Frage an Michael Beleites, Biologe, Verhaltensforscher

Michael Beleites ist Biologe, Gärtner und Publizist in der Nähe zu Dresden.

Frage von Franz Rohrmoser an Michael  Beleites als Biologe und Verhaltensforscher am 11.10.2016 (gekürzt)

Hallo Michael,  eine Frage an deine  Verhaltensforschung.  Die Geschichte der Bauernfamilien ist laut Josef Krammer eine Geschichte der Ausbeutung. Fast alle Bauern und das Gesinde waren in einer unendlich langen Zeit von 900 Jahren bis 1848 offiziell Untertan von Grundherrn. Untertanen mussten Naturalien und Steuern  an ihren Grundherrn abliefern und Fronarbeit leisten. Der Grundherr hatte weitgehende Rechte über seine Untertanen. Er war auch oft zum Richter von ihnen bestellt. Das führte vielerorts zu unmenschlicher Barbarei und Willkür. Je nach Reife dieses Herrschers war dies sehr grausam oder etwas menschlicher.

In der Zeit um 1900 wurde vieles neu geregelt. Mit der Bauernbefreiung 1848 wurde zwar formal äußerlich die Grundherrschaft der Bauern als Untertanen beendet.  Aber das Wesen des eingespielten Systems  der Untertänigkeit und Abhängigkeit blieb im Hintergrund  bestehen.  Die früheren Grundherrn setzten sich nun als Großagrarier  auch in die Führungsfunktionen des um 1900  gegründeten Bauernbundes und übernahmen so vereint mit dem  Raiffeisenkomplex in einer neuen Struktur  die Lenkung der Bauern, die ja das Untertanen-Sein gewohnt waren.

Dazu ein aktuelles Ereignis aus Bayern: Filmemacher zeigten die Betriebe von führenden Funktionären des Bauernverbands in Deutschland, mit Intensivtierhaltung und beschämender Tierqual , im Fernsehen. Es war eine Blamage für die Bauernführer! Nun sind Bäuerinnen, die selber ihre Tiere gut behandeln, aber  in Folge dieser gezeigten intensiven Überproduktion und dem dadurch entstehenden Preisverfall sogar Schaden erleiden,

Also,wie lange wirken denn bei Menschen eingelernte Verhaltensweisen nach?  Zum Beispiel  dass die Bäuerinnen in Bayern die Bosse so verteidigen ?

Antwort  von Michael Beleitis am 23. Dezember 2016

Lieber Franz,   entschuldige bitte, dass ich so lange nicht reagiert habe auf Deinen Brief!     Als erstes wünsche ich Dir ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und dass Du gut in ein gutes Neues Jahr kommst – in dem wir uns hoffentlich wieder einmal sehen werden!

Deine verhaltensbiologische Frage nach der eigentlich unverständlichen Unterwürfigkeit vieler Bauern gegenüber den Lobbyisten der Agrarindustrialisierung ist wirklich sehr spannend. Dies lässt sich in der Tat auch biologisch erklären, aber es ist keine ganz leichte Frage. Zunächst muss man aber gar nicht auf die biologische Ebene gehen.

Zuerst hat es vielleicht auch etwas Positives: Man verhält sich solidarisch. Und zwar solidarisch mit Berufskollegen, auf deren Höfen Filmaufnahmen gemacht wurden von Bereichen, die ihre Eigentümer so nicht – von unkundigen Kritikern kommentiert – in der Öffentlichkeit vorgeführt sehen möchten. Solche Bereiche gibt’s eigentlich auf jedem Hof – wenngleich die Unterschiede im Blick auf das von den Betreibern lieber nicht zu Veröffentlichende beträchtlich sind. Jedenfalls ist es überhaupt nicht verwerflich, wenn die interviewten Kleinbauern zuerst daran dachten: Was, wenn auf meinem Hof ein Kamerateam eigenmächtig herumstöbert? Da erwartet man Solidarität von Berufskollegen – und zwar unabhängig von der Frage der jeweiligen Betriebsgröße.

Und als zweites sollte man sehen, dass ein in Schutz nehmen derer, die das Höfe-sterben forcieren durch solche, die als nächste davon betroffen sein könnten, so selbstmörderisch es in letzter Konsequenz auch ist, ja auch aus jahrzehntelanger direkter und indirekter Indoktrination resultiert: Zusammen mit der Wachsen-oder-Weichen-Ideologie ist den Leuten ja auch eingetrichtert worden, dass die Guten wachsen und die Schlechten weichen. Das schafft ein Minderwertigkeitsgefühl der Kleinbauern gegenüber den Großen. Es bestärkt bei vielen Kleinen das Verlangen, selber groß zu werden – so wie Du das ja schon sehr treffend beschrieben hast. Somit sehen sich viele der Kleinen gar nicht als Kleinbauern, sondern als Noch-nicht-Großbauern. Wenn sie nun diejenigen in Schutz nehmen, die den Trend von klein zu groß antreiben, dann wähnen sie sich bereits auf der Gewinnerseite, auf der Seite der Großbauern. Dass das genau die Leute sind, die ihnen die Schlinge um den Hals legen, mit der sie wirtschaftlich erwürgt werden, merken sie erst, wenn es unzweifelhaft feststeht, dass sie endgültig zu den Verlierern dieses Verdrängungswettbewerbs gehören werden.

Es ist auch eine Folge der gezielten Verdummung, dass viele Bauern das „Fressen-oder-gefressen-werden“-System des Verdrängungswettbewerbs für „naturgesetzlich“ halten. Dann werden die wirtschaftlich Erfolgreicheren als die mit einer größeren „Fitness“ Gesegneten angehimmelt. Dass aber dieses System pervers ist, weil es dafür sorgt, dass diejenigen wirtschaftlich erfolgreich sind, die sich sozial und ökologisch rücksichtslos verhalten, das wird von denen nicht erkannt, deren Bewusstsein mit der absurden Alternative „Kapitalismus oder Kommunismus“ gelähmt wurde.

Doch nun zur biologischen Ebene: Es gibt ja die von Darwin bereits erkannte erbliche Wirkung des „Gebrauchs oder Nichtgebrauchs“ der Organe: Aktivität stabilisiert bzw. verstärkt; Passivität lässt verkümmern. Vor diesem Hintergrund hat auch die moderne Epigenetik den der Selektionstheorie entgegenstehenden Gedanken einer „Vererbung erworbener Eigenschaften“ rehabilitiert. Ebenso, wie es „ererbte Angst“ gibt, die aus den Kriegserfahrungen der Eltern- und Großelterngeneration rührt, so gibt es auch eine über viele Generationen akkumulierte Anpassungsbereitschaft, bzw. eine Tendenz zur Unterwürfigkeit unter die Obrigkeit. In Systemen, die organismisch verfasst sind, deren Gliederungen nicht gegeneinander kämpfen, sondern ihre Organfunktion in einem als Organismus funktionierenden System erkennen, und durch gegenseitige Kooperation das Ganze am Leben halten (wie die Jäger-und-Sammler-Kultur oder auch die frühe Ackerbaukultur), ist Anpassung (eigentlich Einpassung) eine nützliche und lebensnotwendige Eigenschaft. Sobald aber ein System (wie im Kommunismus) ganze „Organe“ eliminieren will oder (wie im Kapitalismus) – nach der Logik einer Krebszelle – seine Gliederungen dazu auffordert, sich gegenseitig zu verdrängen, dann wird der Drang zur Anpassung fatal.

Die Tatsache, dass die Bauernschaft von der Arbeiterbewegung abgeschirmt wurde, hatte vielleicht auch eine positive Seite: Der in der Arbeiterbewegung kultivierte Gedanke des „Klassenkampfes“ war dezidiert anti-organismisch. Hier glaubte man an eine Gesellschaftsentwicklung, die durch einen Kampf ihrer „Organe“ auf Leben und Tod geregelt würde. Demgegenüber hatten die Bauern trotz Ausbeutung immer das Bewusstsein, dass sie die tragende Schicht einer Gesellschaft sind, die, um funktionieren zu können, auch andere Schichten benötigt.

Das über viele Jahrtausende angelegte Bedürfnis, sich in hierarchisch strukturierte Systeme einzufügen und dem jeweils Höheren und damit dem Ganzen zu „dienen“, beschleunigt den Untergang des Ganzen, wo die „Höheren“ ihre ihnen zukommenden „Kopfaufgaben“ nicht (Verantwortung wahrnehmen, führen) nicht mehr annehmen, sondern nur noch einen „hohen Posten“ haben wollen und die tiefer Stehenden aus absolut eigennützigen Interessen ausbeuten. So kommt es dann zu einem massenhaften Missbrauch von Abhängigen.

Angesichts der unzweifelhaften Tatsache, dass das System, in dem wir leben, krank ist, stellt sich heute wieder die Frage, die wir in der DDR schon einmal hatten: Gibt es ein richtiges Leben im Falschen? Wenn nun Kleinbauern gerade diejenigen verteidigen, die sie wirtschaftlich erdrosseln und verdrängen wollen, dann kann das (zum Teil) auch als eine erbliche Nachwirkung der in gesunden – organismisch verfassten – Systemen erworbenen Neigung zur Einpassung interpretiert werden, die – wie schon in den Jahrhunderten der Leibeigenschaft – auch in unserem heutigen System völlig deplatziert ist und die Dissonanz der Kleinbauern zu ihrem sozialen und ökologischen Umfeld nur noch verstärkt. Hinzu kommen die schleichenden Wirkungen der unterschwelligen Indoktrination. Jürgen Fuchs nannte das: „dummgeschult“.

Nun, Dir nochmals alle guten Wünsche zum Fest und viel Kraft im Neuen Jahr!

Herzlich Michael

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