinsam mit Konsumenten arbeiten. Schließlich könnte eine Bindung der allgemeinen Agrarförderung an ökologische Auflagen eingeführt werden; wenn, ja wenn man wollte.

In einer produktiven Zusammenarbeit von beiden Seiten, der Selbsthilfe und der Politik können große Erneuerungsprozesse für viele Beteiligte zufriedenstellend gelingen. Die Politik täte vor allem in so heiklen und sensiblen Fragen, wie die Ökologisierung es ist, gut daran, sich bei der Problemlösung mehr an den vorhandenen Selbsthilfekräften zu orientieren. So könnte man weiterführende konstruktive Lösungen finden.

4.2.3     Eine konstruktive Verbindung zwischen Selbsthilfe und Politik wird
verweigert

Das alles würde gehen, wenn man es – im Sinne von Qualtinger gesagt – wollen dürfte. Zur klaren Erkenntnis, dass eine Ökologisierung angestrebt werden sollte, ist die Agrarpolitik aber (noch) nicht gelangt. Viele in der Politik möchten es schon, aber andere wollen es gleichzeitig nicht, weil die Agrarpolitik auch an andere Interessenslagen, etwa an Lobbys, Zugeständnisse machen muss. Dies sind insbesondere Lobbys, die immer öffentliche Förderungen kassieren wollen, für die sie keine öffentlichen Leistungen erbringen wollen oder können. Dass in der landwirtschaftlichen Interessenvertretung auch die Agrarindustrie übermäßig verankert ist, darüber wird weitgehend der Mantel des Schweigens gebreitet. Und ausdiskutiert wird der schwerwiegende Konflikt bisher nicht.

Eine der Grundfragen in diesem unausgetragenen Konflikt ist die verbotene bzw. verhinderte Differenzierung und Unterscheidung zwischen verschiedenen Leistungen der Bauern an die Konsumenten und an die Gesellschaft. Ökologisch arbeitende Bauern bieten sowohl bessere, d.h. gesündere Lebensmittel an und tragen zusätzlich zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und der Umwelt oder zur Wiedergesundung der Tiere bei. Diese Unterschiede dürfen bislang nicht klar bearbeitet werden. Fast jede dieser Diskussionen rutscht sofort von der Sache auf die wertende und personalisierende Ebene zwischen Gut und Böse: Ihr spaltet zwischen guten Bauern und schlechten Bauern, heißt es dann sofort, und die Diskussion wird damit „vergiftet“ und beleidigend.

Genau an der Stelle geht es darum, die personalisierende, abwertende Diskussion mit Hilfe einer besseren Konfliktbearbeitung zu überwinden, um zu einer klaren Sachdiskussion über notwendige Unterscheidungen zu kommen. Die mit strengeren Kriterien erzeugte biologische Produkte dürfen dann nach einer abklärenden Diskussion in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft als Produkte mit einer höheren Qualität gelten und logischerweise teuerer sein. Auch die nach ökologischen Kriterien erhaltene Umwelt ist in der Realität für eine Gesellschaft ein höherer Wert als eine belastete Umwelt.

4.3        Autoritäre Politik kauft Wohlverhalten mit
Steuergeldern

Bei der kritischen Analyse von Förderbeziehungen darf die Reflexion über die Machtausübung mit Förderungen nicht fehlen. Das Muster „Wer zahlt schafft an“ spiegelt sich in der vorhin besprochenen Diskussionsverweigerung wider: Man gibt Fördergeld ohne Bindung an Kriterien ab. Es ist sozusagen die Rückseite einer gleichen Medaille mit einem autoritären Grundmuster. Wer mit Steuergeld Wohlverhalten kaufen will, der will ohne Diskussion, ohne Überzeugungsarbeit und ohne politischen Dialog Macht ausüben. Man schafft damit einseitige Abhängigkeiten und das ist autoritär.

Wer Fördergeld verteilt, ohne vorher darüber eine offene Diskussion mit den Empfängern zu führen und ohne dieses Geld an verbindlichen Kriterien zu knüpfen, zeigt in umgekehrter Form, dass er als Geldgeber von den Empfängern einseitig abhängig ist. Es macht im Prinzip wenig Unterschied, ob dies durch Erpressung durch Lobbys geschieht oder ob es einfach geschieht, um Zuneigung einzusammeln bzw. um Wählerstimmen zu maximieren. Diese Einstellung mit dem Motto: „Wer zahlt schafft an“ ist weit verbreitet und weitgehend akzeptiert. Diese autoritäre Leitlinie geht konform mit einem zweiten sehr verbreiteten Motto, das lautet: „Geld regiert die Welt“.

In beiden Kurzformeln steckt die Vorstellung, dass man mit Geld alles machen kann, alles kaufen kann, auch das Wohlverhalten von Menschen, um sie zu steuern. Wenn man auf Menschen trifft, die für Geld alles zu machen bereit sind, stimmt diese Theorie auch für diese begrenzte Situation. Wer aber mit Fördergeld ohne Dialog, ohne gemeinsame Entwicklung von bindenden Kriterien mit den Empfängern das Verhalten dieser Menschen verändern will, kann gar keine nachhaltigen Veränderungen erreichen. Wer z.B. nur deshalb Biolandbau macht, weil es dafür Geld gibt, hört wieder auf, wenn es kein Geld dafür gibt.

Es wird zuwenig bedacht, dass zur nachhaltigen Lösung von Krisen – und die Agrarpolitik ist in einer Krise – mit Geld alleine wenig auszurichten ist. Die Faktoren Wissen, Fähigkeit zur kritischen Reflexion, Eigeninitiative, Innovation, Kommunikation und Organisation etc. sind ebenso wesentlich wie Geld. Gerade in Bereichen der komplexeren Krisenbewältigung sieht man oft, wie wenig Geld alleine heraushilft, wenn Eigenverantwortung der Beteiligten und Professionalität fehlt.[23]

4.3.1     Unbezahlte Entwicklungsarbeiten auf der einen Seite, Geldverteilung ohne Bindung an Auflagen auf der anderen Seite

Aus der Perspektive von innovativen und aktiven Einzelpersonen und Initiativen gesehen, kennen wir die Situation zur Genüge. Es gibt sehr viel Mühe von Personen und von Gruppen, die in Form von Selbsthilfe wichtige, grundsätzliche Veränderungen und Erneuerungen in die Wege leiten. Sie haben oft keine Chance an ein Fördergeld heranzukommen. Im Gegenteil, kritischen Gruppen wird die Förderung eher verweigert oder gekürzt; nicht zuletzt deshalb, da sie allein durch ihre Aktivitäten den Status quo der Abhängigkeiten in Frage stellen. In der Agrarpolitik fallen bisher die beiden Ebenen fast immer auseinander: Auf der einen Seite gibt es die Tendenz, große Mengen Fördergelder ohne konkrete Kriterien und Bindungen an Auflagen – z.B. in Richtung einer tatsächlich wirksamen Ökologisierung – zu vergeben. Auf der anderen Seite gibt es viele Initiativen für Selbstfindung, für Bewusstseinsbildung, für Ökologisierung mit hoher Professionalität etc., die an kein Fördergeld herankommen.

Beobachtungen zufolge gibt es zur Zeit einen Trend der noch stärkeren Aufspaltung und Auseinanderentwicklung in unbezahlte Entwicklungsarbeiten auf der einen Seite und Geldverteilung ohne Bindung an Auflagen auf der anderen Seite. Wo auch immer es so ist, ist es ein deutliches Zeichen für eine autoritäre Politik. „Selbstherrliche“ Politiker glauben wirklich, dass sie die Eigeninitiative von unten und von außen nicht brauchen. Sie gehen in ihrem autoritären Anspruch vom Glauben aus, dass sie mit Propaganda und Förderungen von oben die von ihnen gewünschten Ziele und Veränderungen erreichen.

Um zu einer besseren Problemlösung zu kommen, ist es geradezu eine Herausforderung diese beiden Ebenen als ein jeweils notwendiges Gegenüber zu verstehen und zusammenzubringen. Die Potenz der Eigeninitiative verbunden mit Professionalität und Verantwortung muss der Macht des Fördergeldes gleichwertig gegenüberstehen. Es muss eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen beiden Ebenen erkannt und akzeptiert werden. Das ist wesentlich für einen wirksamen Förderansatz.

4.3.2     Unterscheidung zwischen „kaltem und warmen“ Geld

Zum Abschluss dieses Kapitels zum Thema Förderansatz sei nochmals zu einem Bild im Zusammenhang mit afrikanischen Erfahrungen zurückkehren: Bei einer großen ländlichen Selbsthilfegruppe im Land Burkina Faso entwickelte man zur Bewusstseinsbildung kreativ eine Unterscheidung zwischen „kaltem und warmen“ Geld bei Förderprozessen. Als kaltes Geld wird jenes Geld benannt, das von außen als Starthilfe kommt. Das sind Projektgelder, aber auch Geräte oder andere Leistungen der Entwicklungshilfe. Als warmes Geld wird die eigene Anstrengung benannt. Auch die Wertschöpfung, die der Empfänger dann selbst aus dem Startgeld von außen erwirtschaften, ist warmes Geld.

Fazit: Hier wird eine klare Grenze definiert zwischen den zwei sehr verschiedenen Ebenen, die meistens zu wenig kritisch unterschieden werden: Die Kraft der eigenen Anstrengung und die Leistung von außen. Die genaue Einschätzung dieser zwei Ebenen – was kann selber gemacht werden und was muss von außen kommen – ist in jeder Förderung, die einen Anspruch auf Entwicklung hat, der zentrale Punkt. Darauf folgend ist dieses Verhältnis zwischen beiden Ebenen, wenn es gut geht, in einer Veränderung begriffen: Die eigene Wertschöpfung – das warme Geld – steigt, der Außenanteil – das kalte Geld – kann dann sinken. Ob diese laufende Neueinschätzung gelingt, hängt von der Professionalität der Beteiligten ab.

5.         Das Ringen um Unterscheidungskriterien

5.1        Vom Subjektiven zum Objektiven:
Die persönliche Einschätzung als Gewerbetreibender –
„Bauern haben noch Angst vor Differenzierung“

Ich bin selber Mitinhaber einer Gewerbefirma und im Verkauf tätig. In einer GMBH im Familienkreis erzeugen wir mit rund 20 Beschäftigten Qualitätshängematten, Hängesessel und Gestelle. Ich selber gehe damit seit 20 Jahren in Deutschland und in Österreich auf Messen. Es ist selbstverständlich, dass wir entsprechend unserer eigenen Kriterien unter den verschiedenen Angeboten am Sektor Hängematten uns als Qualitätsprodukt definieren und abgrenzen und dafür einen höheren Preis als bei Massenware ansetzen. Allerdings müssen wir selber als Hersteller jedes Jahr viel für Direktwerbung tun: Wir „machen“ nicht weniger als 30 Messen pro Jahr.

Aus diesem Zusammenhang heraus scheint es auffällig, welche Schwierigkeiten im bäuerlichen Bereichen sichtbar werden, wenn es darum geht, unterschiedliche Qualität auch unterschiedlich zu bewerten und anzubieten. Da werden Verbote, Tabus und Missbrauch für mich sichtbar. Als jemand der sehr viel am Markt tätig ist, will ich zunächst meine eigene Meinung als Konsument zur Unterscheidung zwischen Bauern darstellen. Mir fallen sofort drei große Unterschiede ein:

  1. Die höhere Qualität der Lebensmittel: Die großen Unterschiede im ganzen Produktionsprozess, an dessen Ende ein ganz anders Produkt herauskommt als bei „auffrisierter“ Erzeugung mit Leistungssteigerern. Dies kann inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen werden (siehe dazu Ludwig Bolzmann Institut für Biologischem Landbau, Wien).
  2. Das Nebenprodukt „gesunde Natur“: Das völlig unterschiedliche Nebenprodukt der „gesunden Natur“ mit der Erhaltung der gesamten Lebensgrundlagen (Böden, Wasser, Tiere, Artenvielfalt etc.). Darin enthalten ist auch eine faire, internationale Haltung, weil diese Form der Produktion mithilft, die Ernährungsgrundlagen aller Völker zu sichern.
  3. Selbstinitiative und langfristig große Kostenersparnisse: Bauern, die von sich aus Verantwortung übernehmen, erbringen damit besondere Leistungen für die Gesellschaft. Das geht von der Innovation bis zum „Ausloten“ für eine neue Agrarpolitik und mehr Demokratie am Land. Die herkömmliche Agrarpolitik kostet uns allen schon lange sehr viel Steuergeld. Der eigenverantwortliche Umstieg in eine neue Agrarpolitik spart also langfristig auch enorm viele Kosten. Das ist ein großer volkswirtschaftlicher Wert.

Meinen Beobachtungen zufolge wird bis jetzt nur der erste Bereich, die „qualitativen Lebensmittel“ begrenzt bearbeitet und beworben. Beim Aussprechen der Punkte im zweiten Bereich, der wertvollen Nebenprodukte als Differenzierungskriterium, gibt es agrarpolitisch ganz große Ängste. Das würde zum Beispiel heißen, es gibt für „Ökoland“ höhere Direktzahlungen. Als Leistung und Qualität völlig unbekannt ist der dritte Bereich: die Selbstorganisation, die Innovation und die Eigenverantwortung. Soweit meine persönliche Einschätzung.

5.1.1     Das Ringen um Unterscheidungskriterien

Die Frage nach Unterscheidungskriterien zwischen verschiedenen wirtschaftlichen und öffentlichen Leistungen von Bauern war auch ein Thema dieses Forschungsprojektes. Die bisherigen Bemühungen um Differenzierung zwischen verschiedenen Bauern und ihrem produktiven Zusammenhang beziehen sich stärker auf Rahmenbedingungen bei Erschwernissen in der Produktion, in verschiedenen Höhenlagen, Hanglagen, klimatischen Unterschieden etc. sowie auf Kriterien die Infrastruktur betreffend. Diesbezüglich seien als Beispiel die wichtigen und detaillierten Arbeiten der Bergbauernzonierung anführen, worauf dann die verschiedensten Förderkonzepte aufbauen.

Es gibt auch agrarische Umweltprogramme, die sehr detailliert ausgearbeitete Kriterien aufweisen. Wenn man aber diese Kriterien in Relation zu den angebotenen Förderungssummen analysiert, wird man feststellen, dass die detaillierte, zerlegende Kriterienbildung weitgehend nur dazu dient, um unter minimalen Auflagen – die jederzeit hinterfragbar sind – ein Maximum an Förderungen zu verteilen. Man zerlegt den konventionellen Produktionsprozess in Einzelkriterien, um für jedes Einzelkriterium zahlen zu können, ohne den Produktionsprozess als solches wesentlich zu verändern – mit Ausnahme des biologischen Landbaus, dessen Förderung in die Umweltprogramme integriert wurde, um ihn als „Aushängeschild“ zu verwenden.

Ausgangspunkt bei weitergehenden Unterscheidungen ist die Tatsache, dass in der Landwirtschaft ganz verschiedene Strömungen vorherrschen. Es gibt zunächst die Biobauern und die konventionellen Bauern; dazu kommt, dass auch zwischen den konventionellen Bauern noch sehr große Unterschiede vorherrschen, etwa wie sie mit den Lebensgrundlagen umgehen. Ein ganz wesentlicher Unterschied ist es auch, wie Leistungskriterien bei der Tierzucht angewendet werden: Die Haltung von Hochleistungskühen wirkt sich auf viele Bereiche ganz anders aus, als die Haltung von Kühen in der traditionellen bäuerlichen Form, in der die regional vorhandenen Ressourcen wie Gras, Heu und Silage verwertetet werden. Ganze Zuchtverbände wie die „Pinzgauerzucht“ oder der „Fleckviehverband“ trimmen ihre Mitglieder auf Hochleistung und lösen Zug- und Sachzwänge aus, wie beispielsweise steigende Futtermittelimporte oder lokale Nährstoffüberschüsse mit allen bekannten negativen Umwelt- und Sozialfolgen. Nicht zuletzt war man in dieser eindimensionalen Produktivitätsstrategie auch deshalb erfolgreich, weil von der Bauernvertretung über Jahre hinweg Hochleistung ausgezeichnet wurde und dies deshalb auch „Ansehen“ bedeutet, ohne dass darüber kritisch reflektiert wurde, wohin die unbegrenzte Leistungssteigerung führt, oder dass es auch Alternativen dazu geben könnte.

Dasselbe gilt für das Tempo der Mast: Ob in vier Monaten mit Leistungssteigerern gemästet wird, oder ob dies in 8 Monaten mit normaler Fütterung erfolgt, ist ein großer Unterschied, sowohl in der Qualität des Produktes als in den Nebenwirkungen auf die Umwelt. Andere große Unterschiede beziehen sich auf die Form der Tierhaltung, ob in quälenden Kästen oder Käfigen oder ob in tiergerechten Formen. Ähnliche Unterschiede ließen sich in der Intensität des Pflanzenbaus und in seinen Folgewirkungen auf das Grund- und Trinkwasser oder auf die biologische Vielfalt herausarbeiten.

In allen diesen vielen Punkten weigern sich die Verantwortlichen der Bauernvertretung besonders stark, notwendige Qualitäts-Differenzierungen anzuerkennen. Offensichtlich liegen hier wesentliche Punkte, die für einen Teil von einflussreichen Bauern schmerzhaft wären, würde eine solche Differenzierung Platz greifen.
Bei der Bearbeitung dieses „heiklen“ Themas wurden drei Blickwinkel besonders bearbeitet:

  • Im ersten Teil werden Ergebnisse aus sechs Gruppendiskussionen, deren Teilnehmer mit Fragen der Differenzierung konfrontiert wurden, wiedergegeben (Punkt 4.1.).
  • Im zweiten Teil geht es um Unterscheidungsfragen aus der Sicht des öffentlichen Rechtes (Punkt 4.2.).
  • Im dritten Teil wurden Beobachtungen bezüglich des Umgangs mit dem Begriff der Einheit der Bauern aufgezeichnet und analysiert (Punkt 4.3.).

5.2        Ergebnisse aus Gruppendiskussionen mit Betroffenen

Zur Methodik der Gruppendiskussion: Aufbauend auf problembezogenen Grundlagenarbeiten wurden anhand von Folien oder Plakaten Problembereiche in Gruppen zur Diskussion gestellt. Die TeilnehmerInnen waren hauptsächlich Biobauern und Biobäuerinnen.

Die Gesprächsergebnisse wurden aufgezeichnet und darüber hinaus Reaktionen teilnehmend beobachtet und festgehalten. Folgende Zwischenergebnisse bzw. Hypothesen wurden in den Gruppen bearbeitet:

Unterschiedliche Leistungen von verschiedenen Bauerngruppen

Auf der einen Seite sind jene Bauern, die sich für eine nachhaltige, ökologische Qualitätsproduktion mit Naturschutz und -erhaltung von sich aus in Eigenverantwortung entschieden haben. Sie finden damit eine positive neue Identität und haben eine aktive Bezogenheit zu ihrer Region, indem sie Spezialprodukte anbieten und darüber hinaus verschiedene soziale und kulturelle Dienstleistungen bereitstellen. Dieser Teil der Bauern ist orientiert an den Anforderungen und am Bedarf der Gesellschaft. Sie erbringen besondere Leistungen und vermeiden Überschüsse und damit Folgekosten.

Auf der anderen Seite sind die Bauern, die sich mit oft riskanten Investitionen in die Mengenproduktion begeben. Ihre Orientierung richtet sich auf den Weltmarkt mit seinem Preiskampf; diese Orientierung geht aber in wesentlichen Punkten am gesellschaftlichen Bedarf vorbei, denn die Mengenproduktion belastet die Umwelt, und die Exportförderung kostet viel öffentliches Geld. Intensivproduktion stört oft den sozialen Frieden in den Regionen. Durch Überschüsse steigt ständig die „Eskalation im Preiskampf“. Damit wird auch den anderen Bauernkollegen, die sich ökologisch und damit bedarfsorientiert verhalten, Schaden zugefügt.[24]

Genau gesehen haben wir es hier mit zwei so grundverschiedenen Produktions-, Dienstleistungs-, und Organisationsformen zu tun, dass sie nicht – wie es zur Zeit noch der Fall ist – in einem Topf der „Bauern-Einheit“ vermischt sein dürften. Bei so verschiedenen und sogar gegensätzlichen Leistungen an die Gesellschaft dürfte eigentlich nicht von „den Bauern“ in der Einheitsform gesprochen werden. Diese Pauschalierung mit „die Bauern“ ist zur Benennung von Qualität am Markt sehr hemmend und schädlich. Liegt doch der Erfolg bei einer modernen Kundenorientierung in der Kennzeichnung und Differenzierung der speziellen Angebote.

Widersprüche von Seiten der Konsumenten

Natürlich geht es auch um die Frage, wie sich die Bürger, die Konsumenten zur konkreten Unterscheidung verhalten. Laut Umfragen sind bis zu 80 % und mehr für eine bäuerliche Landwirtschaft und für eine ökologische Produktion. Das Verhalten beim Einkauf ist gleichzeitig sehr widersprüchlich, indem Verbraucher zwar den Qualitätsprodukten das Wort reden, dann aber im Supermarkt das billigste Angebot aus dem Dumping-Import auswählen.[25]

5.2.1     Antworten aus den Gesprächskreisen

Bei der Wiedergabe der nun folgenden Diskussionsbeiträge aus den sechs Gesprächskreisen wird darauf geachtet, dass die Originalität der Aussagen bzw. Zitate erkennbar bleibt. Die Gliederung erfolgt nach fünf verschiedenen Gesichtspunkten:

Trend, Strömung, ruinöser Wettbewerb

  • Manche Kammerberater reden ganz offen: 9 von 10 Milchbauern müssen verschwinden. Es denkt aber kein Bauer, dass es ihn erwischt. Man wähnt sich unter jenen die übrigbleiben. Manche Bauern beten einen Vaterunser dass der Nachbar aufhört. Bauern begreifen nicht, dass es bei diesem Denken auch ihn treffen könnte, dass da keiner übrigbleibt.
  • Es wird wie ein Naturgesetz diskutiert, dass viele Bauern ausscheiden müssen. Man denkt nicht nach, ob es eine andere Lösung gibt.
  • Wir sind in einer Strömung der Leistungssteigerung. Der Fleckviehverband steigert auf 9000 kg/Jahr. Einige Biobauern machen solche Trends auch mit. Die Leistungsziele sollten wieder umgestellt werden auf andere Kriterien, etwa auf Lebensleistung.
  • Wir haben harte wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten: Rationalisieren, Billig -Herstellen, Wachstum, Fusionierung.
  • Die neuen Hochleistungskühe sind schwerer und schädigen die Vegetation auf den Almen. Aber wenn das der Trend ist, ein Bauer kann nicht im Sommer andere Kühe haben als im Winter.
  • Die Kuh mit 8000 kg Milch/Jahr ist wirtschaftlich gesehen ein Widerspruch in sich. Man zahlt für den Futterzukauf mehr als es bringt. Die Kuh wird dabei zur Sau gemacht. Es werden Grenzen der natürlichen Kreisläufe verlassen.
  • Gewisse Bauern sind zum Biolandbau gewechselt, weil es dafür Geld gegeben hat.
  • Die Solidarität unter Bauern wird weniger.
  • Man soll immer größer , schöner, etc. werden. Aber Kooperation wird nicht gefördert.
  • Es gibt ein unbestimmtes Hineinschlittern.
  • Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Wachstumsphilosophie hin zum bäuerlichen Wirtschaften. Wir brauchen neue Regulative.
  • Laut der Analyse von Club of Rome ist die landwirtschaftliche Produktionsform nicht mit der üblichen Wirtschaft vergleichbar. Die Landwirtschaft ist Grundlage der Gesellschaft.
  • In der derzeitigen Situation sind vor allem auch große, intensiv produzierende Bauern unter Druck
  • Was leistet der Biolandbau für die Gesellschaft? Er begrenzt sinnloses Wachstum. Er geht von der Verantwortung aus, beginnend in der Familie. Der Biolandbau übernimmt Verantwortung in der Gesellschaft.

Widersprüche in der Politik

  • Die eigentlich gefährdeten Bauern sind zur Zeit jene Bauern, die aufstocken für das Wachstum. Man kann die hohen Kosten einer Aufstockung nie wieder erwirtschaften.
  • Wenn das so ist, dass die Wachstumsbauern gefährdet sind, und ich denke auch, dass dies so ist, dann ist eine Politik, die den Bauern das Wachsen einredet, eine sehr verantwortungslose Politik.
  • Die Politik ist nicht imstande Grenzen zu ziehen. Wir müssen selber als Biobauern die fehlende Diskussion beginnen. Es gäbe viele Möglichkeiten für die Politik etwas zu tun und neue Grenzen zu ziehen.
  • Weil im allgemeinen im Pinzgau ein Trend zur Intensivierung vorherrscht, der auf alle Bauern Zugzwänge auslöst, deshalb bin ich aus Verantwortung zur Familie aus diesem Trend ausgestiegen und in den Biolandbau eingestiegen.
  • Man muss diesem Trend des Wachstums die Anerkennung verweigern, aussteigen.
  • Die Begriffe „Groß“, „Klein“ sollten bei der Differenzierung zwischen Bauern vermieden werden, das ist nicht das Problem.
  • Müller aus der Schweiz hat den Biologischen Landbau aus gesundheitlichen Gründen, sowie aus Gründen zur Stützung der kleineren Betriebe entwickelt.
  • Als Biobauer bin ich froh, dass auch die anderen noch da sind. Es wäre schlimm wenn ich in der Region alleine wäre.

Preispolitik und Konsumentenverhalten

  • Milchlieferanten mit 20.000 kg/Jahr werden nun von der Molkerei als Problem gesehen. Sie handeln aus ihrem wirtschaftlichen Druck heraus und können nicht anders.
  • Der überwiegende Teil der Gesellschaft ist für billige Nahrungsmittel. Nur einige Leute in der Gesellschaft sind bereit mehr für Qualität zu zahlen.
  • Man zahlt nur wenige Prozente des Einkommens für Ernährung. Man will einerseits eine gesunde Umwelt und andererseits will man nicht viel dafür zahlen. Das drängt Bauern in Probleme.
  • Es ist zuwenig bekannt, dass Verbraucher, die mehr für Ernährung zahlen, unter dem Strich als Ganzes gesehen nicht mehr Geld brauchen. Sie sparen sich andere Dinge. Es braucht mehr Gesprächskreise zwischen Bauern und Verbraucher, um solche Fragen zu bearbeiten.
  • Der größere Teil in der Gesellschaft ist ambivalent, sie wollen eine gesunde Umwelt und wollen dafür nicht bezahlen. Man will den guten Bauernkäse, aber zu Hoferpreisen (Preise in Diskontgeschäften).
  • Als Biobauer habe ich viele Auflagen. Wer auf alles achtet, Wasser, Boden etc. für den stimmen die Preise nicht.

Förderpolitik

  • Die Verteilung der öffentlichen Mittel ist ein heißes Thema: Wo Geld ist, kommt gern Geld dazu.
  • Beim ÖPUL-Programm wird es deutlich, dass die konventionellen Bauern viel mehr aus dem Topf herausholen. Diese ÖPUL-Mittel wandern immer mehr zu den konventionellen Produzenten mit wenig Umweltleistungen.
  • Die Ausgleichszahlungen sind nichts anderes als vorher weggenommene Preisförderungen.
  • Förderungen von Innovationen werden oft zu groß angelegt und entfernen sich vom bäuerlichen Maß und Hausverstand. Es sind dann nicht mehr Entwicklungen von unten.
  • Mehr als 75 % der Bauern sind bereits im Nebenerwerb und besorgen den Hof nebenbei. Für diese Betriebe ist wichtiger, dass sie in der Region Arbeit finden. Für diese Bauern ist Regionalförderung wichtiger als Agrarförderung.

Trend zur Polarisierung

  • Es gibt Angst über Unterschiede zwischen Bauern zu reden, man gerät leicht in die Polarisierung, in eine gegenseitige Beschimpfung und Abwertung.
  • Zur Zeit explodieren manchmal die Diskussionen zwischen konventionellen Bauern und Biobauern. Es werden dabei oft schwere Vorwürfe erhoben und dies löst Ratlosigkeit aus.
  • Es ist eine Schweinerei, dass große Bauern jetzt die Milch vom Pinzgau nach Salzburg führen und die Molkerei hier hat dann Schwierigkeiten. Wo führt das hin, wenn die Pinzgauer Molkerei aufhören muss?
  • An manchen Stellen eskaliert die Diskussion bezüglich Wachsen und Weichen. Ein Flachgauer Bauer sagte: Ihr Gebirgler könnt doch aufhören zu produzieren, dann können wir besser leben. Wo führt das hin?

5.2.2     Zusammenfassende Bemerkungen

Die Ergebnisse der Diskussionen zeigen erstens auf einen deutlichen Trend zur Intensivierung und zum Wachstumsbetrieb (diese Gespräche fanden vor dem sogenannten Medikamentenskandal bei der Schweinemast statt). Bäuerliche Produktionsweisen mit Kreislaufwirtschaft werden dabei von vielen Bauern verlassen. Als Beispiel dazu gilt die Hochleistungskuh. Diesen Trend gibt es in allen Gebieten bis hin zu den Almbauern und dieser Trend ist in manchen Gebieten sogar vorherrschend. Diese Realität stimmt nicht überein mit dem Bild in der öffentlichen Darstellung; nämlich dass wir in Österreich mehrheitlich eine naturbelassene, bäuerliche Landwirtschaft haben und öffentlich so viel vom „Feinkostladen Österreich“ gesprochen wird. Es gibt auch einen offensichtlichen Verdrängungswettbewerb in einem Art „ökonomischen Treibhausklima“.

Zweitens weisen erfahrene Praktiker in diesen Diskussionen präzise darauf hin, dass gerade die Wachstumsbetriebe, jene Betriebe also, die sich hineinstürzen in Investitionen, die eigentlich gefährdenden Bauern sind. Und trotzdem wird dies politisch gefördert. Das – wird betont – sei von Seiten der Agrarpolitik besonders verantwortungslos. (Dass diesbezüglich auch andere Interessen, wie jene der Agrarindustrie dominierend mitwirken, wird gar nicht angesprochen.)

Drittens gibt es irrationale Bereiche in diesem „ökonomischen Treibhausklima“ mit viel Verdrängung. Dies wird in geschilderten Beispielen deutlich durch die Art, wie von der Zukunft der Milchbauern gesprochen wird: „Wenn 9 von 10 Milchbauern aufhören müssen, glaubt jeder er sei der Zehnte der übrigbleibt.“ Man glaubt der Trend, das „Treibhausklima“ der Verdrängung sei Schicksal, man könne da nicht gegensteuern.

Viertens: Der Biolandbau unterscheidet sich in diesem grenzenlosen „wirtschaftlichen Treibhausklima“ sehr deutlich von anderen Strömungen. Aus der Haltung der Selbstverantwortung werden verlorene Grenzen wieder hergestellt. Verlorene ökologische und soziale Kreisläufe – die der Gesellschaft wichtig sind – werden wieder geschlossen. In der gängigen politischen Diskussion ist aber diese Unterscheidung schwierig anzusprechen und nicht sehr bewusst, letztlich auch vielen Biobauern nicht bewusst.

Fünftens wird die Mehrheit der Konsumenten von den Biobauern bisher als sehr ambivalent und unzuverlässig erlebt. Sie möchten einerseits eine Biolandschaft, sie möchten gute Qualität also Bioprodukte, sie wollen andererseits aber zu selten höhere Preise dafür zahlen. An diesem Punkt ist ein besonders großer Diskussionsbedarf.

Sechstens ist in Kreisen von Biobauern die Kritik an der derzeitigen Förderpolitik eindeutig. Man weiß genau Bescheid, dass das größere öffentliche Geld in die falsche Richtung der Intensivierung der Produktion geht. Man weiß auch genau Bescheid, dass der Biolandbau gleichzeitig gerne als Aushängeschild vorne hingestellt wird. Dies wird von einigen als wirklicher Missbrauch erlebt. Dieser Konflikt drängt sehr auf eine Bearbeitung.

Siebtens gibt es in der Auseinandersetzung zwischen Bauern viel Polarisierung. Auf der einen Seite ist Angst vor der Benennung von Unterschieden, dass Bioprodukte und Bio-Leistungen eine höhere Qualität bedeuten. Wird jedoch ein Unterschied benannt, beginnt sehr schnell eine polarisierende Form der Diskussion mit Abwertung des Gegenübers. Der Weg ist schmal: Auf der einen Seite ist die Verdrängung, auf der anderen Seite ist die Polarisierung. Dies ist ein deutliches Zeichen für mangelnde Konfliktbearbeitung und ein Hinweis, dass hier dringend eine konstruktiver Diskurs über den Konflikt erforderlich ist.

5.3        Die Frage der Unterscheidung aus der Sicht des
öffentlichen Rechtes

Sehen wir uns nun die gleiche Frage von notwendiger Unterscheidung zwischen verschiedenen Bauern in der beruflichen Interessenvertretung, also der Kammer genauer an. Die Landwirtschaftskammern unterliegt einer genauen gesetzlichen Regelung. Dazu ist die Analyse von Prof. Peter Pernthaler aus dem Jahre 1994 mit dem Titel: „Kammern und Pflichtmitgliedschaft in Österreich aus der Sicht des öffentlichen Rechtes“[26] sehr hilfreich. In seiner Analyse schreibt Pernthaler unter anderem:

„Der Verfassungsgerichtshof setzt in der Judikatur die Begriffe gesetzliche berufliche Vertretung mit Kammern gleich und definiert sie wie folgt: Durch Gesetz im materiellen Sinne geschaffene organisatorische Einrichtungen zur Wahrung der Interessen von Personengruppen, die durch eine gleichgerichtete und gleichartige Berufsausübung zusammengeschlossen sind“.

Wie es weiter heißt, muss dieser Zusammenschluss „gegnerfrei“ sein oder mit einem anderen Ausdruck gesagt: Der Zusammenschluss muss frei sein von „sozialen Gegenspielern“. Soziale Gegenspieler können also per Gesetz nicht in der gleichen Vertrauensorganisation Mitglied sein. Als ein Beispiel von solchen sozialen Gegenspielern wird von der Verfassung das Verhältnis von „Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ angegeben. Eine Kammer als Interessenvertretung hat laut Pernthaler zwei Hauptaufgaben zu erfüllen: Sie hat erstens den internen Interessenausgleich zwischen den Mitgliedern der Berufsgruppe zu ermöglichen und ist zweitens mit der gemeinsamen Interessensrepräsentation nach außen beauftragt. Einer solchen Repräsentation nach außen muss aber – so wird ausdrücklich betont – der interne Interessenausgleich vorausgehen.

Die Form dieses internen Interessenausgleichs wird auch beschrieben: Es geht dabei um ein wirkliches „Ausverhandeln“, um eine wirkliche Abklärung von unterschiedlichen Interessen in einer, wie es heißt, „binnendemokratischen Struktur“ wie etwa Bildung von Untergliederungen mit eigenständiger Willensbildung von Interessengruppen.

5.3.1     Gesetzlicher Auftrag zur Konfliktregelung, um autoritäre Strukturen zu überwinden

Diese Vorgabe des Gesetzgebers mit Verfassungsrang ist im Kern gesehen nichts anderes als ein gesetzlicher Auftrag zur offenen, internen Konfliktbearbeitung und Konfliktregelung in einer Interessenvertretung. Erst nach einer intern abgeklärten und damit wirklichen gemeinsamen Interessenlage, in der auftauchende Konflikte bearbeitet werden, kann dann diese Interessenlage im Sinne der öffentlichen Interessensrepräsentation nach außen vertreten bzw. den anderen Interessengruppen in der Sozialpartnerschaft gegenübergestellt werden. Von dieser Vorgabe einer Konfliktregelung ist die Realität meistens weit entfernt.

Pernthaler nennt in seiner Analyse auch die Kriterien der genauen Abgrenzung zu Systemen des „autoritären Ständestaates“, etwa die Zeit von Bundeskanzler Dollfuß in den 30er-Jahren. Diese Kriterien sind wie folgt definiert:

„Ständische Organisationen sind integrale Körper, bei denen der Interessenausgleich zwischen den Klassen – vor allem der Arbeitgeber und Arbeitnehmer – zwangsweise innerhalb der Organisationen zu erfolgen hat. Das österreichische Kammersystem war dagegen von Anfang an gegnerfrei organisiert, und die Rechtsprechung des Verfassungsgerichtshofes wacht sehr genau darüber, dass die gesetzlich geregelte Mitgliederstruktur der beruflichen Vertretungen diesem Prinzip entspricht.“

Wo also Menschen zwangsweise in einer Organisation zusammen sind, in der es gegensätzliche Konflikte gibt, haben wir den autoritären Ständestaat mit Formen der Diktatur. Da die Mitgliedschaft in der Kammer als Interessenvertretung für jeden Bauern oder für jede Bäuerin gesetzlich vorgeschrieben ist (man ist zwangsweise bei dieser Organisation dabei), geht der Gesetzgeber wohl davon aus, dass in einer Kammer keine gegensätzlichen, gegnerischen und widersprüchlichen Interessenlagen vorhanden sind, bzw. dass Widersprüche durch Konfliktregelung ausgetragen werden. In der sehr geschlossenen bäuerlichen Interessenvertretung gibt es aber – wie u.a. in dieser Analyse sichtbar wird – viele Konflikte, wie etwa den unausgetragene Konflikt zwischen den Biobauern und den konventionellen Bauern, die nicht ausgeglichen oder abgeglichen werden.

5.3.2     Wenn eine Interessenvertretung versagt, muss der Staat eingreifen

In einem Gespräch in Innsbruck im Nov. 1998 wurde mit Pernthaler über die hier aufgezeigten Konflikte und Widersprüche in den unverträglichen Konzepten in der Landwirtschaft gesprochen, die dem Prinzip der Gleichgerichtetheit und Gegnerfreiheit widersprechen könnten. Pernthaler machte aus seiner Sicht dazu sinngemäß zwei Aussagen:

  • Eine Interessenvertretung kommt nicht darum herum, unterschiedliche Interessenlagen oder unterschiedliche Produktionsbedingungen mit unverträglichen, gegnerischen Konflikten jeweils genauer zu definieren, und
  • wenn eine Interessenvertretung bei der Konfliktbearbeitung oder bei ihrem gesetzlich verpflichtenden Interessenausgleich befangen ist, muss der Staat eingreifen.

Geht man davon aus, dass die Vertreter des Staates in Fragen der Agrarpolitik oft genauso befangen sind wie die Bauernvertreter und der gleichen Interessenslage verpflichtet sind, müsste man den letzten Satz von Pernthaler mit folgender Formulierung erweitern: Hier müsste die Zivilgesellschaft einschreiten, hier müssten die kritischen Konsumenten stärker als bisher eine neue Agrarpolitik einfordern.

Fazit: Diese Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Recht ist von großer Wichtigkeit.

Daraus wird ersichtlich, dass die Bearbeitung von Konflikten – die aus verschieden Interessenslagen logischerweise und selbstverständlich entstehen – vom Gesetz her als demokratiepolitischer Auftrag definiert ist. Dieser definierte Auftrag und diese Pflicht trifft genau das Zentrum des Problems: Denn nicht die Tatsache, dass es unterschiedliche Interessenslagen gibt, ist das Problem, sondern die fehlende sachbezogene Diskussion darüber macht das Problem zur Krise und führt zur polarisierenden Spaltung.

5.4        Hintergrundanalyse: Ein veränderter Begriff von der Einheit der Bauern

In einer Podiumsdiskussion in einem vollem Saal rechnete ein Bauer in seinem Diskussionsbeitrag offen vor, dass zur Zeit zwei Drittel seines Einkommens von öffentlichen Geldern stammt.[27] Damit berührte dieser Bauer offenbar ein Tabu, denn es war daraufhin eine spürbare Beklemmung im gefüllten Saal zu beobachten. Auf dem Podium wurde nicht differenzierter auf diesem Beitrag eingegangen. Er hatte ein Problem angesprochen, das sonst gerne verdrängt und verschwiegen wird.

Ein wenig später sprach in der gleichen Veranstaltung der Kammerrat der Grünen Bürgerliste Georg Sams in seiner Wortmeldung neben Fragen der Gentechnik die sehr ungerechte Verteilung bei diesen öffentlichen Zahlungen an. Er verwies dabei auf die großen Marktfruchtbetriebe z.B. in Ostösterreich, die ein Vielfaches an Direktzahlungen im Vergleich zu den Berg- und Grünlandbauern in Salzburg bekämen. Sams forderte vom Präsidenten der Landwirtschaftskammer Franz Eßl auf dem Podium einen besseren Interessenausgleich zwischen Bauern ein und las ihm Zahlen vor, wie viel Förderung die rund 400 größten Marktfruchtbetriebe 1995 im Durchschnitt im Vergleich zu Grünlandbauern und Bergbauern erhielten. So würden z.B. diese großen Betriebe im Vergleich zu den Buchführungsbetrieben in Österreich eine 16-fache Förderung und eine 25-fache Förderung im Vergleich zu allen Bergbauern in Österreich bekommen.

5.5        Verbot der Differenzierung in der vermeintlich
geschlossenen Gruppe

An der Stelle, wo Sams vom Präsidenten der Landwirtschaftskammer mehr Interessenausgleich forderte und die Zahlen vorlas, wurde es sehr, sehr unruhig. Es entstand „spürbar dicke Luft“ und Unmut mit Beklemmung im Saal: „Der soll aufhören zu reden“, sagte eine Bäuerin halblaut, während der Kammerrat noch sprach. „Lassen wir uns doch um Himmelswillen als Bauernstand nur ja nicht auseinanderdividieren“ hörte man andere sagen, und der angesprochene Präsident auf dem Podium verweigerte dann eine Stellungnahme zu diesem Sachkonflikt mit der Bemerkung, man wolle hier nicht parteipolitisch diskutieren.

Welche Tabus, also welche Sprech- und Denkverbote sind hier wirksam, wenn die sehr wichtige Verteilungsfrage, die alle anwesenden Grünlandbauern betrifft, angesprochen, aber nicht diskutiert wird? Es gibt sicher keine einfache Antwort auf diese Frage. Es geht aber sicher im Kern darum, dass die Anwesenden vom Problem, das hier angesprochen wurde, einerseits persönlich sehr betroffen sind, dass andererseits dieses Problem aber verdrängt werden muss, weil man in einem „Bauern-Einigkeitsbegriff“ lebt, der eine Differenzierung nicht zulässt. Das Ansprechen erinnert dann an den eigenen, inneren, unbewältigten Konflikt: Das macht Angst und löst Aggressionen gegen jene aus, die den Konflikt ansprechen. Mit der Beschuldigung des Aufdeckers kann die Angst und der Feind wieder nach außen verschoben werden.

Mangelnde Unterscheidung und fehlende psychische Getrenntheit

Wenn jemand interne Differenzen anspricht steigt man auf die „Bremse“: „Die Bauern stellen eh schon nur mehr 4% der Bevölkerung dar“, also meint man, es müsse um Zusammenhalt gehen.

Nur ein Vergleich: Die meisten Autofahrer kennen ein ähnliches Problem beim Fahren auf einer eisigen, rutschigen Straße. Wenn man bremsen will, ist es sinnvoll, das Bremspedal immer wieder loszulassen, damit die Reifen wieder einen neuen Griff auf dem Eis bekommen. Abgesetzt-Bremsen heißt das, und es widerspricht zunächst dem Bedürfnis nach Sicherung des Autos: Man soll loslassen statt bremsen, sonst rutscht man weg. Das muss eigens geübt werden. Sonst bleibt man im Zustand der Angst krampfhaft auf der Bremse.

Bezogen auf das hier vorliegende Problem ergibt sich: Aus krampfhafter Angst vor Konfliktaustragung werden unverträgliche Strukturen in der Agrarpolitik nicht angesprochen, und deshalb kommt es zu „Unfällen“, wie man es im Bild vom Auto sehen kann. Würden man die Konflikte bearbeiten (auch die Fähigkeit dazu müsste wie das Abgesetzt-Bremsen eigens geübt werden), dann könnte es eine neue Stabilität durch Klarheit und Verständigung geben.

Ein weiteres Beispiel sei angeführt: Wenn mancherorts auf Bauernhöfen zwei Generationen zu eng in einem Haushalt zusammenleben, sind vielfach alle Beteiligten in ihrer persönlichen Entwicklung gehindert. Die verschiedenen Lebensentwürfe von Generationen prallen ständig aufeinander. Schließlich kann niemand mehr miteinander. Durch bewusste Getrenntheit in zwei Haushalte und gegenseitige Anerkennung von verschiedenen Lebensentwürfen findet wieder jede Person ihren Platz und ihre Rolle. Nun kann wieder eine neue Beziehung und Zusammenarbeit entstehen. T. Bauriedl[28] hat in ihren Beziehungsforschungen u.a. herausgearbeitet, dass dort, wo Menschen psychisch ungetrennt ineinander verschmolzen oder verklammert sind, eine Masse entsteht, in der niemand mehr voneinander unterschieden werden kann. Niemand weiß dann, wer er/sie ist und welche Rolle er/sie hat. In einem solchen Zustand herrscht viel Gewalt und Spaltung im gegnerischen Prinzip „Ich oder Du“, jeder kämpft gegen jeden. Nur wo eigenständige, psychisch voneinander getrennte Personen miteinander in Kontakt treten, ist ein wirklicher Kontakt und ein Aufeinander- Zugehen möglich.

Mit dem Begriff „psychischer Getrenntheit“ ist die Stärkung und Abgrenzung der eigenen Person gemeint, die es ermöglichen, sich eigenständig bewegen zu können oder dies zu lernen. Wer es nicht wagt, sich alleine zu bewegen, sollte sich fachliche Hilfe oder Hilfe in der Solidarität mit wirklich Gleichgesinnten suchen, damit er nicht aus psychischen Gründen darauf angewiesen ist, sich mit „Haut und Haar“ an den „Bauernstand“ oder eine politische Gemeinschaft mit ungelösten Konflikten zu klammern. Zweifellos ist es noch so, dass gerade in den großen, traditionellen Bauernbünden und -verbänden weit über das Zweckbündnis eines Berufsverbandes hinaus auch ideologische und psychische Bindungen und Abhängigkeiten eine große Rolle spielen.

Ein veränderter Begriff von der „Einheit der Bauern“

Nach diesem Prinzip der notwendigen Klärung durch psychische Trennung muss das bisherige Beziehungsverständnis, das im Bauernstand vorherrscht, nämlich die Vorstellung von einer festgemauerten Einheit, grundsätzlich verändert werden. Deshalb ist ein veränderter Einheitsbegriff notwendig:

Die Bäuerinnen und Bauern befinden sich vielfach psychisch ungetrennt und ohne Unterscheidung voneinander im „Bauernstand“ mit einer überbetonten Einheitsideologie. Gleichzeitig existieren in diesem ideologischen Einheitsgebäude sehr widersprüchliche, Strukturen und viele unausgetragene Konflikte. Die Betroffenen sind also zu eng und ungetrennt miteinander verklammert und gleichzeitig in der mangelnden Unterscheidung kämpfen sie in polarisierender Weise gegeneinander.[29] Man ist beisammen, aber gleichzeitig alles andere als kooperativ oder partnerschaftlich.

Das alternative Prinzip mit besseren Beziehungen könnte Folgendes bedeuten: Die Bauern und Bäuerinnen versuchen, sich deutlicher in ihren Unterschieden gegenüber dem Einheitsgebäude des Bauernstandes zu erleben. So könnten sie merken, inwiefern sie sich voneinander unterscheiden und wie sie sich deswegen eigenständiger bewegen können. Unverträgliche Strukturen werden analysiert und die dazugehörenden Konflikte werden zu bearbeiten versucht. Was nicht miteinander verträglich scheint, könnte dann getrennt werden. Verengungen in der Struktur werden durch Integration von fehlenden Anteilen wieder vollständiger. Damit wird eine neue, konstruktive Form des Kontaktes und der Zusammenarbeit zwischen eigenständigeren Bauern im Sinne eines gemeinsamen Überlebens wieder möglich. In solcherart geklärten Strukturen ist man dann gleichzeitig psychisch getrennt und aufeinander bezogen. Die Spaltung in der Bauernschaft könnte damit aufgehoben werden. Auch wirtschaftlich sinnvolle Kooperationen könnten wieder stattfinden.

6.         Fehlender Interessenausgleich zwischen Bauern begünstigt Missbrauch

Im gesetzlichen Auftrag der öffentlichen Repräsentation gilt die Bauernvertretung als erfolgreich. Sie hat in den letzten Jahrzehnten viel Geld für die Bauern mobil gemacht. Das Problem liegt im zweiten gesetzlichen Auftrag des internen Interessenausgleiches: Dieses viele Geld, das im Namen aller Bauern begründet wird, wurde sehr ungleich verteilt. So erhalten 1999 ein Prozent der größten Bauern in Summe so viele Direktzahlungen als die 40 Prozent der kleineren Bauern (EU-Mittel und österreichische Mittel zusammengerechnet).[30] Dieser Zustand der Ungleichverteilung besteht seit Jahrzehnten. Vor dem EU-Beitritt wirkten sich die preisgestützten Förderungen in ähnlicher, ungleicher Form aus als gegenwärtig die Bemessungen mit Hektar und Großvieheinheiten.

6.1        Asymmetrischer Konflikt mit mächtigeren Mitgliedern –
verletzter Gleichheitsgrundsatz

Der Konfliktforscher Friedrich Glasl unterscheidet zwischen symmetrischen und asymmetrischen Konflikten.[31] Bei symmetrischen Konflikten sind sich beide Konfliktpartner nach Ausbildung, Kraft und Kampfmitteln ebenbürtig, wenn auch nicht gleich. Bei asymmetrischen Konflikten ist die eine Konfliktpartei eventuell reich und gut ausgebildet, verfügt über viele Kampfmittel, die andere ist arm und schlecht ausgebildet, hat nur wenige und abgenutzte Mittel, um ihre Position zum Ausdruck zu bringen.

Sehen wir uns auch dazu nochmals die gesetzlichen Grundlagen an. Dazu ein Zitat aus der Analyse von Pernthaler[32]:

„…Die den Kammern aufgetragene Funktion einer konsensualen Integration divergierender Interessen und der demokratischen Formulierung eines verbindlichen Gemeinwillens der öffentlich-rechtlichen Vertretung setzt aber organisatorisch die Pflichtmitgliedschaft voraus, da andernfalls mächtige Mitglieder oder qualifizierte Minderheiten der Mitglieder die Berufsvertretung manipulieren könnten…“

Die Verfassungsrichter wollen mit ihrer Formulierung den Gleichheitsgrundsatz und die Demokratie sicherstellen. Alle Bäuerinnen und Bauern sind daher zur Wahrung ihrer Interessen Pflichtmitglieder. Die „Falle“ ist der fehlende interne Interessenausgleich. Weil die unterschiedlichen Interessenlagen nicht offen besprochen werden, kommt man, ob man will oder nicht, in einen asymmetrischen Konflikt. Hier sind die Voraussetzungen nicht mehr gleich. Mächtige Mitglieder haben andere Zugänge, etwa weil ihre Verwandten an wichtigen politischen Stellen sitzen oder weil sie an der Information von formellen und informellen Eliten teilhaben. Der Gleichheitsgrundsatz ist damit verletzt.[33]

Manipulation und Interessenausgleich von oben

Wo der interne Ausgleich und die Konfliktregelung nicht gewollt ist, tritt an diese leere Stelle der autoritäre Interessenausgleich von oben. Dies ist oft verbunden mit manipulativem Missbrauch vieler Beteiligter und Ausschaltung von Kritikern. Indem seit Jahrzehnten mächtige Mitglieder die Berufsvertretung kontrollieren, ist eine Art ungesetzlicher Zustand entstanden. Weil innovative oder ärmerer Mitglieder glaubwürdig sind, werden sie zur Begründung von öffentlichen Mittel „vorne“ hingestellt. Bei der Verteilung sind sie dann wieder unwichtig und werden „hinten“ angestellt. Mächtige Mitlieder lassen andere „für sich demonstrieren“. Dieses „Vor den Karren spannen“ ist eine uralte Form der Manipulation.[34]

Sehen wir uns diesen Mechanismus genauer an. Kernpunkt von diesem Mechanismus ist es, dass mächtigere Mitglieder nicht aus eigener Kraft ihre Geldforderungen durchsetzen (können), sonder andere dazu benötigen. Sie „lassen durchsetzen“, sie lassen andere, die glaubwürdiger sind als sie selber, ihre eigentlich unglaubwürdigen Wünsche begründen. Hier ist die Manipulation deutlich. Mächtigere Mitglieder müssen damit nie ihre eigenen Schwächen bloßlegen und sie wollen und müssen damit nicht selbst ihre Profitwünsche vor dem Steuerzahler legitimieren. Sie müssen damit auch nie ihr wirkliches Preis – Leistungsverhältnis offen vor der Gesellschaft darstellen. Denn:

  • Es hätten viele der größeren Förderungsempfänger nie ihre hohen Renditen aus der staatlichen Exportfinanzierung oder später aus den Ausgleichszahlungen in der realen Höhe erreicht, wenn sie selber ihre Förderwünsche offen vor dem Parlament und vor der Öffentlichkeit begründen hätten müssen.
  • Es werden dabei die anderen Bauern zweifach benutzt: Zum einen gibt es eine sehr hohe Anzahl von verarmten Bauern mit niedrigen Einkommen. Das senkt den Durchschnitt des Einkommen aller Bauern als Bemessungsgrundlage. Die Mächtigeren verstecken sich somit hinter (bzw. in) der Armut ihrer Kollegen. Zum anderen haben z.B. Biobauern eine gute Beziehung zur Gesellschaft aufgebaut, sie haben sich am Bedarf der Konsumenten orientiert. Dies bildet die Basis für wertvolle „Kunden-Beziehungen“ und ein gutes Image. Dieses wertvolle Image wird dann von anderen missbraucht, die sich nicht darum kümmern.
  • Es gehören zum Missbrauch zwei Parteien: Bauern lassen sich immer noch öffentlich im Durchschnitt der Einkommen aller Bauern messen und in einem „Einheitstopf“ darstellen. Bauern lassen sich immer noch zur undifferenzierten Argumentation benutzen, sie lassen ihre guten Beziehungen zur Gesellschaft missbrauchen. Diese Form der Selbstschädigung lässt sich nicht einfach durch eine Haltung der Hilflosigkeit rechtfertigen. Es bräuchte ein „Nein“, es bräuchte ein „Ich mach hier nicht mehr mit“! Alles kann nicht mit der Vorstellung (und dem Selbstmitleid), ein Opfer zu sein, begründet werden: Man kann sich z.B. Hilfe zum Reflektieren holen, man kann sich Gruppen anschließen, die eine differenzierte Politik machen, man kann sich weigern, zusammen mit anderen in einen „Topf“ geworfen zu werden und man kann einfordern, dass sich z.B. privilegierte Bauern selbst vorne hinstellen und auch im Sinne von Leistung und Gegenleistung für alle transparent ihre Förderwünsche selbst öffentlich aushandeln.

Die Identifikation mit dem Mächtigeren

Bauern mit wenig Einfluss auf die Politik identifizieren sich oft bewusst oder unbewusst mit dem mächtigeren Kollegen in ihren Wunschphantasien. Sie wissen dabei in der Regel nicht, dass diese bewunderten Mächtigen auch umgekehrt von ihnen abhängig sind. Wenn diese „Kleineren“ ihre stützende Hilfe an die Mächtigen verweigern, sich nicht mehr benutzen lassen, kommen diese scheinbar „Starken“ sofort in ihre eigene Realität zurück. Die Missbrauchten verbleiben aber oft lieber im sogenannten „Krankheitsgewinn“, als sich zu verweigern, denn für ihr Mitmachen bekamen sie immer auch ihren „Teilnutzen“.

Wer Manipulation in der Politik als selbstverständlich oder einfach als Methode betrachtet, muss wissen, dass dies genau so schädlich und zerstörerisch wirkt wie Autoritätsmissbrauch. Dies ist auch einer der Gründe, warum die innere Beziehung der Bauern und Bäuerinnen zu ihren Institutionen und Politikern weitgehend sehr ausgehöhlt und voller Misstrauen sind. Es wäre auch der falsche Schluss und verhängnisvoll jetzt zu glauben, dass Politik ohnehin korrupt und unwirksam sei. Wir brauchen mehr den je politische Lösungen, mit einer Aufwertung der Politik, mit der Herstellung des sogenannten „Primats der Politik“. Dazu ist es wichtig, die Manipulation in der Politik bewusst zu machen und zu überwinden, und nicht die Politik selbst zu entwerten. (siehe vorher Kapitel 1.3)

6.2        Auf der Basis des gesetzlichen Auftrages eine offene
Diskussion einfordern

Solche Manipulationen und Missbrauchsysteme sind, wie wir sehen, ein sehr komplexes Geflecht, etwa ein eingespielter vorteilhafter Zugang zur Macht auf der einen Seite und Ergebenheit und Bewunderung auf der anderen Seite. Durch diese Verflechtungen sind diese Systeme auch so resistent geworden. Diese Missbrauchsysteme sind nur auflösbar, wenn der ganze Zusammenhang offen diskutiert wird: Auch die Missbrauchten können nur über eine offene Diskussion Wege für sich finden, aus diesem Mechanismus auszusteigen. Sie können darin ihre aktive, eigene Beteiligung verstehen lernen und in der Folge sich verweigern und ihr Einverständnis kündigen, für die mächtigeren Kollegen „diesen Karren zu ziehen“.

Gesprächsverweigerung über Veränderung

Eine offene Diskussion über einen besseren internen Interessenausgleich und über Missbrauch in der Agrarpolitik zu führen ist schon von vielen versucht worden. Kammerräte von den SPÖ-Bauern und vom Unabhängigen Bauernverband berichten: Man lasse einen „gegen eine Wand rennen“, wenn man über Grundsätzliches reden will. Mit seinen satten Mehrheiten fühlt sich der Bauernbund scheinbar so sicher und lehnt einen offenen Diskurs einfach ab. Die angesprochenen Manipulationen durch mächtige Mitglieder finden aber vor allem in den eigenen Reihen, also in der „Großfamilie“ des Bauernbundes statt. Weil Konfliktbearbeitung fehlt, ist viel Bauernspaltung gerade in dieser „Großfamilie“. Das Abblocken zeigt daher nicht Sicherheit, es ist ein Zeichen der Angst vor Transparenz.[35]

Mit der Bearbeitung des Konfliktverständnisses und der Konflikttheorie bei „Umdrehung“ der Sichtweite zum Thema Bauernspaltung, ergeben sich auch neue Möglichkeiten für einen neuen Ansatz zur Gesprächsaufforderung. Bisher werden alle Beteiligten, die Konflikte ansprechen, als „Spalter“ bezeichnet. Die Konflikttheorie begründet die Umdrehung der bisherigen Sichtweise. Dem zufolge geschieht Spaltung und ein Auseinanderdividieren der Bauern überall dort, wo die Konfliktbearbeitung verweigert wird. Wenn man nun diesen Standpunkt mit der Einforderung des gesetzlichen Auftrages zur Konfliktbearbeitung verbindet, entstehen neue Mächtigkeiten, etwas zu bewegen.

Aussagen aus den Gesprächskreisen zu diesem Thema

Sehen wir uns an dieser Stelle wieder genau verschiedene Aussagen aus den Gesprächskreisen an:

  • Viele von den Großbauern haben das Wirtschaften nie gelernt, sie hatten früher Dienstboten und brauchten sich daher nicht anzustrengen. Aber eines haben sie immer gekonnt: Sie waren aufgrund ihrer Zugänge immer in der Lage die Politik für ihre Zwecke zu beeinflussen.
  • Der Bauernbund ist voller interner Konflikte.
  • Viele Bauern sind zu gutgläubig, das fördert den Missbrauch.
  • Versammlungen bei denen auch Nichtbauern dabei sind, sind viel interessanter.
  • Die Konfliktfähigkeit ist natürlich – vor allem bei den Funktionären der Landwirtschaft – nicht sehr hoch. Wer dann Konflikte anspricht, wird sofort als Spalter bezeichnet. Das war schon vor 30 Jahren so. Und natürlich haben die Führungskräfte kein Interesse am Besprechen von Verteilungskonflikten bei der Förderung.
  • Aber auch das Private ist politisch.
  • Beim Kampf um den Fortbestand der Pinzgauer Molkerei sind einfach auch Neidkomplexe, gekränkte Funktionäre oder ähnliche unbewältigte Konflikte im Gange. Es sind nicht in erster Linie wirtschaftliche Gründe die Ursache an Krise. Es ist bekannt dass die Molkerei gut geht.
  • Es gibt eine Doppelförderung für Bauern im Marchfeld. Viele bekommen dort hohe Förderungen und belasten dabei noch die Umwelt.
  • Der nächste Konflikt ist programmiert, wenn es darum geht die Fördermittel von der bisherigen Intensivproduktion wegzubringen und statt dessen hin zum Bereich Regionale Entwicklung.
  • Es gibt einen Milchpreisaufschlag für große Lieferanten, das ist die umgekehrte Solidarität, ein Zeichen unserer Zeit. Die Großen setzen die Molkerei unter Druck.
  • Es gibt einen vorauseilenden Gehorsam bei Bauern und ein Denken, dass die Tüchtigen überleben werden. Von der Politik wird dann gesagt, wir sollen zusammenhalten.
  • Es gibt immer mehr größere Biobetriebe, die im Punkt Wachstum und Konkurrenz in die gleiche Richtung gehen wie konventionelle Betriebe. Sie unterbieten die Preise und setzen die kleineren Biobetriebe damit unter Druck. Solche Bauern tragen dabei auch noch die Fahne voran.
  • In der Rhetorik wird zweigleisig gefahren, vieles läuft so, dass es selbst- und fremdschädigend ist.
  • Weiß man in der Gesellschaft überhaupt, dass es eine polarisierende Diskussion unter Bauern gibt?

Was können wir aus den Beiträgen sehen

Vielleicht finden manche Gruppen von Biobauern oder andere, die ihre eigenen Interessenslagen in Zukunft fundierter absichern wollen als bisher, einen Weg eine notwendige Konfliktbearbeitung einfach verbindlich einzufordern. Vielleicht sagen sich manche Gruppen, wir lassen uns einfach nicht mehr „vorne“ hinstellen und missbrauchen und fordern über diesen Weg eine Lösung ein. Eventuell geht der Weg zu einer umfassenden Diskussion über die Missbrauchsprobleme im Agrarsystem überhaupt nur über die Einbeziehung von kritischen KonsumentInnen in diese Problematik. Hier könnten dann die etwas mehr außenstehenden und neutraleren Konsumenten die Rolle eines Dritten, die Rolle eines Vermittlers wahrnehmen. (siehe später Kapitel 6)

Abschließend zu diesem „leidigen“ Thema der Manipulation und des Missbrauchs bleibt zu sagen: Auch wenn durch die aktuellen Krisen das Ökothema in aller Munde ist, bleiben diese Manipulationen unbearbeitet, solange sie nicht bewusst mitbearbeitet und einbezogen werden. Unterlässt man diese Einbeziehung, dann bleiben diese unbearbeiteten Probleme im Untergrund und gefährden auch die Ökologisierung. Wie soll man auch Sachprobleme lösen, wenn man über grundlegende Dinge nicht zu sprechen bereit ist? Wir brauchen daher, wie T. Bauriedl sagt, auch eine „Ökologisierung der Beziehungen“.[36]

7.         Lösungen durch Einbeziehung einer
Dritten Ebene

Die Gesellschaft kann wegen der Verweigerung der Konfliktbearbeitung in der Agrarpolitik „das wichtige Thema der Erhaltung oder Zurückgewinnung einer nachhaltigen, bäuerliche Landwirtschaft nicht allein der Bauernvertretung überlassen.“ Solche Sätze kann man immer wieder von langjährig Tätigen und sehr erfahrenen Praktikern und Fachleuten hören. Es sind Kenner der Hartnäckigkeit des Agrarsystems. Diese Erfahrung geht davon aus, dass eine neue ökologische Agrarpolitik im derzeitigen agrarpolitischen System intern nicht erreichbar ist. Es geht um die Frage der Einbeziehung und Einbindung von interessierten, mittragenden Akteuren aus anderen Politikbereichen und Initiativen als „Dritte Instanz“ in die Agrarpolitik. Soweit die Diskussion.

Auf die Frage einer Öffnung und Einbeziehung von verschiedenen Bündnispartnern z.B. von Konsumentengruppen, Umweltbehörden und -gruppen, Tierschützer etc. reagieren Biobauern ganz anders als intensiv wirtschaftende, konventionelle Bauern. Die Biobauern machen die Türen gerne weit auf und sind stolz zu zeigen, wie sie mit den Lebensgrundlagen und den Tieren umgehen. Intensivbetriebe vor allem mit quälender Tierhaltung versperren hingegen oft die Türen und verweigern die offene Diskussion.

Dieses Kapitel wird sich daher einerseits mit der Notwendigkeit der Integration von außenstehenden Partnern befassen und andererseits darauf eingehen, dass in der Agrarpolitik wesentliche Teile und Bezugspunkte verlorengegangen sind, die zu einem ganzen System dazugehören. Das heißt, ohne eine Wiederintegration dieser verlorenen Teile ist eine grundlegende Konfliktlösung nicht möglich.

7.1        Erfahrungen in der Konfliktvermittlung

Verschiedene Fachleute in der Konfliktberatung, unter anderem der Konfliktforscher Friedrich Glasl[37], haben herausgearbeitet, dass Konflikte, die von der Sachebene zur persönlichen Ebene überspringen, von den Beteiligten alleine oft nicht mehr bewältigt werden können. Hier braucht es einen außenstehenden Dritten als Mediator, als Vermittler. Solche Vorgänge sind schon auf breiter Basis bekannt und in vielen Bereichen werden Fachleute im Bereich der Konfliktvermittlung bewusst eingesetzt, um diese Dritte Ebene zur Verfügung zu stellen.

Wie wir in anderen Kapiteln dieser Arbeit gesehen haben, kippen gerade zwischen Biolandbau und konventioneller Landwirtschaft die Diskussionen rasch in die Personalisierung und in die Polarisierung. Der Konflikt wird auf die persönliche Ebene transferiert und damit für die Beteiligten „giftig“.

An der Stelle muss dann die Diskussion entweder unterbrochen werden, oder sie eskaliert in einer Weise, dass es alle Beteiligten für lange Zeit satt haben, weiterzureden. Dann steht man wieder dort, wo man vorher war: Auf der einen Seite ist die Resignation, dass es sich nicht lohnt, Konflikte zu bearbeiten, auf der anderen Seite steht die dauernde Gefahr einer neuerlichen Eskalation.

Für ein Durchhalten der Spannung in der konflikthaften Diskussion braucht es zum einen eine Ermutigung, die Konflikte doch weiter zu bearbeiten, und zum anderen braucht es eine Rückführung der Aufhetzer und Polarisierer zur sachlichen Ebene und zur eigenen Verantwortung, sich an wirklichen Problemlösungen zu beteiligen. Zu dieser Ermutigung oder Rückführung der Diskussion auf die Sachebene und die persönliche Verantwortung, braucht es konflikterfahrene Vermittler. In bezug auf öffentliche Foren zur Ansprache der Problematiken geht es beispielsweise auch darum, dass jeder Veranstalter vorher eine Einschätzung und eine Beurteilung der Situation vornimmt, um für die jeweilige Situation eine adäquate Lösung zu finden. Mit Hilfe von erfahrenen Vermittlern kann man es dann auch wagen, heißere oder schwierigere Themen zur Diskussion stellen. (Kapitel 7 über die Stärkung der Konfliktfähigkeit wird sich unter anderem ausführlicher mit der Frage der Zurückgabe der eigenen Verantwortung auseinander.)

7.2        Grundlegende Konfliktlösung durch Einbeziehung einer
Dritten Ebene

Im geschilderten Zusammenhang der Konfliktvermittlung geht es in vielen Situationen nicht nur darum, zwischen zwei Streitparteien in der Mitte einen mehr oder weniger guten Konsens oder Kompromiss herzustellen. Bei einer grundlegenden Bearbeitung von Konflikten geht es auch um die Frage der Ursachen des Problems. Es geht darum auch die Wurzel der Polarisierungen zu erkennen. Die Wurzel von Polarisierungen besteht aber in sehr vielen Fällen nicht einfach darin, dass sich zwei Ebenen oder Personen miteinander streiten. Die Wurzel von Polarisierungen liegt oft im System und in der Struktur selber.

Es gibt eine Art „Strukturelle Gewalt“. Es gibt Konstellationen, die an sich zur Polarisierung neigen. Die Beziehungsanalytikerin Thea Bauriedl hat herausgearbeitet, dass in vielen Beziehungs- und Konfliktsituationen die Polarisierung deshalb vorherrscht, weil eine „Dritte Ebene“ die eigentlich dazugehört, verloren gegangen ist. Eine Auflösung von Polarisierungen von ihrer Wurzel her bedingt, dass ursprünglich dazugehörende Anteile wieder gefunden und integriert werden können. Bauriedl nennt diesen Ansatz die Dreieckperspektive. Diese Dreiecksperspektive ist auch auf Gruppenkonflikte im bestimmten Rahmen anwendbar. Gerade in der bisherigen Agrarpolitik ist die Polarisierung zwischen den Bauern, zwischen den „wachsenden“ und den „weichenden“ Bauern, oder die Polarisierung zwischen den Biobauern und Intensivproduzenten nur mit der Einbeziehung der verlorenen Dritten Ebene auflösbar.

In der jüngsten BSE-Krise in der deutschen Landwirtschaft und der Art des Einschreitens von Seiten der Politik könnte man ein Beispiel dafür sehen. Mit der politischen Forderung, die Agrarpolitik endlich „vom Ladentisch her zu denken“, wird diese bisher fehlende dritte Ebene in Form der Sicht der KonsumentInnen, d.h. in Form des tatsächlichen Zielsystems, deutlicher angesprochen und sichtbar. Es geht hier nicht nur darum, die Verbraucher in die Diskussion einzubeziehen, sondern es geht noch viel radikaler darum, die ganze Agrarproduktion von den Anforderungen der Verbraucher her zu denken und zu planen.

Auch in der deutschen Landwirtschaft gibt es – wie in Österreich – schon viele Jahre eine Polarisierung zwischen der Strömung der Intensivlandwirtschaft mit Weltmarktorientierung einerseits und die Strömung mit bäuerlicher, biologischer Landwirtschaft mit regionaler Orientierung andererseits. Da sich die eine Strömung mit der anderen Strömung grundsätzlich nicht verträgt, führt das automatisch immer wieder zu neuen Polarisierungen auf den verschiedensten Ebenen, bis in die einzelnen Familien hinein. Wer sich zum Beispiel in den Wettlauf hineinstürzt mit Investitionen, die sich nie mehr rechnen, hat die Polarisierung auch bei sich Zuhause am Hof, in der Familie.

Die Intensivlandwirtschaft hat sich in Österreich oder in Deutschland bisher wenig um die Kernfrage der Orientierung der Produktion am Wunsch und am Bedarf der Verbraucher in ihren Regionen gekümmert. Es ging vordringlich „um`s Überleben“ der Höfe mit Hilfe der Exportstrategie. Die Perspektive, vom Kundenbedarf her zu denken, ging dabei als dritte Ebene verloren und wurde ausgegrenzt. Als die Landwirtschaft in früheren Zeiten noch vorwiegend die regionalen Märkte versorgte, war diese dritte Ebene und der Bezug zum Verbraucher zum Teil noch vorhanden.

Damit eine solche von oben her angestoßene Wiederintegration des verlorenen Bezuges zum Verbraucher – also das Denken vom Verbraucher her – gelingt, muss es wohl auf der unteren Ebene, d.h. in der Basis, sehr viele Formen der offenen Diskussion, Informationen, Bewusstseinsbildung, Konfliktbearbeitung und Aufarbeitung der Fehlentwicklungen geben. Geschieht dies nicht, dann kann die Wiederintegration nicht gut gelingen, weil in den einzelnen Gruppen und Bereichen der Gedanke nicht verstanden und nicht akzeptiert wird.

Im folgenden Punkt 6.3 wird ein Beispiel beschrieben, bei dem deutlich wird, wie bei der Intensivlandwirtschaft die Polarisierung auch in den Dörfern wächst. Anhand eines Großbetriebes im ehemaligen Ostdeutschland, der im Rahmen eines offenen Interviews mit dem Betriebsleiter untersucht wurde, wird dies besonders deutlich sichtbar. Die Verhältnisse im Osten Deutschlands nach der Transformation bzw. „Wiedereinrichtung“ sind zwar in ihren Ausprägung extremer, tendenziell aber auch auf unsere mitteleuropäische Verhältnisse übertragbar, bzw. mit einzelnen „führenden“ Großbetrieben im Westen vergleichbar und wirken auf uns zurück.

7.3        Der wettbewerbsfähige Betrieb als Gefahr für den sozialen Frieden und als Hindernis für die Regionalentwicklung

7.3.1     Ein Fallbeispiel aus Ostdeutschland

Im Jahr 1995 wurde vom Autor in Ostdeutschland ein Großbetrieb mit 300 Hochleistungskühen mit je 8000 Kg/Jahr besucht, und das Gespräch mit dem Betriebsleiter auf Videofilm festgehalten. Vor dem zweiten Weltkrieg hatte der Betrieb rund 1000 ha und der Großvater des jetzigen Betriebsleiters hatte rund 100 Menschen ganz oder teilweise beschäftigt. Fast alle Leute im kleinen Dorf waren in diesem Betrieb tätig.

Einige Betriebsdaten

Der junge Neueinrichter hat vom Betrieb seines Großvaters gleich nach der Wende 500 ha zurückgepachtet und einen Teil hat er gekauft. Diese 500 ha werden nun bewirtschaftet, davon die Hälfte mit Futtergetreide und die Hälfte mit Grünland. Er erzeugt mit seinen 300 Kühen mit je 8000 kg eine Jahresmenge von 2,4 Millionen kg Milch. Dabei beschäftigte er neben sich und seiner Frau nur 2,5 Personen, davon ein Mitarbeiter aus Polen. Die Milch wurde in eine Molkerei in den Westen nach Niedersachsen geliefert, der Preis lag damals bei etwa 55 Pfennige (3,85 ATS je kg). Die Investitionen betrugen fürs erste rund 25 Millionen ATS, mit dem derzeitigen Preis sei die Kapitalbelastung und -rückzahlung kein Problem, sagte der Betriebsleiter.

Ökologische Auflagen und moderne Technik

Es ist kein sehr fruchtbarer Boden und dieser steht zum Teil unter Naturschutz mit Bewirtschaftungsauflagen wie z.B. späte Schnittzeitpunkte. Dafür bekommt der Inhaber eine Entschädigung von rund 500 bis 600 DM je ha. Ein großer Teil der Arbeit von der Düngung bis zur Ernte wird an Lohnunternehmer vergeben. Diese arbeiten mit modernsten Großmaschinen. So erfolge etwa die Gülleausbringung mit modernen Geräten, wobei die Gülle so präzise verteilt werde, wie es ein kleinerer Bauer kaum machen könne, sagte der Betriebsleiter stolz. Daher sei ein solcher Großbetrieb ökologischer als ein kleinerer Betrieb, argumentiert er, außerdem sei der Hektar-Besatz mit unter einer Großvieheinheit je ha sehr niedrig. Er betrachte sich als Biobetrieb. Das einzige, was manchmal kritisiert werde, seien die Spaltenböden im Laufstall. Ein Milchleistungshormon (BST), wie es in den USA zugelassen ist, lehne er aber ab; das überlaste die Kühe, meint er. Auch die Aufzucht wird weitgehend nach außen vergeben. Für die Fütterung seiner Silage und des Kraftfutters hat er einen hochmodernen, computerunterstützten Mischwagen, der exakte Messmengen zusammenmischt und dann das gemischte Futter direkt in die Fresströge wirft. Die moderne, computergesteuerte Melktechnik wird, so berichtet er, in zwei Jahren völlig automatisiert: Die Kühe gehen dann alleine zum Melkcomputer, um sich melken zu lassen.

Der verlorene regionale Bezug

Die Nutzung der regionalen Ressourcen hat eine untergeordnete Bedeutung. Die Milch kommt nur zu einem Teil von eigenen Futtergrundlagen, der Rest der Futtermittel wird zugekauft. Er betont, er könnte seine Futtergrundlagen billiger zukaufen als mit der Bewirtschaftung seiner Felder. Nur die ökologischen Auflagen verpflichten ihn zum Bewirtschaften.

Die soziale Integration im Dorf und in der Region und die hohe Arbeitslosigkeit rundherum empfindet er selber als Problem. Zu Zeiten der DDR gab es am Betrieb 35 Beschäftigte mit nur einem Drittel der Produktion, sagte er abwertend, zu dieser „Zwischenzeit“, in der seine Familie vom Hof vertrieben wurde (1945 –1990). Er weist dabei mit Stolz auf seine jetzige Leistung und nennt die Zahlen seiner effizienten Produktion mit wenig Leuten. Gleichzeitig sieht er im Dorf nebenan die 70 % der Arbeitslosen und in der Region rundherum ähnliche Verhältnisse. Das erlebt er als Dilemma. Es sei eine allgemeine Erscheinung in dieser Region: Auf der einen Seite gäbe es höchst moderne Betriebe, mit modernster Technik, die ganz wenig Beschäftigung schaffen, so wie er selbst. Auf der anderen Seite gebe es ganz hohe Arbeitslosigkeit mit vielen Depressionen und Gewaltakten.

Zur Auflösung dieser Gegensätze weiß er selber keinen Weg. Die meisten Menschen im Dorf hätten mit seinem Wiederkommen erwartet, dass er sie – so wie sein Großvater früher – wieder im Betrieb einstelle. Er habe sie enttäuschen müssen. Das habe böse Aggressionen ausgelöst, und vor einem Jahr, sagte er, sei bei ihm und bei ähnlichen Kollegen gleich viermal Feuer gelegt worden. Jetzt müsse er den Betrieb mit einem hohen Zaun absperren und schützen. Er regt sich sehr darüber auf, dass der Staat fürs Nichtstun den Leuten ringsherum soviel Arbeitslosengeld zahlt, die bekämen soviel wie er dem polnischen Mitarbeiter an Lohn zahle; der müsse aber hart zupacken.

Zur Agrarpolitik

Seine Meinung zur Frage der kleinbäuerlichen Struktur im Westen ist sehr eindeutig: In einigen Jahren würden sich auch dort die größeren Betriebe mit 150 Kühen aufwärts durchsetzen, etwa so ein oder zwei Betriebe je Dorf. Aus falschem Mitleid fördere man derzeit noch kleine Betriebe; das werde aufhören müssen. Es gäbe aber auch eine Grenze nach oben, mehr als 500 Kühe in einem Betrieb seien schwer zu überschauen, sagte er auf die noch viel größeren Einheiten gerichtet, die es in den neuen Ländern gäbe. An den Bauernverband gerichtet sagte er, es gäbe da einerseits eine eigenartige „Packele“ und Übereinkunft zwischen den ganz großen Betrieben der früheren DDR und diesen „Führern mit den roten Socken“, die nichts von Effizienz verstünden und andererseits mit der Spitze des Bauernverbandes im Westen. Man fühle sich da in einer solchen „Packele“, die man nicht ganz durchschauen könne, als „Neueinrichter“, der wirklich etwas aufbaut, nicht geachtet.

7.3.2     Die Analyse: Fremdkörper in der Region und Gefährdung des
sozialen Friedens

An diesem Fallbeispiel eines extremen Wachstumsbetriebes sieht man einige Eigenschaften der Wachstumspolitik ganz deutlich:

  • Der sehr dynamische Jungunternehmer verkörpert sehr deutlich die politische Ideologie, die hinter dieser Wachstumsorientierung, deren Wissenschaftlern und deren politischen Verfechtern steht: Der Betrieb ist weltmarktorientiert, wettbewerbsfähig mit durchrationalisierter Technik. Er ist gerüstet für die nächste Stufe der Preissenkung, wenn die staatliche Aufkaufgarantie nicht mehr existiert. Derzeit saniert er sich an dieser Garantie mit relativ guten Preisen. Der Betriebsleiter wurde in einer Farm in den USA ausgebildet. Er hat neben seiner guten Ausbildung auch einen „Killerinstinkt“[38], womit er den Preiskampf mit oder ohne staatliche Mengenregelung mit allen aufnehmen will.
  • Der Jungunternehmer beschwert sich über den Hang des Deutschen Bauernverbandes zur „Packele“ mit den ganz großen Betrieben des Ostens. Es wäre besser, die „Tüchtigen“ mehr zu fördern, sagt er. Von der Regierung und der EU bekam der Jungunternehmer Startkapital zum Wiedereinrichten der früheren Betriebes und ein großes Lieferrecht. Staatliche Auflagen gibt es sehr wohl in der Frage der Ökologie, es gibt aber keine staatlichen Auflagen in Fragen der sozialen Integration in der Region und zu Fragen der Beschäftigung, obwohl er rund 1,7 Millionen DM (rund 12 Millionen Schilling) Prämie im Jahr zur Entschädigung für die ökologischen Auflagen erhält. Hier wird deutlich, dass ökologische Kriterien und Auflagen alleine nicht ausreichen.
  • Der regionale Konflikt, die soziale Explosion durch Arbeitslosigkeit, die er selbst mit Ratlosigkeit spürt, wird durch Brandlegung sichtbar. Die Menschen leben völlig isoliert von den Entwicklungen, die direkt neben ihnen passieren. Eine alte Vereinbarung zwischen Gutsbesitzern und dem Staat, wie es sie in früheren Generationen in einigen Gegenden gab, gilt nicht mehr: Demnach mussten früher Grundbesitzer den Menschen im Dorf zumindest Arbeit, Unterkunft und etwas zu essen geben. Heute existiert der Betrieb völlig isoliert vom Dorf, von der Region, er verkauft seine Milch in ein anderes Bundesland, er bezieht seine Futtermittel aus einer andern Gegend. Der regionale Bezug des modernen Betriebes existiert nicht mehr. Der Betrieb hat über die Region hinweg einen Art Garantie vom Staat, dass sein großer Milchsee staatlich garantiert aufgekauft und vermarktet wird. Der Staat fragt nicht, ob diese viele Milch in der Gesellschaft überhaupt gebraucht wird, und der Staat fragt nicht danach, ob ein solcher Betrieb nicht etwas Gescheiteres in der Region machen könnte, als Überschüsse zu produzieren – etwas mit mehr Beschäftigung und mit mehr Beteiligung der Bevölkerung; noch dazu, wenn der Betrieb eine Öko-Prämie von 12 Millionen Schilling im Jahr erhält.

7.4        Regionalentwicklung als vollständiges und integriertes
System

Ein bedeutendes Politikkonzept, indem alle wesentlichen Bezugspunkte integriert sind und das infolgedessen zur Auflösung von Polarisierung beitragen kann, ist das Konzept ist der ländlichen Entwicklung. Hier werden die Fähigkeiten zu verbindlicher Kooperation und Vernetzung wichtiger, als Intensivierung in eine fragwürdige Richtung

Es geht darum, dass die Landwirtschaft ein Teil der Regionalpolitik wird, dass die einzelnen Bauern den Bezug in ihrer Region, ihre spezifische Rolle, ihren Platz wiederfinden. Das Konzept geht davon aus, dass die persönlichen Fähigkeiten und die wirtschaftlichen Ressourcen in der Region einerseits entdeckt und dann entwickelt und genutzt werden können.

Die Bundesanstalt für Bergbauernfragen in Wien hat eine europaweite Studie mit dem Titel: „Erwerbskombination und Agrarstruktur“ durchgeführt. Es heißt darin, „dass die Erwerbskombination ein übliches, europaweites, verbreitetes Phänomen ist und kein Ausdruck der Krise der Landwirtschaft ist“[39]. Zur Zeit ist sehr klar ersichtlich, dass die Bauern in Gebirgsregionen mit eingeübter Erwerbskombination relativ stabil sind. Sie stehen weniger im Wettkampf des Wachsens und des Weichens und sind erstaunlich resistent. Viel mehr in der Krise sind hingegen die mittleren und größeren Bauern, die sich in das Wachstum und in die Intensivproduktion stürzen.

Die angesprochene Stabilität begründet sich in der breiten Verankerung: Die Erwerbsbasis ruht auf mehreren Beinen, sie haben einen guten Bezug zur Region und zur Gesellschaft. Viele dieser Bauern sind auch Biobetriebe geworden. Sie orientieren sich auf den Bedarf der Gesellschaft und sind damit besser eingebunden. Bauern die in ihrer Produktion im Konsens mit der Gesellschaft die gemeinsamen Lebensgrundlagen nachhaltig schützen und erhalten, finden darin Sinn, gewinnen ein neues Selbstwertgefühl und sie finden damit auch eine neue Stabilität. Diese Stabilität bildet sich in der Form einer abgeklärten, gegenseitigen Beziehung zwischen Bauern und Gesellschaft. Die Intensivlandwirtschaft hat in der Regel mehrere solcher wichtiger Bezüge verloren und ist deshalb viel krisenanfälliger.

Notwendige Umschichtung der Mittel in der EU-Agrarpolitik

Im Rahmen der Agenda 2000 bis 2006 der EU stehen für die große Säule der bisherigen Agrarpolitik jährlich rund 37 Milliarden Euro zur Verfügung. Das sind rund 90 % der Mittel. Für die Zukunfts-Säule der ländlichen Entwicklung stehen jährlich 4,3 Milliarden zur Verfügung. Das sind rund 10 % der Mittel. Die EU-Kommission wollte im Rahmen der Diskussionen und Verhandlungen 1988-99 mehr für den ländlichen Raum tun und mehr Mittel dafür bereitstellen, auf Kosten der bisherigen Markt-Agrarpolitik. Das war ein wesentlicher Ansatz in den ursprünglichen Reformansätzen. Bei den mächtigen europäischen Bauernverbänden mit ihren Lobbys für intensive Landwirtschaft war aber zum Zeitpunkt der Festlegung im Jahr 1999 keine größere Umschichtung zugunsten der ländlichen Entwicklung durchsetzbar.

Bei dieser Diskussion geht es daher nicht nur um eine gerechtere Verteilung der Mittel zwischen den Bauern, es geht genauso um eine grundsätzliche Änderung der Richtung: Eine Abkehr von der Intensivlandwirtschaft hin zur Ökologisierung verbunden mit der ländlichen Entwicklung. Die Agrarpolitik muss somit ein Teil der Regionalpolitik werden.

Bei der Analyse des geschilderten Großproduzenten in Ostdeutschland ist auch sichtbar geworden, wie es bei der bevorstehenden Osterweiterung laufen könnte, wenn die Agrarpolitik mit der vorwiegenden Förderung der Intensivproduktion so bleibt wie bisher. Da wir in den Beitrittsländern unter anderem eine Struktur mit sehr vielen Großbetrieben vorfinden, wäre es realistisch anzunehmen, dass die Großbetriebe in den Ostländern mit Geldern aus der EU sich zunächst mit moderner Produktionstechnik ausstatten. So machte es auch der geschilderte Großbetrieb in Ostdeutschland. In modern ausgestatteten großen Betrieben kommt es dann zu einer Mengenproduktion für den Weltmarkt mit niedrigen Preisen mit ganz wenig Beschäftigung und mit Ausgrenzung der Leute in den Dörfern. Dies ruiniert nicht nur die ländliche Entwicklung mit dem Bezug zum Gewerbe in den Dörfern, sondern auch die kleineren landwirtschaftlichen Betriebe.

Zusammengefasst ergibt sich folgende zum Teil sogar paradoxe Situation: Wer das bäuerliche Überleben im Mengenwachstum sichern will, der wird es verlieren. Wer das Mengenwachstum zugunsten der integrierten regionalen Entwicklung aufgibt, der wird das bäuerliche Überleben eher gewinnen. Der wichtigste Ausweg besteht darin, dass alle Bauern, vor allem auch die Intensivproduzenten und die großen Betriebe für das Grundprinzip der Ländlichen Entwicklung gewonnen werden sollten. Nur wer in seiner Einkommensbildung vielseitiger und kreativer wird, und wer in der Regionalentwicklung tätig wird, kann aus der Intensivproduktion aussteigen und gleichzeitig zur Entspannung des überlasteten Marktes beitragen. Es geht um die konsequente Wiederintegration dieses verlorenen regionalen Bezuges bei den Intensivproduzenten.

Ermutigung für Koordination und komplexere Vernetzungen

In der Diskussion der Fachleute für Raumplanung steht der Faktor Koordination im Mittelpunkt des Interesses. Auf Grund von Gesprächen mit einzelnen Raumplanern ergaben sich in Bezug auf das Koordinationsverhalten mit den Verantwortlichen für Landwirtschaft in den Landesregierungen eigenartige Erfahrungen: „Wenn Zusammenhänge komplexer werden, steigen die Agrarverantwortlichen als erste wieder aus der Planungskoordination aus“, sagen einzelne. Beim Anspruch einer professionellen Raumplanung geht es darum, die verschieden Möglichkeiten in einer Region optimal aufeinander abzustimmen, einschließlich der landwirtschaftlichen Aktivitäten und Möglichkeiten. Die Fähigkeit zu verbindlicher Kooperation ist daher zentral wichtig. Dass die Verantwortlichen der Landwirtschaft als erste den Planungsprozess verlassen, weist auf eine Schwäche in der bisherigen Agrarpolitik hin: Man entkoppelt sich gerne, man grenzt sich selber aus und „kocht seine eigene Suppe“. Man erhielt dafür bisher ja auch viel Geld für diese Sonderwege.

Richard Hummelbrunner, ein in Entwicklungsprozessen erfahrener Raumplaner, der auch in der Entwicklungshilfe tätig war, schilderte eine wesentliche Erfahrung aus seiner Beratungstätigkeiten in Ostländern, die EU-Beitrittskandidaten sind, folgendermaßen: In den letzten Jahren gab es in den Beratungsprogrammen und Projekten gewisse Rückschläge infolge mangelnder Bereitschaft und Fähigkeit für Koordination und Vernetzung. Einen der Gründe sieht er in der langjährigen Tradition und Gewohnheit der ausschließlichen Planung von oben im System der früheren Staatsbürokratie. Von oben wurde angeordnet, wie es „langgeht“ und von unten wurde dem entsprechend die Verantwortung nach oben delegiert.

Zur kreativen Erneuerung in der ländlichen Entwicklung ist die Fähigkeit für Koordination und komplexere Vernetzungen besonders wichtig. Diese Fähigkeiten sind infolge der bisherigen Konfliktvermeidung in der Politik wenig vorhanden. Hier wird der direkte Zusammenhang mit der mangelnden Konfliktbearbeitung und Konfliktfähigkeit wieder deutlich sichtbar. Es geht um demokratische Einbeziehung vieler Betroffener und um Ermutigung zu Eigenverantwortung in überschaubaren Räumen. Es geht um partizipative Planung in den Regionen. Eine gute Beziehung und Koordination zwischen den innovativen Gruppen der verschieden Bereiche in der Region ist daher sehr wesentlich.

Gute Koordination hängt mit komplexer werdender Vernetzung zusammen. Die zu bearbeitenden Probleme sind nicht damit zu lösen, dass die Inhalte und Vorgänge nur vereinfacht werden. Es braucht den umgekehrten Vorgang: Man muss trainieren, dass man mit komplexeren Abläufen zurechtkommt (Belastungsfähigkeit, Umgang mit Komplexität, siehe auch Punkt 7.3). Man braucht Ausdauer und Geduld zur sorgfältigen Abstimmung zwischen verschieden Standpunkten. Da geht es nicht mehr, wenn man z.B. zwischen Wissenschaft, Fachberatern, Behörden und den Praktikern einen Bruch akzeptiert oder konstruiert, mit der oft noch vorhanden Meinung, man braucht keine „Gstudierten“; oder man sagt vorschnell, die Behörden seien alle unfähig oder ähnliches. Das mag es im Einzelnen alles geben, aber das kann keine Leitlinie sein. Da ist es im Gegenteil wichtig, vorhandene Brüche und Gräben zwischen den genannten Ebenen zu bearbeiten, damit eine gute Zusammenarbeit möglich wird.

Rückgabe der Verantwortung an die Bäuerinnen und Bauern

Auch in Österreich gab es im Agrarsystem der letzten Jahrzehnte eine vergleichbare Bevormundung und Lösung aller Probleme von oben, manchmal durchaus ähnlich wie dies von den Ostländern beschrieben wurde. Diese Gewohnheit, alle Lösungen von „oben“ zu erwarten, sitzt bei vielen Bauern tief. Dies berichten z.B. auch Zuständige aus den Bioverbänden, die nun die regionale Ebene wieder einführen und integrieren wollen. Man tut erfahrungsgemäß niemand etwas Gutes, wenn man sich und andere mit einer irrealen Welt umgibt. In einer Podiumsdiskussion im November 1998 in Salzburg am Hefterhof sagte Fritz Gruber, Landwirtschaftskammerrat in der Steiermark, Folgendes:

„Genau gesehen sind wir durch unsere Vergangenheit systemgeschädigt. In der Politik hieß es jahrzehntelang: ‚Bauern produziert`s nur fleißig, vermarkten tun die Politiker und die Genossenschaften‘. Viele Betroffene finden nun erst viel zu spät oder gar nicht zu den eignen Aktivitäten in ihren Regionen; die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die es gäbe, werden nun nicht alle genutzt.“

Das Export- und Preisstützungssystem war also ein bevormundendes System, es war ein System, das neben der marktwirtschaftlichen Realität stand und das die eigenständige, regionale Vermarktung mit dem direkten Kontakt zu den Konsumenten als zweiten Bezug neben der staatlichen Förderung ausschaltete. Das „böse“ Erwachen kam dann auch ab 1995 mit dem EU-Beitritt Österreichs, das als ein unvorbereitetes, schockartiges Erwachen, das heute noch nicht abgeschlossen und aufgearbeitet ist, beschrieben werden kann.

In schockartigen Übergängen mit zuwenig Vorbereitung entstehen erfahrungsgemäß viele Brüche. In solchen Irritationen neigen viele Menschen dazu, sich an den bisherigen Vorstellungen und Leitbildern festzuhalten und keine neuen Ideen zu entwickeln. Der durch die GATT-Vereinbarungen und den gleichzeitigen EU-Beitritt aufgezwungene, rasche Wandel im Jänner 1995 schaffte dann viele Ängste und Aggressionen verbunden mit viel Resignation. Dies wurde in den Gruppendiskussionen, die im Rahmen dieses Projektes erfasst wurden, immer wieder erkennbar.[40]

Die negativen Wirkungen des alten Systems wurden nur wenig bearbeitet und daher nicht verstanden. In manchen Idealisierungen des alten Systems äußert sich diese mangelnde Verarbeitung der Vergangenheit und des inzwischen eingetretenen Schocks. Dies bindet die Gefühle vieler Bauern und vieler Bauernvertreter. Notwendige Neuerungen werden in solcherart gebundenen Gefühlen nicht angenommen. Im Gegenteil: Die Gefühle, die Orientierung und die Erwartungen vieler Bauern richten sich auf die Wiederherstellung des „Ersatzzustandes“ der Exportorientierung ohne regionalen Bezug.

Auch wenn in der Politik nun neue Lösungen gesucht werden, wird das darunter liegende Problem der Abschiebung aller Verantwortung auf Lösungen „von oben“ ohne eine Reflexion und Bearbeitung nicht verstanden.

Ziel müsste es sein, die Rahmenbedingungen so zu strukturieren, dass in einem großen Ausmaß eine Rückgabe der Verantwortung an die Bäuerinnen und Bauern möglich wird. Selbst in Versammlungen mit Biobauern, selbst in diesen „aufgeschlossenen“ Kreisen, ist der Inhalt dieses Satzes aber nur schwer verständlich zu machen. Es ist nicht bewusst, dass lange Zeit alle Verantwortung nach oben und außen delegiert wurde. Der Landessekretär des Ernteverbandes von Niederösterreich Engelbert Sperl drückte den Zustand sinngemäß so aus: „Wenn ein Biobauer nicht anfängt, sich selber zu bewegen, dann kann man ihm auch nicht helfen“.

Beide Seiten, die Politik oben und die Betroffenen unten, brauchen ein neues Verständnis für die realistische Lösbarkeit der Probleme. Eine aneignende Haltung der Politik in dem bisherigen Sinne: „wir werden alles für euch machen“ ist genauso problematisch wie eine ablehnende Haltung der Betroffenen, die glauben, sich auf Dauer ohne Abstimmung mit der Politik alleine „aus dem Sumpf ziehen“ zu können. Erst aus dem Wissen um die Grenzen beider einseitigen Versuche der Problemlösung, die ohne Zusammenwirken mit der anderen Seite in der Regel scheitern, ergeben sich ernsthafte Anstrengungen, an der Verbesserung der Beziehungen für eine produktive Zusammenarbeit zu arbeiten und die beiderseitige Ablehnung und „Arroganz“ dabei zu überwinden.

Abschließend zu diesem Thema ländliche Entwicklung soll noch eine wichtige Erfahrung von Robert Zehentner, SPÖ-Landtagsabgeordneter in Salzburg, wiedergegeben werden: Zehentner spricht von der Tendenz, dass eine Partei die Planung und Durchführung von regionalen Programmen einschließlich der vorhandenen Förderungen monopolisieren und an sich reißen will. Sie vereinnahmen damit die eigenständigen Innovationen von einzelnen Gruppen für sich. Er findet es wichtig, dass alle wesentlichen Gruppen einer Region im überparteilichen Sinne an einer regionalen Entwicklung und partizipativen Planung eingebunden werden.

8.         Stärkung der Konfliktfähigkeit als Voraus­setzung zur Neuorientierung

In diesem Kapitel werden folgende zentrale Punkte angesprochen:

  • Weitere Aussagen aus den Gesprächskreisen: In den Gruppen wurde die Fragen gestellt: Wie geht man mit Konflikten in bäuerlichen Bereich um? Wie groß ist die Fähigkeit Konflikte zu bearbeiten?
  • Die Bearbeitung der Politikablehnung durch BürgerInnen durch das Bewusstmachen der Rolle als Mitproduzenten am Problem
  • Ansätze für eine grundsätzliche Neuorientierung am Beispiel einer Bäuerinnengruppe der Österreichischen Bergbauernvereinigung.
  • Schließlich geht es um die Fragen, wo und wie in den landwirtschaftlichen Organisationen und Strukturen das Thema Konstruktive Konfliktbearbeitung als ein wichtiger Arbeits- und Bildungsinhalt integriert werden könnte.

8.1        Die Sichtweise der Beteiligten

Ein Themenbereich bei den Gesprächsrunden war die Frage nach der Eigenverantwortung und die Frage nach dem Umgang mit Konflikten. Werden Konflikte verdrängt, werden Konflikte polarisiert oder werden Konflikte bearbeitet und fair ausgetragen? Hier einige Antworten und Anmerkungen aus den sechs Gesprächskreisen.

Zur Sachebene[41]

  • Manche Genossenschaftsfunktionäre getrauen sich den Bauern nicht zu sagen, wie schwierig es ist, eine Genossenschaft wirtschaftlich positiv zu führen. Konflikte werden dann verschwiegen und die Genossenschaft gerät dabei in Schwierigkeiten.
  • Das Ansprechen und Bearbeiten der Konflikte wäre für die Biobäuerinnen und Biobauern sehr wichtig. Es gibt auch in dieser Gruppe intern die Tendenz Konflikte zu verschweigen.
  • Die Frage von Konfliktregelung spielt hinein in den psychologischen Bereich, die Gesundheitsdiskussion bleibt hinten.
  • Beim Urlaub auf dem Bauernhof haben manche Familien zuwenig auf Abgrenzung der Privatsphäre geachtet.

Zur Beziehungsebene

  • Biobauern werden gerne vorne hingestellt – zum Herzeigen.
  • Im Zusammenleben fehlt weitgehend die Toleranz. Viele vergönnen anderen ihre Erfolge nicht.
  • Konfliktfähigkeit heißt sich den Problemen bewusst stellen.
  • Es gibt generell viel zu wenig Diskussionen über die Probleme und verschiedene Strömungen in der Landwirtschaft. Es gibt viel Resignation.
  • Es gibt einen Trend des Rückzugs ins Private, Bauern kommen heutzutage nicht mehr so interessiert in die Versammlungen wie etwa vor 25 Jahren.

Probleme im Umgang mit Konflikten

  • Wir in Österreich sind allgemein konfliktscheu. Das ist zum Teil eine 2000- jährliche Kultur. Ansätze der Veränderung scheitern oft an dieser Konfliktscheuheit und der Neigung zur Verdrängung.
  • Konflikte ansprechen ist schwer. Man geht von Problemen einfach lieber weg, oder man betrachtet es als Aufwiegeln, wenn man Probleme anspricht. Spricht man Konflikte an, kommt es leicht zum Aufschaukeln.
  • Das Bewusstsein für Konfliktregelung ist in der langen geschichtlichen Entwicklung geschwächt worden.
  • Bauern tun sich schwer über interne Konflikte zu reden, man stellt im Gesamten nur mehr 5% der Bevölkerung, deshalb glauben viele, man müsse als Minderheit besonderes zusammenhalten.
  • Die mangelnde Fähigkeiten Konflikte zu bearbeiten ist ein allgemein kulturelles Problem auf dem Land und nicht nur der Bauern.

Hier ist es wichtig anzumerken, dass in den Gesprächsrunden die Fragen nach Konflikten in der Landwirtschaft und die Fragen nach dem Umgang mit Konflikten grundsätzlich sehr positiv aufgenommen wurde. Es zeigte einerseits, dass diese Fragestellungen auch in diskussionsversierten Kreisen noch ungewohnt sind, andererseits, dass solche Fragestellungen einiges auslösen können und zum Bearbeiten von Konflikten ermutigen. Dazu war es jeweils wichtig über das Wesen von Konflikten an sich bzw. über das Konfliktverständnis zu sprechen.

Die Information, dass Konflikte grundsätzlich als etwas Positives, etwas zum Menschen gehörendes sind, ermutigt die Beteiligten, sich auf Konfliktarbeit einzulassen. Der Zugang zu einer konstruktiven Form der Konfliktlösung könnte helfen, die negativen Einstellungen zum Konflikt aus der bisherigen Betrachtung zu überwinden. Bei der Haltung einer konstruktiven Konfliktlösung ist auch die Abgrenzung zur Streitlust auf der anderen Seite wesentlich.[42]

8.2        Die Ansätze in der Konfliktforschung in Management,
Wirtschaft und anderen Gesellschaftsbereichen

In anderen Bereichen der Gesellschaft, etwa in der Friedensforschung, in aufgeschlossenen Firmen, im Bereich der Organisationsentwicklung und Managementschulung gehört es bereits zu den notwendigen Aufgaben, sich auch mit Konfliktlösung und Konflikt-Management fachlich zu beschäftigen und solche Fragen in Ausbildungskonzepten zu integrieren.

 

8.2.1     Was man von Konflikten wissen kann / Konflikttypen
(nach STEINWEG 1999)[43]

Streitpunkte auf der Sachebene

Es geht in erster Linie um eine Sachebene, um etwas, was außerhalb der Person liegt:

  • INTERESSEN: z.B. zwei Konfliktparteien wollen dasselbe haben, aber nur einer kann es bekommen.
  • ZIELE: z. B. wollen die einen möglichst ökologische Verhältnisse, die anderen wollen erst mal ihr Auskommen und Wohlstand.
  • MITTEL: z.B. die einen wollen das Ziel „höchstens drei % Arbeitslosigkeit“ durch absolut freie Marktwirtschaft, die anderen wollen Zölle, Subventionen, staatliche Steuerung erreichen.

Interessen und/oder Zielkonflikte, Streit um den richtigen Weg

Streiten auf der Beziehungsebene

Es gibt zwar auch Streitpunkte auf der Sachebene, aber der Hauptpunkt liegt in den Personen;

persönliche Bedürfnisse, z. B. nach Anerkennung von Leistungen oder von bestimmten Gefühlen, werden frustriert, man erlebt Kränkungen oder Verletzungen, ungerechtfertigte Abwertungen, von der Sache her nicht notwendige Herabstufungen, Willkür (Unklarheit, schwankende Entscheidungen, unerklärliche Gereiztheit, unklare Entscheidungskriterien oder persönliche Vorlieben: Sympathie/ Antipathie wird unkontrolliert in die Arbeitsbeziehungen hineingetragen, Bevorzugung/ Benachteiligung) unter Sachvorwänden werden alte Rechnungen beglichen, man fühlt sich verfolgt usw.

Bewertungs- und Bedürfniskonflikte

Symmetrische und asymmetrische Konflikte

Symmetrischer Konflikt: Beide Konfliktpartner sind sich nach Ausbildung, Kraft und Kampfmitteln ebenbürtig, wenn auch nicht gleich.

Asymmetrischer Konflikt: Die eine Konfliktpartei ist reich und gut ausgebildet, verfügt über viele Kampfmittel, die andere ist arm und schlecht ausgebildet, hat nur wenige und abgenutzte Mittel, um ihre Position zum Ausdruck zu bringen.

Doppelt Asymmetrischer Konflikt: Die eine Partei ist zwar formal überlegen (z. B. der Chef), aber die andere Konfliktpartei ist nach Zahl, persönlicher Ausstrahlung, Beliebtheit, Kraft und/oder Wissen (Know-how) überlegen. Beide sind voneinander stark abhängig und haben zugleich in wichtigen Teilen –formell oder informell – „das Sagen“.

Heiße oder kalte Konflikte

Heißer Konflikt: Die Konfliktparteien ringen miteinander, bekämpfen oder befehden sich offen, heftig und direkt. Begegnungen, Konfrontation und direkte Auseinandersetzung werden gesucht.

Kalter Konflikt: Die Konfliktparteien verkehren so wenig wie möglich miteinander, Gespräche und Informationsaustausch werden auf das unvermeidliche formelle Mindestmaß begrenzt. Die Konfliktparteien bekämpfen sich aber nach wie vor aufs ärgste, jedoch – hintenherum – durch Intrigen, falsche Gerüchte, Schlechtmachen in der Öffentlichkeit usw.; Krankheiten nehmen zu.

8.2.2     Konstruktive Haltungen und Verhaltensweisen[44]

Fähigkeit von kritischer Selbstbefragung

Auf der Basis dieser Grundfähigkeit (Selbstaufmerksamkeit, Selbstsicherheit, Zuwendungsfähigkeit), kann sich die Fähigkeit zur Selbstkritik entwickeln: Schwächen, Schwachstellen, Fehler und Fehleinschätzungen erkennen und sich eingestehen können, das Vermögen, quasi von außen, den eigenen, „Schatten“, den eignen „Doppelgänger“ wahrzunehmen, unter den eigenen Argumentationen eigensüchtige Motive zu erkennen, oder bei sich selbst Ideologiemomente zu entdecken, ferner die Fähigkeit, eigenen Übertragungen und Projektionen auf die Spur zu kommen. Das Vermögen zur kritischen Selbstwahrnehmung kann im Umgang mit dem Gegner oder auch mit Verbündeten in passive Kritikfähigkeit münden: Kritik und entgegengesetzte Wertungen von anderen hören und teilweise annehmen können, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Sehr wichtig ist ferner die Fähigkeit, sich im richtigen Augenblick zurücknehmen zu können (sowohl in der räumlichen Präsenz, als auch in der Dimension der Zeitbeanspruchung). Besonders hilfreiche Ausprägungen dieser Grundfähigkeit sind Humor und Selbstironie.

Die Fähigkeit zur kritischen Selbstbefragung ist jedoch nicht nur die Kunst das eigene Dunkle „wahrzunehmen“. Wenn sie sich mit der Selbstfindungsfähigkeit paart, kann sich daraus auch die Fähigkeit entwickeln, konfliktverursachtes Leid positiv zu wenden bzw. es zur eigenem Weiterentwicklung zu nutzen (Leid-Transformieren).

8.2.3     Unter Druck mit Komplexität umgehen können / Belastungsfähigkeit

Diese Grundfähigkeit, mit Belastungen umgehen zu können, hat drei Komponenten, die hier zum Zweck der Darstellung getrennt werden, aber in eins zu denken sind, weil sie real unmittelbar ineinander übergehen und erst in dieser Kombination konfliktspezifisch sind:

  • eine konditionsbezogene Fähigkeit
  • eine analytische Fähigkeit
  • eine handlungsbezogene Fähigkeit

Das Vermögen, seine Kräfte einzuteilen, im Wechsel von Leistung und Entspannung, einen angemessenen Umgang mit An- und Überforderung zu finden, und die Belastung dadurch zu relativieren, dass man den „Blick nach vorne richtet“. Die Fähigkeit sich aus der Konfliktverstrickung zu lösen, Abstand zu nehmen und Teilaspekte des Konfliktes auf sich beruhen zu lassen, ist ebenfalls ein Aspekt der Belastungsfähigkeit.

Ein wesentlicher Aspekt von Belastungsfähigkeit ist ferner die Frustrationstoleranz. Folgt man Friedrich Glasl, so setzt Frustrationstoleranz sich aus folgenden vier Fähigkeiten zusammen[45] :

  • Das Aushalten und Stehenlassen von Ambivalenzen: D.h. ertragen können, dass es im Bezug auf Vorstellen und Fühlen nicht „richtig“ und „falsch“ gibt, bzw. dass ein Ding, eine Position, eine Überzeugung usw. mehrere Seiten haben kann, die ja nach Standort und Phase anders gewichtet werden.
  • Die Fähigkeit eine bestimmte Zeitspanne lang mit der Ungewissheit umgehen zu können, ob die Entscheidung vom Zeitpunkt X richtig war: D.h. sich diese Ungewissheit einzugestehen und trotzdem Kurs zu halten, oder auch „standhaft im Ziel flexibel auf dem Weg“ zu sein.
  • Die Fähigkeit auch angesichts einer verwirrenden Vielzahl von Faktoren den Überblick zu behalten bzw. das Ganze sehen und zugleich damit umgehen zu können, dass die Fähigkeit bei unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Ausmaß vorhanden ist (Koplexitätsspanne).
  • Die Fähigkeit, erworbene mentale Strukturen loszulassen, über Jahre Gelerntes wieder zu verlernen, also feste Urteile und Gewissheiten in Frage stellen zu können: Strukturauflösungs-Fähigkeit, „heimatlos werden können“.

Abschließende Bemerkung zu den Fachinformationen: Diese Auszüge aus fachlichen Beschreibungen sind eine Information dafür, dass in anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsbereichen schon längere Zeit in professioneller Form an Konflikten gearbeitet wird. Vielleicht kann dies in Zukunft auch in der Landwirtschaft gelingen.

8.3        Die Bearbeitung der Politikablehnung durch BürgerInnen durch das Bewusstmachen der Rolle als Mitproduzenten am Problem

Im Selbstverständnis von gesellschaftskritischen Gruppierungen oder auch von Gruppen in den Kirchen ist die solidarische Haltung mit den „Unteren“, mit den Benachteiligten, mit den „einfachen Leuten“ ein wichtiger Grundwert. Im derzeitigen Trend der Entsolidarisierung bekommt dieser Grundwert wieder eine wichtige Bedeutung. Die Solidarisierung nach unten kann aber auch schnell zu einer Falle der Feindbildung werden, wenn sie nicht kritisch reflektiert wird. Rechtspopulisten machen uns diese spaltende Solidarisierung nach unten vor.

Wer die Probleme der Benachteiligten wohl anspricht, dabei aber die Welt in Gut und Böse einteilt, gegen Bonzen und Strukturen eine Feindhaltung mit Abwertung entwickelt, der rutscht in diese Falle der Feindbildung (siehe auch Punkt 1.3.). Man benutzt dann wieder die „Benachteiligten“ um sich selber als ein Erlöser zu profilieren, und die Betroffenen verlassen sich dann wieder auf die Hilfe von oben. Nachhaltige Hilfe kann nur mit den Betroffenen gemeinsam unter Einbeziehung ihrer „Selbsthilfearbeit“ erfolgen. Genau um das geht es im Populismus nicht mehr und daran ist der Unterschied zu nachhaltiger Problemlösung erkennbar (siehe Punkt 3.1.).

Informativ dazu ist ein Artikel von Christa Zöchling, der im Wochenmagazin Profil im Juni 1996 veröffentlicht wurde.[46] Es geht darin um eine Analyse vom Medienexperten Bruck über die Kronenzeitung.

„Für Kleinbürger ist die Krone wie maßgeschneidert, sie genießen das alte Spektakel des öffentlich An-den-Pranger-Stellens und fühlen sich sicher, weil sie nicht betroffen sind. Durch die klaren moralischen Wertungen wird Übersicht hergestellt und Komplexität abgebaut…und der Rahmen ist die heile Welt…sie sehen sich selbst als kleine Leute die sowieso nichts ändern können. ….außergewöhnliche Ereignisse werden im Raster von Gut und Böse serviert und das gibt Orientierung“

Klare moralische Wertungen im Raster von Gut und Böse bauen Komplexität ab und geben Menschen, die wenig Fähigkeit haben mit Konflikten umzugehen, Stabilität und Orientierung. Sie können sich in der Rolle des Zuschauers unschuldig fühlen und sich das Spektakels auf der politischen Bühne – worauf sich die beschimpften „Bonzen“ befinden – genüsslich ansehen.

Wenn man die gegenwärtigen Rundfunk- und Fernsehberichte in Österreich und in Deutschland (Jänner, Februar 2001) bezüglich der Vertrauenskrise der Konsumenten infolge von BSE oder im Zusammenhang mit der illegalen Medikamentenanwendung in der Schweinemast aus diesem Blickwinkel betrachtet, dann passt die Schilderung des unschuldigen Zuschauers von außerhalb der Bühne, ziemlich genau zur Haltung vieler Bauernvertreter und auch zu den Betroffenen. Man tut wieder so, als wäre man nur Opfer der Umstände, als hätte man mit dem Mittragen der bisherigen Agrarpolitik keine Mittäterrolle an der derzeitigen Krise. Man tut so, als wäre man nicht mit auf der politischen Bühne gestanden. Es seien ja nur ein paar schwarze Schafe, die bestraft werden müssen, ansonsten sind alle unschuldig, heißt es dann. So wird die Schuld wieder abgeschoben. Diese „Arroganz“ der kleinen Bürger besteht darin, dass man sich vorschnell selbst für unschuldig, schwach und selbstverständlich als Objekt der Mächtigen und/oder Opfer der unabänderlichen Umstände fühlt.

Die Frage ist wo und wie schaffen wir es, dass die Betroffenen als Beteiligte und als Mitproduzenten an der Krise auf die reale politische Bühne zurückkommen.

8.3.1     Handlungsmöglichkeiten der Betroffenen durch Täterarbeit erweitern

Wie können nun Formen der Beteiligung gefunden werden, die sich von unrealistischen Erlöser- oder Versorgungsstrukturen von oben unterscheiden? Wie können wir wieder auf politische Strukturen Einfluss nehmen? Der eine bekannte Punkt ist der Ansatz an der Betroffenheit, am sogenannten Leidensdruck. Dieser Ansatz setzt nach Thea Bauriedl voraus, dass die Angst vor der Veränderung nicht größer ist, als die Angst vor dem Schaden, der entsteht, wenn man nichts tut.[47] Erst wenn jemandem bewusst wird, dass der Schaden am Nichtstun größer ist, tut er/sie selbst aus innerer Motivation heraus etwas.

Unser Verhalten ist weitgehend an dieser Kosten-Nutzen-Rechnung orientiert. Deshalb können und sollten auch Anstrengungen um Veränderungen am Bewusstmachen von Selbstbeschädigung ansetzen. Moralische Appelle alleine nützen bekanntlich wenig. Wenn man aber über Selbstbeschädigung nachdenkt, ist auch die Frage nach dem eigenen Anteil als Mitverursacher an der Krise enthalten.

Dieser Ansatz an der Mitverursacher- und Täterrolle ist jedoch schwerer zu ertragen. Sehr leicht gerät deshalb jede Diskussion – wenn man nicht absichtlich aufpasst – einseitig wieder zur Darstellung einer Opferrolle. Man jammert dann über die ausweglose böse Politik und sieht sich selbst wieder als ohnmächtiger Zuseher, wiederum außerhalb der politischen Bühne stehend. An der Art, wie zum Beispiel in einer Veranstaltung die Diskussion geführt wird, wird ersichtlich, ob die Teilnehmer in ihren Beiträgen auf der politischen Bühne bleiben oder ob man sie die Bühne verlassen und nur Schuldige suchen. Die Gesprächsleitung oder kritische Teilnehmer können diesen Unterschied erkennen und konkret darauf hinweisen.

Eine Arbeit an der Täterrolle heißt genau an jenen Stellen anzusetzen, wo der Einzelne auch selbst am Zustandekommen der jetzigen Krise beteiligt ist. Es geht darum, dass man den Betroffenen zutraut und ermutigt, das unangenehme Gefühl eine Krise, einen Schaden mitproduziert zu haben, auszuhalten und zu bearbeiten. Normal kommt es genau an der Stelle, wo dieses Gefühl nicht mehr ausgehalten wird, nun zum Suchen eines Sündenbockes. Werden diese Spannungen jedoch als wichtig erkannt und ausgehalten, dann kann eine produktive Arbeit mit Einbeziehung der eigenen Beteiligung beginnen. Damit erweitern sich aber auch die konkreten Handlungsmöglichkeiten für die Beteiligten.

Dort wo man selbst an der Zerstörung der Lebensgrundlagen beteiligt ist, kann man auch wieder selber etwas zur Veränderung tun und somit die Ohnmacht überwinden.

8.3.2     Der Unterschied von Beschuldigung und kreativem Schuldbewusstsein

Eine weitere Klärung ist in der politischen Alltagsarbeit wichtig: Die Differenzierung der Frage des Schuldbewusstseins. Wir neigen mehr oder weniger alle dazu, z.B. in einer resignativen Stimmung uns selbst zu beschuldigen, und/oder wir neigen gleichzeitig zur Schuldzuschreibung an andere.

Hier ist eine Differenzierung sehr wichtig und möglich. T. Bauriedl unterscheidet zwischen einem kreativen Schuldbewusstsein, das sie beschreibt als schmerzliches Erleben und Leiden, an destruktiven Prozessen selbst beteiligt zu sein, und das zum Versuch der Umkehr, zur Veränderung drängt,[48] und einer Schuldzuschreibungen an andere bzw. Selbstbeschuldigungen, die den Status quo stabilisieren. Das heißt man schiebt die Schuld entweder an andere ab oder man beschuldigt sich selber. Aber diese Fremd- oder Selbstbeschuldigung verhindert eine Veränderung.

8.4        Grundsätzliche Neuorientierung:
Das Beispiel der Bäuerinnengruppe der Bergbauern­vereinigung

Die Bäuerinnengruppe der Österreichischen Bergbauernvereinigung gibt es schon 20 Jahre. Diese Gruppe hat mit einer sehr kreativen Bildungsarbeit vielen Bäuerinnen sehr viel selbsterarbeitete Persönlichkeitsbildung gebracht. Es beginnt damit, dass man von daheim wegkommt und die Fragen einmal mit mehr Distanz betrachten lernt. Man kann dann die Zusammenhänge besser analysieren und verstehen. Somit kommt es zum Umdenken und Weiterdenken. Schließlich kann man dann die eigenen Ressourcen und Kräfte besser entdecken, sich zusammenschließen und solidarisieren und gemeinsam an Veränderungen arbeiten.

Die Gruppe arbeitet nach einem sehr durchdachten Konzept in sechs Schritten mit dem Titel: „Pädagogisches Konzept der regionalen, basisorientierten Bildungsarbeit mit Bäuerinnen“. Dieses Konzept, das in Kurzform „Bildungsspirale“ heißt, wurde von der langjährigen Leiterin der Gruppe und Familienberaterin Traude-Beer-Heigl entwickelt.[49] Der folgende Beitrag stammt von Heidi Rest, Biobäuerin und Sozialarbeiterin in Dorfgastein. Frau Rest hat den Entwicklungsprozess der Bäuerinnengruppe in einer Gesprächsrunde geschildert.[50] Die Überschriften entsprechen den sechs Schritten in der Bildungsspirale.

  1. Abstand gewinnen vom Alltag

Ich bin jetzt 20 Jahre beim Bäuerinnenkreis der Bergbauernvereinigung dabei. Es war zunächst ein wichtiger Schritt, dass wir eine Betreuerin gewonnen haben, die dazu da ist, dass sie die wichtigen Dinge zusammenträgt und koordiniert, weil wir das alleine nicht machen können. Das war ein wichtiger Schritt. Es ist eine Fachkraft, die hauptamtlich bezahlt ist und dazu eine Ausbildung hat, denn Bildungsarbeit kann nicht jeder einfach so machen. Wir sind dann so vorgegangen, dass wir Frauen angeredet haben zum Mitmachen. Ich bin ursprünglich auch angeredet worden, da mitzumachen. Es geht darum, dass man einmal herausgeht aus seinem Platz und sich auf eine Reise begibt, um einfach die vielen Zusammenhänge, in denen man im Alltag ständig lebt, sozusagen ein bisschen von weiter außen betrachten kann. Interessant ist ja, dass, wenn man verreist, die Probleme mitreisen und sogar intensiver werden. Ich rede jetzt von Problemen, ich rede aber auch von Erkenntnissen.

  1. Zusammenhänge sehen und dahinter schauen

Es gibt Erkenntnisse und die haben wir mitsammen geteilt und wir sind auf den Standpunkt gekommen, dass auch das Private politisch ist, dass die einzelnen Erlebnisse, die Frauen haben und sei es, wenn eine junge Bäuerin jeden Tag mit ihrer Schwiegermutter darum kämpft, wer anheizen darf. Diese Szene haben wir dann auch in einem Theaterstück inszeniert. Das scheint zunächst so „deppert“ zu sein, dass man denkt, über das reden wir jetzt nicht. Aber wenn man dann dahinter schaut auf die Strukturen, dann wird ersichtlich, dass auf den Höfen oft Machtkonflikte ablaufen, die einfach für alle Leute total destruktiv sind. Das ist nicht nur so für die junge Frau, die auf den Hof hinkommt, sondern auch für die alte Frau, die auch ihren Platz suchen möchte und die dazu nicht kommt, weil sie einfach verzweifelt an etwas festhält, was sie eigentlich abgeben müsste, oder wo sie einen Platz für etwas Neues schaffen könnte. Aber manchmal ist so viel Angst da, dass man vielleicht etwas hergeben muss, für das man dann nichts anderes mehr bekommt. Also das hat genauso die Familiengeschichten betroffen, aber genauso die Situation im Dorf, zum Beispiel auch die machtvolle Position der Kirche im Dorf. Es gab Bäuerinnen die ihren Pfarrer gefragt haben, ob das etwas ausmacht, wenn man am Sonntag einmal nicht in die Kirche geht. Und der hat darauf gesagt, das macht schon etwas und das täte ich ihnen nicht raten. Also wir haben erlebt, in welchem katastrophalen Ausmaß eben solche Eingriffe noch da sind und wie sich die Leute da auch gängeln lassen, wie sie sich überall dreinreden lassen und wie schwer das oft ist, dass sich Bäuerinnen da von dem lösen und sagen: „Ich bin eine erwachsene Frau“. Also sehr viele Frauen sind ganz lange zuerst in einer Tochtersituation und dann verharren sie in einer Schwiegertochter-Situation und kommen eigentlich nie zu einer Erwachsenensituation. Und wenn es in unserem Kreis von anderen diese Ermutigung gibt – „mir ist es auch so gegangen“ oder „mir geht noch immer so“ – dann schau ich, wie ich aus solchen Situationen herauskomme und ich lass mir bei bestimmten Sachen einfach nicht mehr dreinreden oder ich frag nach, wieso das so ist.

  1. Umdenken, weiterdenken, weiterentwickeln

Hier kommt dann der Punkt, wo wir dann gemeinsam begonnen haben neue Ideen zu entwickeln. Zum Beispiel die letzte Vollversammlung haben die Frauen vorbereitet. In einer Gruppenarbeit sind neue Ideen entstanden zum Thema „Wachse oder Weiche“. Wir haben versucht, dass wir aus diesem „Oder“, dem „Wachse oder Weiche“, herauskommen. Wir fragten uns, wie können wir das Wachsen und das Weichen zusammengeben und dann ist aus dem Weichen nicht mehr ein Weggehen geworden, sondern wir merkten, man kann da neue Richtungen entwickeln, für die man sich dann auch selber entscheiden kann. Da nimmt man dann auch sehr viel Druck bei den Leuten heraus, wenn sie mehr und mehr spüren, dass sie selber beteiligt sind an Geschehnissen, sowohl im Ort, als auch im Betrieb, als auch in der Gemeinde und in der Regionalpolitik. Da entsteht an der Stelle der Resignation dann eine Zukunft, es tut sich etwas auf, wo man einen neuen Blick entwickeln kann. Mit diesem neuen Blick beginnt dann ein langer Prozess. Man fährt nicht einfach heim und denkt, jetzt mache ich etwas Neues, sondern das geht oft schrittweise und oft ist es einfach so, dass man daheim wieder einen Schritt zurückgeht. Aber gleichzeitig ist es so etwas, wo niemand dem Anderen das Tempo aufpfropfen kann. Da muss einfach jede Frau, jeder Mann für sich selber entscheiden, was ist jetzt meine Wichtigkeit, was möchte ich jetzt tun. Aus dem Akzeptieren und Respektieren von der Besonderheit von jedem Menschen, wie er ist und welches Tempo er wählt, kommt dann eben das, dass man die eigenen Quellen und die eigenen Kraftreserven entdeckt, merkt und mit diesen umgehen lernt. Dass man eben nicht nur sagt, ich kann nur das gut, was ich immer schon gemacht habe und das ist so gottgegeben, sondern dass man das Erlebte wirklich als Quelle hernimmt und für sich selber Neues entwickeln kann. Da hat es z. B. immer auch Frauen gegeben, die zu den Sitzungen gekommen sind und dort ihre Würste verkauft haben, weil dann war er daheim nicht so böse. Das findet man zunächst albern, aber wenn es für sie gut ist und wenn sie dann sagt, ich fahr heim und ich sag ihm nicht nur, dass ich so und so viel Geld eingenommen habe, sondern es war auch eine Gaudi dabei und ich hab auch noch für mich etwas Neues dazu gemacht, dann machen sich neue Horizonte auf.

Es gibt auch andere Beispiele, dass Frauen gesagt haben, ich höre jetzt überhaupt mit dem Vorkochen auf. Weil kochen kann eh er auch, er hat es nur nie gesagt, dass er kochen kann. Nur es ist einfach auch so – das ist meine Wahrnehmung – dass Frauen ihren Platz auch nicht freigeben. Es kann dann auch gar niemand hingehen, wenn ich sage, ich mach alles selber und da braucht ihr gar nichts tun. Wenn man einen Schritt zurücktritt und sieht, das da eh wer nachkommt und auch etwas tut, dann kann man es beim Nächstenmal einfach so sein lassen und das wertschätzen. Das ist ja bei manchen Frauen das Problem, dass die das überhaupt nicht wertschätzen, wenn jemand anderer etwas tut und man muss das dann abwerten, indem man sagt: „Das ist aber nicht so schön, wie es ich mache“.

  1. Eigene Kräfte und Ressourcen entdecken, sich gegenseitig stärken

Aus dem Sehen der vielen verschiedenen Fähigkeiten und auch Ressourcen, auch bei den anderen, da entsteht dann genau das, was wir zuerst geredet haben: Wenn man etwas Eigenes hat, das geschätzt wird, kann man auch aus dem heraustreten, dass man nur Neid empfindet, wenn jemand etwas Gutes hat. Man kann es dann schätzen, ja die kann das, und das und dies trägt auch in der Gruppe etwas bei. Wenn dann das alles in die Gruppe getragen wird, dann schaut mehr heraus, als wenn nur ein Mensch alleine vor sich hinarbeitet.

  1. Sich zusammenschließen, solidarisieren und gemeinsam verändern

Das, was in der Gruppe entsteht, ist mehr, als das was die Einzelnen allein tun könnten. Dadurch entsteht erst die Möglichkeit für eine Solidarität, weil das bringt etwas, und das ist dann die Möglichkeit der Veränderung. Und noch abschließend dazu: So war es für mich total interessant, das wir im Gruppenprozess ganz unterschiedliche Frauen an sehr unterschiedlichen Plätzen waren, mit unterschiedlichen Lebensumständen. Und dass wir im gemeinsamen Weg immer irgendwo hingekommen sind, wo eine gerade war. Wir haben z.B. einen großen Zyklus gehabt „In der Mitte des Lebens stehen“, wo ganz viele junge Frauen auch dabei waren, die sich trotzdem dafür interessiert haben, wie das so ist, wenn man in der Mitte ist. Gleichzeitig haben wir uns für Ausbildung interessiert, also wie werden unsere Kinder ausgebildet in den landwirtschaftlichen Schulen, wo wir schon alle weg waren. Aber wir haben hineingeschaut, wie ist das, was passiert da. Das heißt, es war einfach auch total interessant, wenn verschiedene Frauen, verschiedenen Alters zusammenkommen, weil dann einfach so ein großes Spektrum entsteht.

8.5        Die notwendige Schaffung von Strukturen zur
Neuorientierung

Umstieg in ökologische Haltungen auch im Bereich der menschlichen Beziehungen

Geht man den geschilderten Reflexions- und Bildungsprozess vom Bäuerinnenkreis der Österreichischen Bergbauernvereinigung aufmerksam durch, so wird deutlich, wie wesentlich ein strukturierter, fachlich begleiteter und kontinuierlicher Reflexionsprozess für die Bearbeitung der aktuellen politischen und „privaten“ Probleme und für die Entwicklung neuer Perspektiven ist. Es wird sichtbar, wie leicht man dazu neigt, von Innovation und Veränderung zu reden und dies den Leuten zu empfehlen, ohne die Bedingungen dafür zu schaffen, dass dies auch gründlich geschehen kann.

Es ist auch nicht damit allein getan – so wichtig es ist – dass viele Bäuerinnen und Bauern umsteigen auf den Biolandbau, es braucht auch eine Bearbeitung im Bereich der Beziehungsfragen. Im beschriebenen Bäuerinnenkreis haben viele der beteiligten Bäuerinnen daheim seit vielen Jahren ihren Betrieb auf Biolandbau umgestellt und gleichzeitig arbeiten sie im Bäuerinnenkreis an weitergehenden gesellschaftlichen Fragen. Wie notwendig eine Arbeit an den konkreten Beziehungen ist, wird unter anderem auch im Rahmen der geschilderten Beispiele von Frau Heidi Rest in Bezug auf den Lernprozess zur Toleranz deutlich. In den Dorfgemeinschaften haben wir in der Regel noch ein recht zugeknöpftes Klima der Intoleranz, d.h. das „Gelten lassen der Anderen“ findet sich als persönliches, aber auch soziales Grundmuster noch selten. Es braucht also, zusammenfassend gesagt, parallel zum ökologischen und wirtschaftlichen Engagement auch Möglichkeiten der psychisch-sozialen Orientierung und eine Bearbeitung der Beziehungsfragen.

Strukturierte und organisierte Neuorientierung mit bezahlten Fachkräften

Im Kapitel 3 über den Förderungsansatz wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Förderstrukturen auseinanderlaufen: Es gibt immer weniger Geld für Organisationen, die eine grundsätzliche Reflexionsarbeit mit Neuorientierung machen. Dafür gibt es viel Geld für Intensivierung in der Landwirtschaft. Viele Organisationen, die an Neuorientierung und Selbstfindung arbeiten, mussten empfindliche Kürzungen hinnehmen.

Es bleibt die Frage, ob die Förderstrukturen der sogenannten „Kleinen Säule“ der EU, die der Ländlichen Entwicklung, stärker für solche grundsätzliche Reflexionsarbeit und Neuorientierung herangezogen werden könnten. Vielleicht muss dazu noch mehr in wissenschaftlicher Form das Prinzip der „Prävention“ herausgearbeitet werden. Anhand von praktischen Erfahrungen müsste berechnet werden, was man sich von Seiten des Staates erspart, wenn kreative, innovative Menschen mit Konzepten der Selbsthilfe innovativ werden und vom Grundsätzlichen her eine Neuorientierung einleiten. Das müsste dann in die Dimensionen der Agrarpolitik hochgerechnet werden. Liest man das hier angeführte Beispiel über den Beitrag der Bäuerinnengruppe der Österreichischen Bergbauernvereinigung genau, dann merkt man den direkten Zusammenhang von Privatem, Gesellschaftlichem und Politischem. Die politische und soziale Neuorientierung bedingt auch eine private Neuorientierung und umgekehrt.

Wird das Private und die Beziehungsebene nicht mitbearbeitet, haben von dieser Seite her viele Höfe und große Teile der Landwirtschaft keine Zukunft; allein deshalb, da die sozialen und familiären Situationen auf Bauernhöfen vielfach mit den allgemeinen gesellschaftlichen Situationen und Erwartungshaltungen im Widerspruch stehen oder „alte“, auch oft „versteinerte“ Traditionen nicht mehr an den allgemeinen sozialen Entwicklungsstand lebendig angepasst werden können. Daraus entstehen vielfältige unbearbeitete Konflikte und Hindernisse zur Entwicklung.

Ein Beispiel – Das Problem vieler junger Bauern eine Lebenspartnerin zu finden:

Ich verfolge mit Aufmerksamkeit die begonnenen Aktivitäten, dieses Problem anzusprechen, insbesondere im Rahmen eines Projektes unter dem Titel „Herz und Hof“, das in der Zeitschrift „Landwirtschaft und Leben“ vom Studienzentrum für Agrarökologie/ Innsbruck Prof. Josef Willi herausgegeben wird. Zusammen mit FachberaterInnen und einigen Stellen auf verschiedenen Landwirtschaftskammern wird in einem Beratungsprogramm das Problem aktiv aufgegriffen. Einige mutige Menschen haben begonnen die Beziehungskrisen auf Bauernhöfen zu bearbeiten, um mit den Betroffenen Auswege oder besser neue Wege für diese wichtigen persönlichen Lebensentscheidungen zu suchen. Immerhin gibt es Gegenden, in denen bis zu 30 % der Jungbauern ohne Partnerin leben. Das ist ein klarer Hinweis auf ein gehäuftes Auftreten bestimmter Formen von großen seelischen Notlagen.

Eine positive Entwicklung, soweit man sie auf die betroffen Menschen bezogen sieht, wird nur möglich sein und eine Förderung kann nur dann wirkungsvoll sein, wenn Chancen geboten und Möglichkeiten geschaffen werden, dass Menschen „aus sich herausgehen können“ und sich selber „entwickeln“ können.

Zusammenfassend zu diesem Punkt geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen, dass Privates, Gesellschaftliches und Politisches zusammen in Form einer Selbstfindung und Neuorientierung bearbeitet werden kann und muss. Dafür ist es notwendig Bildungsstrukturen zu schaffen, die wesentliche Grundfunktionen bereitstellen, das sind:

  • finanzierte Organisationsstrukturen
  • Bezahlung von Fachkräften zur Begleitung, Beratung und Supervision der Prozesse
  • Und auch die erforderliche Dokumentation und Publikation.

8.5.1     Strukturierte, professionelle Konfliktaustragung in der Agrarpolitik

Wenn es so ist, dass die Verdrängung der notwendigen internen Diskussionen und die Verdrängung der internen Konflikte die Bauern spaltet, auseinanderdividiert und nicht „zu sich kommen lässt“, dann braucht die Agrarpolitik dringend eine Grundsatz-Diskussion.

Die Frage ist nun, wer ein eigenes Interesse an einer solchen Grundsatzdiskussion hat. Nur wer ein persönliches Eigeninteresse mit der Notwendigkeit der sozialen und politischen Entwicklung verbinden kann, arbeitet nachhaltig mit.

Es ist somit notwendig über viele Fragen eine Grundsatzdiskussion anzustoßen, etwa zum Beispiel:

  • über grundsätzliche Fragen wie Hochleistungskühe im Grünland, Schnellmast mit Leistungssteigerern und artgerechte Tierhaltungsformen etc.
  • über eine mutige, adäquate Leistungsunterscheidung zwischen Biolandbau und konventioneller Landwirtschaft, wobei dem Biolandbau offiziell eine Vordenker-Rolle für eine neue Agrarpolitik zugestanden werden sollte
  • über eine neue Förderstruktur, bei der die innovativen Kräfte und die Politik gut zusammenarbeiten
  • über neue kreative Programme und Projekte im Bereich Ländliche Entwicklung mit breiter Einbeziehung vieler Betroffenen und mit partizipativer Planung
  • über verpflichtenden Interessenausgleich und Überwindung des Missbrauchs in der Agrarpolitik
  • über ein neues Konfliktverständnis an sich, indem man klar macht, dass nur eine konstruktive, transparente Bearbeitung der Probleme die gespaltenen Bauern wieder mehr zusammenbringt.

Auch für folgende Fragen sind Antworten zu finden:

Wem bringt das Voranbringen solcher Diskussionen für die eigene Zufriedenheit und Profilierung etwas und wer übernimmt aus diesem Bedürfnis heraus Verantwortung für das Weiterbringen wichtiger Entwicklungsperspektiven? Wer kann mit der bewussten Konfrontation und Herausforderung der Agrarführung, in den Regionen, auf Landesebene, auf Bundesebene mit dem Aufgreifen ausgewählter Themen für sich und für die eigene Organisation etwas gewinnen und damit politische Verantwortung übernehmen?

Diese so konkreten Fragen auch nach dem möglichen persönlichen Nutzen sind ehrlicher als moralische Appelle, weil wir in der Realität auch beim gesellschaftspolitisch relevanten Engagement vorwiegend nach diesem Prinzip handeln. Es geht dabei um die konstruktive Verbindung vom eigenen „Weiterkommen-Wollen“ und der konkreten Übernahme von Verantwortung. Auch das bewusste Eingeständnis, auch für sich etwas bewegen zu wollen, schafft Entwicklung. Damit kommt der Spaß und die Lust, sich auf solche Prozesse einzulassen, von selber.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Frage der Professionalität beim Strukturieren und Durchführen von solchen Prozessen. Das Aufgreifen von heiklen Grundsatzfragen würde, bisherigen Erfahrungen zufolge, ohne bewusste professionelle Strukturierung sehr rasch in zwei Fallen geraten:

Der eine Graben ist die bekannte Angst und Scheu vor der Konfliktbearbeitung: Es sollte immer wieder die Verdrängung und Abwehr, die allgegenwärtig ist, gesehen, angesprochen und überwunden werden, um sich für eine Bearbeitung zu entscheiden.

Der andere Graben ist die Tendenz, dass die Diskussion wieder sofort in personalisierende und polarisierende Formen zu geraten droht, die mit persönlichen Abwertungen oder vorschnellen Effekthaschereien verbunden sind.

Strukturierte Konfliktaustragung bedeutet hier also im besonderen, diese zwei benannten Fallen bei jedem Schritt bewusst mitzudenken, beginnend bei der Planung, bei der Vorbereitung einer konkreten Veranstaltung, bei der Auswahl einer erfahrenen Diskussionsleitung und auch insbesondere beim Ablauf einer Diskussion bzw. Veranstaltung selber. Mit einer bewussten Strukturierung und professionellen Durchführung kann man mehr riskieren, kann man auch Kreise mit einbeziehen, die man bisher lieber gemieden hat.

In Zeiten der medialen und marktschreierischen Monopolisierung von politischen Themen und in Zeiten des populistischen Wettlaufs, besser zu wissen, was den „kleinen Mann“ bewegt, sind offene Diskussionen mit einem solchen selbstkritischen Anspruch demokratiepolitisch sehr, sehr wichtig. Insbesondere haben wir vielerorts in den ländlichen Regionen aufgrund eines fehlenden oder fehlgeleiteten Konfliktverständnisses ein „rückwärtsgewandtes, dumpfes Klima“, auf dem gerne die populistischen Politiker „ihr Klavier spielen“ und damit die Demokratie noch mehr beschädigen.

Es geht um eine Stärkung der Demokratie am Land. Dies ist mir persönlich ein großes Anliegen.

Franz Rohrmoser, Kuchl im Februar 2001

9.         Zusammenfassung

Konfliktverständnis: Konflikte gehören zum Menschen

Es gibt die weit verbreitete Meinung, dass Konflikte etwas Schädliches sind. Über Probleme und Konflikte offen und selbstkritisch zu reden, ist nicht selbstverständlich.

Der Konfliktforscher Friedrich Glasl aus Salzburg unterscheidet zwischen drei Grundhaltungen in Konflikten.

  • Konfliktvermeidende Menschen denken: „Differenzen sind doch nicht lösbar“
  • Streitlustige Menschen denken: „Der Bessere, Stärkere wird siegen“
  • Konfliktfähige Menschen denken: „Konflikte sind Signale für längst fällige Problemlösung“

Die Stärkung einer Grundhaltung der Konfliktfähigkeit ist das Verständnis und das Ziel dieses Forschungsprojektes. Wer eine Verbesserung der Problemlösungen will, kann etwas tun, um die Haltung einer konstruktiven Konfliktbearbeitung zu stärken.

Konflikte gehören zum Menschen und auch zur Politik. Wir befinden uns alle in Spannungsfeldern zwischen unseren Lebenswünschen einerseits und unseren Ängsten, sowie Sicherheitsbedürfnissen andererseits. Konfliktfähige Menschen halten Spannungen besser aus und sind damit in der Lage gute Kompromisse im jeweiligen Spannungsfeld zu bilden. Störungen und Spaltungen treten so gesehen an jenen Stellen auf, wo Spannungen nicht ausgehalten und Probleme und Konflikte entweder vermieden, verdrängt oder polarisiert werden.

Die Konfliktvermeidung zeigt sich dort, wo Konflikte verharmlost, verleugnet und somit in den Untergrund verdrängt werden. Die Polarisierung zeigt sich unter anderem in der Grundhaltung der Streitlust oder der Lust am Personalisieren. Probleme und Konflikte müssen dann immer sofort auf Schuldige oder Sündenböcke abgeschoben werden.

Die ländliche und bäuerliche Kultur hat traditionell starke Züge zur Konfliktverdrängung und zur Verharmlosung. Diese Neigungen gehen weit in die Geschichte zurück und sind bisher wenig reflektiert worden. Ein unrealistischer Wunsch nach Harmonie ist besonders in der stark zur Vereinheitlichung neigenden Bauernvertretung sehr groß, weil viele ungelöste Konflikte niedergehalten werden müssen.

Neuerdings tritt auch stärker das Phänomen der Streitlust am Land und bei Bauern zutage. Einzelne wirtschaftlich besser situierte Bauern, die sich schon traditionell immer „mehr zu sagen getrauten“ als Kleinbauern oder sozial Schwächere, neigen in den neueren sich verstärkenden Agrarkrisen zur Polarisierung. Die mangelnde Fähigkeit zur Konfliktlösung zeigt sich oft versteckt in stillem Groll oder in ohnmächtiger Wut, in Neid und Angst vor Benachteiligung, in Ablehnung von Verantwortung und Hemmung in der kritischen Reflexion. In Orten, Regionen oder auf öffentlichen Veranstaltungen, wo solche unbearbeiteten Haltungen gehäuft auftreten, entsteht ein „rückwärtsgewandtes, dumpfes Klima“.

In diesem Zusammenhang haben Alexander und Margarethe Mitscherlich in ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ den Begriff des Ressentiments geprägt, dem eine ähnliche Bedeutung zukommt. Daher ist es von besonderer Bedeutung, sich mit der Frage zu beschäftigen, was passiert, wenn bei einem solchen Klima ein polarisierender, populistischer Politiker auftritt. Dies ist sogar ein häufig zu beobachtendes Phänomen, da Populisten ein ideales Umfeld für ihre Fähigkeiten vorfinden, um auf dem Klavier dieses „rückwärtsgewandten, dumpfen Klimas“ ihre „politische Musik der Schuldzuweisung“ zu spielen und gleichzeitig die Masse mit entsprechenden Ressentiments nach einer Richtungsgebung verlangt.

Ausgangshypothese: Fehlende Konfliktbearbeitung spaltet
die Bauern

Gesellschaftliche Gruppierungen, die über lange Zeiträume nicht zulassen, dass Probleme, Widersprüche und Konflikte auch innerhalb der scheinbar homogenen Gruppe angesprochen werden, neigen dazu, all diejenigen, die dies versuchen, auszugrenzen und als „Feinde“ des Systems zu brandmarken. Bei der Suche nach sozialen und politischen Problemlösungen im Agrarbereich kommt dieses Phänomen sehr prägnant zum Ausdruck. Seit 30 Jahren werden Teilnehmer aus der Agraropposition und innovative Menschen, wenn sie ungelöste Probleme z. B. die ungleiche Förderverteilung in der Landwirtschaft ansprechen, mit dem Begriff „Bauern-Spalter“ belegt. Tatsächlich sind aber die Verhältnisse in bezug auf die Entwicklungschancen jener Menschen, die im Agrarbereich tätig sind, umgekehrt:

Nicht wer Probleme und Konflikte anspricht spaltet die Bauern, sondern Bauernspaltung passiert überall dort, wo Probleme und Konflikte entweder in den Untergrund verdrängt oder ohne Bearbeitung polarisiert werden. Wer hingegen Probleme konkret anspricht, eine gestörte Gesprächsbasis wieder in Gang bringt und zu einer fundierten Bearbeitung drängt, hebt Spaltungen wieder auf.

Es zeigt sich, dass die Agrarpolitik wegen fehlender Konfliktbearbeitung voller Spaltungen ist, die sich im Rahmen der strukturellen Entwicklung der Landwirtschaft besonders destruktiv auswirken.

Sehr augenscheinlich wird dies durch die beispielhafte Schilderung eines Milchviehbauern: „Manche Kammerberater reden ganz offen, dass 9 von 10 Milchbauern verschwinden müssen. Es denkt aber kein Bauer, dass es ihn erwischt, jeder meint er bleibt über. Manche beten ein Vaterunser, dass der Nachbar aufhört. Bauern begreifen nicht, dass es bei diesem Denken auch ihn erwischt, dass da keiner übrigbleibt“.

Wie im Zitat sichtbar wird, bildete sich eine Art ökonomisches und soziales „Treibhausklima“. Erfahrene Praktiker weisen darauf hin, dass gerade jene Betriebe, die sich in Investitionen und ins Wachstum hineinstürzen, die eigentlich gefährdenden Bauern sind. Und trotzdem wird dieses „Sich-Hineinstürzen“ politisch gefördert. Das sei von Seiten der Agrarpolitik besonders verantwortungslos, sagen kritische Bauern. Die Aufhebung solcher, vorhandenen Spaltungen ist nur mit einer offenen Diskussion und mit dem Willen zur Konfliktbearbeitung möglich.

Die Verbesserung der Beziehung zwischen Innovation und Politik – zur Kritik des Förderansatzes

Bei der kritischen Analyse von Förderbeziehungen sollte die Reflexion über die Machtausübung mit Förderungen nicht fehlen. Das Muster „Wer zahlt schafft an“ spiegelt sich in der agrarpolitischen Diskussionsverweigerung wider: Man gibt Fördergeld ohne Bindung an Kriterien ab. Es ist sozusagen die Rückseite einer gleichen Medaille mit einem autoritären Grundmuster. Wer mit Steuergeld Wohlverhalten kaufen will, der will ohne Diskussion, ohne Überzeugungsarbeit und ohne politischen Dialog Macht ausüben. Man schafft damit einseitige Abhängigkeiten und das ist autoritär. Diese autoritäre Leitlinie geht konform mit einem zweiten sehr verbreiteten Motto, das lautet: „Geld regiert die Welt“.

In beiden Kurzformeln steckt die Vorstellung, dass man mit Geld alles machen kann, alles kaufen kann, auch das Wohlverhalten von Menschen, um sie zu steuern. Es wird zuwenig bedacht, dass zur nachhaltigen Lösung von Krisen – und die Agrarpolitik ist in einer Krise – mit Geld alleine wenig auszurichten ist. Die Faktoren Wissen, Fähigkeit zur kritischen Reflexion, Eigeninitiative, Innovation, Kommunikation und Organisation etc. sind ebenso wesentlich wie Geld. Gerade in Bereichen der komplexeren Krisenbewältigung sieht man oft, wie wenig Geld alleine heraushilft, wenn Eigenverantwortung der Beteiligten und Professionalität fehlt.

Aus der Perspektive von innovativen und aktiven Einzelpersonen und Initiativen gesehen, kennen wir die Situation zur Genüge. Es gibt sehr viel Mühe von Personen und von Gruppen, die in Form von Selbsthilfe wichtige, grundsätzliche Veränderungen und Erneuerungen in die Wege leiten. Sie haben oft keine Chance an ein Fördergeld heranzukommen.

Der unbezahlten Entwicklungsarbeiten von engagierten Einzelpersonen und Bürgerinitiativen auf der einen Seite steht die Geldverteilung ohne Bindung an Auflagen auf der anderen Seite gegenüber. Obwohl ein Veränderungsprozess notwendig wäre, werden viele innovative Initiativen für Selbstfindung, für Bewusstseinsbildung, für Ökologisierung mit hoher Professionalität etc. vernachlässigt und ausgegrenzt.

Kein Großbetrieb in der Wirtschaft kann sich normalerweise einen so destruktiven Umgang mit seinen innovativen Kräften leisten, wie es in der Landwirtschaft schon lange der Fall ist. Ein Grund liegt wohl daran, dass „selbstherrliche“ Politiker wirklich dem Irrtum unterliegen, sie könnten alles von oben regeln. In der Vorstellung, dass sie alles von oben regeln können und wollen, brauchen sie eine Leistung der Eigenverantwortung ihrer mündigen Bürger von unten nicht. In einer Politik mit solchen Machbarkeitsvorstellungen hören wir dann Phantasien wie: „Wir werden den Feinkostladen Österreichs schaffen“. Solche Wünsche sind zwar erstrebenswerte Ziele, aber wenn die vorhandenen Widersprüche in der konkreten Realität nicht mitbearbeitet werden, bleiben es schöne Wünsche. Die Umsetzung solcher Wünsche bedingen viel differenziertere Prozesse. Man muss vor allem erkennen, dass lebendige Prozesse nicht machbar sind und daher nicht von oben alleine gesteuert werden können. Ein kritischer Förderansatz und eine wirkungsvolle Fördertheorie kann daher nur lauten:

 

Überall dort, wo kritische, in der Problembearbeitung erprobte Selbsthilfeprozesse als Bürgerinitiativen von innen und unten mit einer kooperationsfähigen politischen Planung und Förderung von oben und außen gut zusammenarbeiten, entstehen angemessene Konzepte, entstehen umsetzbare Regeln in Verbindung mit einer praktischen Anwendung und daraus folgenden innovativen, nachhaltigen Veränderungen.

Wir befinden uns in der Agrarpolitik aber leider weitgehend in getrennten und gespaltenen Abläufen: Hier ist die Politik und dort ist ein Projekt der Selbsthilfe. Ein fruchtbarer Beziehungsprozess, der zwischen beiden Ebenen möglich wäre, entfällt dann und geht sowohl der Politik als auch den Projekten verloren.

Das Ringen um Unterscheidungskriterien

Die Frage nach Unterscheidungskriterien zwischen verschiedenen wirtschaftlichen und öffentlichen Leistungen von Bauern war eines der primären Themen dieses Forschungsprojektes. Insbesondere auch im Rahmen der Gruppendiskussionen wurde deutlich, dass viele Beteiligte, aber vor allem die Bauernvertreter, aufgrund der Ablehnungshaltung, öffentlich darüber zu reden, eine große Angst haben, reale Unterschiede zwischen Bauern anzuerkennen, etwa nach verschiedenen Formen der Bewirtschaftung zu differenzieren oder verschiedene von der Gesellschaft erwünschte Leistungen öffentlich positiv anzusprechen. Zusammenfassend ergibt sich:

Wer aus Eigenverantwortung sich anstrengt und in der wichtigen Sache der Ökologisierung vorausgeht, darf aus Rücksicht auf jene, die sich nicht oder weniger anstrengen, nicht öffentlich anerkannt und belohnt werden. Im Gegenteil, die Vorausgehenden werden wohl zur Imageaufbesserung und zur Begründung von Förderungen vorne hingestellt, bei der Verteilung der Förderungen werden sie aber wieder in den hinteren Reihen platziert. Eine ideologisch bedingte Darstellung als Bauerneinheit widerspricht auch den Grundbedingungen, um in einer Marktwirtschaft wirtschaftlich zu bestehen.

Unterschiede in der Produkt-Qualität und in öffentlichen Leistungen positiv zu definieren und darauf das Marketing aufzubauen, ohne den anderen damit schlecht zu machen, ist in der Marktwirtschaft, in der wir leben, Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Logischerweise wäre in einer biologischen Wirtschaftsweise nicht nur das Endprodukt – das Nahrungsmittel – wertvoller, sondern auch die Zusatzprodukte, etwa die Schonung der Böden, das Wasser, die Tiere, die Artenvielfalt etc. Dies darf in der Regel im politischen Diskurs noch nicht direkt angesprochen werden. Auch wird die Leistung der Eigenanstrengung, mit Selbsthilfe aus der Agrarkrise herauszugehen und Neues zu erproben, nicht angesprochen. Zum Teil wird die Eigeninitiative auch deshalb nicht gewünscht, da diese den Status quo des sozial undifferenzierten Förderungssystems und die damit verbundenen Machtverhältnisse in Frage stellen könnte. Gerade auch diese Punkte sind aber für die Gesellschaft wesentlich und man würde mit mehr Eigenverantwortlichkeit viel Steuergeld einsparen.

In der Auseinandersetzung zwischen Biobauern und konventionellen Bauern kommt es infolge der ungeklärten Situation zunehmend zur Polarisierung in Diskussionen. Aus Angst vor Konflikten verzichten viele Biobauern zum eigenen Nachteil lieber auf eine konkrete Unterscheidung. Die großen Unterschiede innerhalb der konventionellen Bauern werden von der Politik im Bild von 99 Gerechten und einem schwarzen Schaf verschleiert bzw. wegdiskutiert. Eine für das gestörte Konsumentenvertrauen wichtige Benennung von großen ökologischen Unterschieden zwischen diesen Bauern, etwa die Haltung von Hochleistungskühen im Grünland und die ökologischen und sozialen Folgen daraus oder die Frage der Schnellmast in wenigen Monaten mit Leistungssteigerern, lässt die auf Einheit bedachte Bauernvertretung nicht zu.

Der fehlende Interessenausgleich zwischen Bauern
begünstigt Missbrauch

Alle Bäuerinnen und Bauern sind zur Wahrung ihrer Interessen Pflichtmitglieder in der Kammer. Diese Kammer hat den gesetzlichen Auftrag verschiedene interne Interessenlagen von Mitgliedern in einem internen Interessenausgleich zu bearbeiten. Das heißt nichts anderes, als dass eine interne Konfliktlösung sogar gesetzlich vorgeschrieben ist. Der fehlende interne Interessenausgleich wird zum systembedingten Widerspruch in der Agrarpolitik: Weil verschieden Interessenlagen nicht offen geregelt werden, bilden sich leicht Gruppen von mächtigeren Mitgliedern, die Vorteile für sich herausholen.

Mächtigere Mitgliedergruppen manipulieren und benutzen dann andere Teile der Mitglieder für ihre Interessen. Es kommt zu asymmetrischen Konflikten, in denen die eine Konfliktpartei gute Zugänge zur Macht hat und über mehr Machtmittel verfügt, während andere Gruppen nur über schlechtere Zugänge zur Macht verfügen und nur wenige Mittel zur Durchsetzung haben.

Wo der interne Ausgleich und die Konfliktregelung nicht gewollt sind, tritt an diese leere Stelle der autoritäre Interessenausgleich von oben. Dies ist oft verbunden mit manipulativem Missbrauch vieler Beteiligter und Ausschaltung von Kritikern. Indem seit Jahrzehnten mächtige Mitglieder die Berufsvertretung kontrollieren, ist eine Art ungesetzlicher Zustand entstanden. Weil innovative oder ärmerer Mitglieder glaubwürdig sind, werden sie zur Begründung von öffentlichen Mitteln „vorne“ hingestellt. Bei der Verteilung sind sie dann wieder unwichtig und werden „hinten“ angestellt. Mächtige Mitlieder lassen andere „für sich demonstrieren“. Kernpunkt von diesem Mechanismus ist es, dass die Mächtigeren nicht aus eigener Kraft ihre Geldforderungen durchsetzen (können), sonder andere dazu benötigen. Sie „lassen durchsetzen“, sie lassen andere, die glaubwürdiger sind als sie selber, ihre eigentlich unglaubwürdigen Wünsche begründen. Dieses „Vor den Karren spannen“ ist eine uralte Form der Manipulation.

Solche Missbrauchsbeziehungen sind nur auflösbar, wenn der ganze Zusammenhang offen diskutiert wird.

Lösungen durch Einbeziehung einer dritten Ebene

Kenner der Hartnäckigkeit des Agrarsystems gehen davon aus, dass eine Erneuerung der Agrarpolitik in Richtung Ökologisierung und eine gerechtere Verteilung der Mittel in der derzeitigen Bauernvertretung intern nicht erreichbar ist. Es geht um die Frage der Einbeziehung und Einbindung von interessierten, mittragenden Akteuren aus anderen Politikbereichen als „Dritte Instanz“. Auf die Frage einer Öffnung und Einbeziehung von solchen Bündnispartnern reagieren Biobauern einladend und öffnen die Türen. Intensivbetriebe, vor allem solche mit quälender Tierhaltung, versperren hingegen oft die Türen und verweigern eine Einbeziehung Dritter. Mit dem aktuellen Verlust des Konsumentenvertrauens infolge der gegenwärtigen krisenhaften Entwicklungen im industriellen Agrarsystem wird die Notwendigkeit der Einbeziehung der Konsumenten als wichtige außenstehende Instanz bewusster.

In der jüngsten BSE-Krise in der deutschen Landwirtschaft und der Art des Einschreitens von Seiten der Politik könnte man ein Beispiel dafür sehen. Mit der politischen Forderung, die Agrarpolitik endlich „vom Ladentisch her zu denken“, wird diese bisher fehlende dritte Ebene in Form der Sicht der KonsumentInnen, d.h. in Form des tatsächlichen Zielsystems, deutlicher angesprochen und sichtbar. Es geht hier nicht nur darum, die Verbraucher in die Diskussion einzubeziehen, sondern es geht noch viel radikaler darum, die ganze Agrarproduktion von den Anforderungen der Verbraucher her zu denken und zu planen. Dieser verbindliche Bezug zum Konsumenten, diese Orientierung und Perspektive „vom Ladentisch“ hat bisher in der Agrarpolitik gefehlt, denn bei der vorwiegenden exportorientierten Politik hat man sich um den Bezug zum Konsumenten und den wirklichen Bedarf wenig gekümmert. Hier steckt im Sinne der Möglichkeiten von Konfliktlösung ein wesentliches Politikkonzept:

Die Bauern befinden sich mit der Ausgrenzung des Bezuges zum Bedarf in einer reduzierten, einseitigen Beziehung zum Export- und Weltmarkt. Das brachte und bringt sie in eine ständige, konfliktträchtige Polarisierung untereinander im vernichtenden Preiskampf. Solche Polarisierungen sind eine Form der strukturellen Gewalt, denn es fehlt eine dazugehörende „Dritten Ebene“. Konfliktlösung heißt hier, diese fehlende Ebene, diesen Bezug wiederzufinden und zu integrieren.

Ein bedeutendes Politikkonzept, in dem alle wesentlichen Bezugspunkte integriert sind und das infolgedessen zur Auflösung von Polarisierung beitragen kann, ist das Konzept der Ländlichen Entwicklung. Hier werden die Fähigkeiten zu verbindlicher Kooperation und Vernetzung wichtiger, als Intensivierung in eine fragwürdige Richtung. Es ist dabei von Bedeutung, dass alle wesentlichen Gruppen einer Region im überparteilichen Sinne an einer regionalen Entwicklung mit partizipativer Planung eingebunden werden. Dies ist auch wichtig für die Stärkung der Demokratie am Land.

Die Stärkung der Konfliktfähigkeit als Voraussetzung
zur Neuorientierung

Schon während der laufenden Gespräche mit Experten und Praktikern im Rahmen des Forschungsprojektes zeigt sich, dass alleine die Fragestellungen über Konflikte und Konfliktlösungen für mehrere Beteiligte motivierend wirkten, sich mehr damit zu befassen. Ein positives Konfliktverständnis kann versperrte Zugänge öffnen helfen, die Konflikttheorie und das Nachdenken über andere Förderansätze kann helfen, aus der Defensive herauszukommen und so produktiv Diskussionen in Gang zu setzen. Die marktwirtschaftliche Notwendigkeit zu mehr Differenzierung und zu mehr Unterscheidung kann in Verbindung mit dem Wissen, dass die Bauernvertretung den gesetzlichen Auftrag hat, Konflikte zu bearbeiten, zur Ermutigung beitragen auch „heikle“ Themen anzupacken und eine öffentliche Diskussion einzufordern.

In anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsbereichen wird schon längere Zeit mit fachlicher Hilfe in einer professionellen Form an konstruktiven Konfliktlösungen gearbeitet. Dies sollte in Zukunft auch in der Landwirtschaft gelingen.

 

In der Darstellung der Bildungsarbeit der Bäuerinnengruppe der Österreichischen Bergbauernvereinigung sieht man an einem praktischen Beispiel, welche Möglichkeiten zur Persönlichkeitsbildung eröffnet werden können, wenn mit fachlicher Begleitung über längere Zeit gute Bildungsarbeit mit Konfliktbearbeitung realisiert wird. Es geht dabei um die Schritte: Abstand gewinnen, Zusammenhänge sehen, umdenken – weiterdenken, eigene Kräfte und Ressourcen entdecken, sich zusammenschließen und gemeinsam verändern.

Solche Initiativen sind förderwürdig.

Denn eine positive Entwicklung, soweit man sie auf die betroffenen Menschen bezogen sieht, wird nur möglich sein und eine Förderung kann nur dann wirkungsvoll sein, wenn Chancen geboten und Möglichkeiten geschaffen werden, dass Menschen „aus sich herausgehen können“ und sich selber „entwickeln“ können.

[1]   GLASL F.: Vortrag bei der Enquete der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Oberösterreich „Arbeitsklima und Konfliktpotential“ am 11.12. 1997 – (redigiert von Rainer Steinweg).

[2]   BAURIEDL T.: „Auch ohne Couch“, Psychoanalyse als Beziehungstheorie und ihre Anwendungen. Seite 94: Das dialektische Konzept des Erlebens, Verlag internationale Psychoanalyse, Stuttgart 1994.

[3]   Paulo FREIRE: Pädagogik der Unterdrückten. Kreuz Verlag, Stuttgart 1971.

[4]   Dieser Ausdruck wurde von Götz Schmidt und Onno Poppinga, Gesamthochschule Kassel, geprägt.

[5]   HUEMER P.: Sektionschef Robert Hecht und die Zerstörung der Demokratie in Österreich. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1975.

[6]   GLASL F.: Konfliktmanagement: ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1997.

[7]   Mit der Wiedererrichtung der Demokratie nach 1945 führten die Verfassungsrichter daher unter anderem eine verpflichtende Trennung in Interessenvertretungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein.

[8] CANETTI E.: Masse und Macht. Fischer Taschenbuch 6544, Frankfurt a. M. 1980; (Copyright 1960 by Claassen Verlag, Düsseldorf). CANETTI unterscheidet vier Haupteigenschaften der Masse: 1. Die Masse will immer wachsen; 2. Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit; 3. Die Masse liebt Dichte; 4. Die Masse braucht Richtung.

Oder Elias CANETTI über das Verfolgungsgefühl von Massen: „ Der äußere Angriff auf die Masse kann diese nur stärken…..Der Angriff von innen dagegen ist wirklich gefährlich…..Immer ist die Masse etwas wie eine belagerte Festung, aber auf eine doppelte Weise belagert: Sie hat den Feind vor den Mauern, und sie hat den Feind im Keller.“ („Masse und Macht“ Seite 19)

9   BAURIEDL T.: Leben in Beziehungen, Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1996.

[10] INNERHOFER F.: Schöne Tage. Residenzverlag Salzburg

[11] Persönliche Erlebnisse als damaliger Geschäftsführer der Österreichischen Bergbauernvereinigung

[12] siehe dazu auch KRAMMER J.: Landleben als Ideologie – Entwicklung und Funktionen der Bauerntumsideologie. In.: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie, 37 Heft 1 , 1989.

[13] ÖBV: Das Ansehen der Bäuerin. Österreichische Bergbauernvereinigung (Hg.), Wien 1987.

[14] MITSCHERLICH A., MITSCHERLICH M.: Die Unfähigkeit zu trauern. Verlag Piper München/Zürich, 19.Auflage 1987.

[15] Vgl. dazu auch Elias CANETTI über das Urteilen und Aburteilen: „Es ist die Neigung zur feindlichen Meutenbildung, die diesem Prozesse zugrunde liegt. Sie muss letzten Endes zur Kriegsmeute führen. Indem sie sich auf alle möglichen Gebiete und Tätigkeiten des Lebens bezieht, verdünnt sie sich. Aber auch wenn sie sich friedlich abspielt, auch wenn sie in ein oder zwei Urteilsworten abgetan erscheint, die Neigung sie weiterzutreiben, zur aktiven und blutigen Feindschaft zweier Meuten, ist immer im Keime vorhanden…. Aus scheinbar friedlichen Urteilen werden dann Todesurteile gegen den Feind. Die Grenzen der Guten sind dann genau abgesteckt, und wehe dem Schlechten, der sie überschreitet. Er hat bei den Guten nichts zu suchen und muss vernichtet werden.“ („Masse und Macht“ Seite 331-333)

[16] Im Jahr 1974 habe ich mit Freunden und einer Gruppe von Bauern die Österreichische Bergbauernvereinigung gegründet und bin damit selber Mitbegründer dieser Agraropposition. Ich spreche daher in diesen Punkten aus einer langen eigenen Erfahrung, aber auch im Wissen, dass viele meiner Kollegen seit Jahrzehnten als „Spalter“ bezeichnet werden, weil sie notwendigerweise Probleme und Konflikte in der Landwirtschaft, z. B. die ungleiche Förderverteilung ansprechen. Insbesondere sind es Bauern und Bäuerinnen aus den Kreisen der SPÖ-Bauern, aus dem Unabhängigen Bauernverband, aus der Gruppe der Grünen Bauern, aus der Gruppe der Bergbauernvereinigung, aus Gruppen von Biobauern und Experten aus der kritischen Wissenschaft, die solche Erfahrungen seit Jahren machen.

[17] Obwohl diese Gruppierungen und Einzelpersonen vielfach von sehr unterschiedlichen ideologischen Positionen ausgehen, erzeugen gleichzeitig die Ausgrenzungsmechanismen der homogenisierten Mehrheit ein Bewusstsein, einer Art „Agraropposition“ anzugehören. Auch dies ist ein charakteristischer Begriff dieses Zustandes.

[18] Auszug aus „Kritische Stellungnahme zur Situation des biologischen Landbaues in Tirol verbunden mit einigen Anregungen“ von Ing. Josef Willi an die Vertreter der Landwirtschaftskammer für Tirol und Verantwortliche für Agrarmarketing in Tirol am 30. März 2000

[19] Aus dem Schreiben der Landwirtschaftskammer für Tirol vom 10.04. 2000 an Ing. Josef Willi

[20] Solange es die KonsumentInnen oder die Umweltbeobachtungen nicht merken, kann diese unlogische Strategie durchaus einige Zeit Bestand haben. Nur wenn man es merkt…

[21] Als langjährig in Entwicklungsprozessen Tätiger, sehe ich oft, wie sehr grundsätzliche Veränderungsprozesse unterschätzt werden. Erkennt man aber selbstkritisch die eigenen Grenzen und ringt man sich zu einer solchen Relativierung und Akzeptanz zu einer positiv verstandenen gegenseitigen Abhängigkeit durch, so bildet diese Haltung die Basis für einen menschlicheren Dialog und damit für bessere Beziehungen in der Zusammenarbeit.

[22] GEIERSBERGER E.: Die Dritte Bauernbefreiung, Verlag Günter Olzog, München –Wien 1974.

[23] Dies war auch eine wesentliche Beobachtung aus meinen Erfahrungen in der Entwicklungshilfe.

[24] In der betriebswirtschaftlichen Literatur wird dies auch als „Tretmühleneffekt“ bezeichnet. Das besondere an diesem Phänomen ist, dass auch andere, die gar nicht in diese „Tretmühle“ eintreten (wollen), „unter die Räder zu kommen“ drohen. Die sozialen Kosten daraus wurden bis jetzt wenig beachtet.

[25] BRUCKMÜLLER P. Linz in einer Podiumsdiskussion am Hefterhof in Salzburg im Nov. 1998

[26] PERNTHALER P.: Kammern und Pflichtmitgliedschaft in Österreich. Schriftenreihe Arbeit – Recht – Gesellschaft, Band 10, Bundesarbeitskammer Wien 1994.

[27] Podiumsdiskussion der Landwirtschaftsmeister im Hefterhof in Salzburg im Nov. 1988

[28] BAURIEDL T.: Leben in Beziehungen, Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1996 (siehe auch Anmerkung 3).

[29] Irgendwie wird dieses gespaltene Verhältnis schon auch sprichwörtlich von manchen Bauern selbstironisch erfasst: „Um zwei Bauern unter einen Hut zu bringen, muss man einen erschlagen.“ D.h. auch, dass es kaum einen Wirtschaftssektor gibt, in dem wirtschaftlich sinnvolle Kooperationen so wenig angestrebt und genutzt werden.

[30] Siehe GRÜNER BERICHT 1999: Bericht über die Lage der Österreichischen Landwirtschaft. Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Wien 2000.

[31] GLASL F.: Konfliktmanagement: ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1997.

[32] PERNTHALER P.: Kammern und Pflichtmitgliedschaft in Österreich. Schriftenreihe Arbeit – Recht – Gesellschaft, Band 10, Bundesarbeitskammer Wien 1994.

[33] Diesen Tatbestand kenne ich persönlich schon sehr lange. Als ich 1974 zur Gründung der Österreichischen Bergbauernvereinigung nach Wien zog, merkte ich ziemlich bald, dass in der Bauernpolitik einige mächtigere Mitglieder den Berufstand zum Vorteil ihrer Gruppeninteressen ausnützen. Ich kann mich gut erinnern, wie mich ein hoher Beamter des Landwirtschaftsministeriums auf diese Situation hinwies. Auch ein gut informierter Abteilungsleiter in der Präsidentenkonferenz der Landwirtschaftskammern sprach darüber. Ich erschrecke heute noch nach 30 Jahren bei meiner Auseinandersetzung mit Konflikten, dass sich dieser ungesetzliche Zustand mit Manipulation und Missbrauchsproblemen seit damals kaum geändert hat.

[34] Siehe auch Punkt 1.2.

[35] Es wurde auch schon an anderer Stelle (Kapitel 2.1) beschrieben, dass im bisherigen bereits 30-Jährigen Prozess der „Agraropposition“ sich ein Nebeneinander entwickelt hat: Auf einer Seite ist die Agrarführung und auf der anderen Seite, getrennt und mit wenig Integration, ist die Agraropposition. Vielleicht kann auch die derzeitige Krisensituation bezüglich BSE und Missbrauch bei Schweinemast einen Anlass geben, auch den unbearbeiteten Hintergrund mit in die Diskussion zu bringen und in eine Bearbeitung einzubeziehen. Alle Erneuerungen, die diese unbearbeiteten Hintergründe draußen lassen, bleiben nur halbe Erneuerungen.

[36] BAURIEDL T.: Leben in Beziehungen, Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1996.

[37] GLASL F.: Konfliktmanagement: ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater, Verlag Freies Geistesleben Stuttgart 1997

[38] Dies ist auch ein beliebtes Vokabel im modernen Hochleistungssport.

[39] DAX Th., NIESLER R., VITZTHUM E.: Bäuerliche Welt im Umbruch – Entwicklung landwirtschaftlicher Haushalte in Österreich. Forschungsbericht Nr. 32 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien 1993.

[40] Unter anderem wurde auch eine Podiumsdiskussion mit Kommissar Fischler und dem Grünen EU-Parlamentarier Gräfe zu Baringdorf aufgezeichnet, die im Mai 1998 in Salzburg stattfand, und bezüglich der angesprochenen Problematik ananalysiert.

[41] Der größere Teil der angesprochen Sachkonflikte wurde in den Kapiteln 4 und 5 beschrieben.

[42] siehe auch die Einteilung aus Kapitel 1

[43] STEINWEG R.: Broschüre “Arbeitsklima und Konfliktpotential“, Erfahrungen aus oberösterreichischen Betrieben. Heft 45, Nov. 1999. (Bestellung bei: Institut für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften Weingartshofstraße 10, 4020 Linz)

[44] Auszugsweise nach Eva Maringer / Rainer Steinweg 1997: Berghof, Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung. (Bestelladresse: Berghof,   Altensteinstraße 48/a,   D-14195 Berlin)

[45] GLASL F.: Vortrag bei der Enquete der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Oberösterreich „Arbeitsklima und Konfliktpotential“ am 11.12. 1997 – (redigiert von Rainer Steinweg).

[46] ZÖCHLING CH.: Wochenmagazin Profil, Juni 1996.

[47] BAURIEDL T.: Leben in Beziehungen, Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1996.

[48] BAURIEDL T.: Wege aus der Gewalt, Analyse von Beziehungen. Verlag Herder – Spektrum, 1992.

[49] ÖBV: Bäuerinnen ÖBV-Frauenarbeit. Acht Jahre regionale, basisorientierte Bildungsarbeit mit Bäuerinnen 1989 bis 1996. Wien 1996. (Bezugadresse: ÖBV Herklotzgasse 7/21 1150 Wien)

[50] Der Text wurde aus der Tonaufzeichnung ohne wesentliche Veränderungen wiedergegeben.

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