Frage an Theologieprofessor Dr. Alois Halbmayr bezüglich Hörigkeit

Frage an Prof. Dr. Alois Halbmayr am 4.Sept 2016 von Franz Rohrmoser                               

 

Mich hat persönlich die Tatsache,  dass  um die Zeit um 1900 nochmals eine mit Gott und der Kirche rechtfertigende Untertänigkeit bekräftigt wurde, sehr aufgeregt. Ich hätte nun in Bezug auf unsere IG- Milch -Arbeit Fragen an Dich:

1)     Gab es je in den Letzten 100 Jahren einmal eine offizielle Erklärung von Seiten der Kirche zu einem Bekenntnis, bzw. eine Distanzierung zu dieser Untertänigkeitsfrage ?

2)     Wenn ja wann, wo und wie ist das erfolgt ?

3)     Wenn nein, wenn es also keine Distanzierung gibt, wäre es denkbar eine solche  Distanzierung mit Reflexion  zu veranlassen?

4)     Wäre es denkbar  über das Thema   Unterwürfigkeit und Kirche eine nachträgliche Informations- und Aufklärungskampagne zu veranlassen mit Fachleuten organisiert von Netzen der Bildungswerke ?  Mit wem müsste man da in Österreich verhandeln  ?

Ich hoffe Du kannst uns hier weiterhelfen. Ich schicke eine Kopie dieses Schreibens auch Deinem Bruder Ernst.

Mit herzlichen Grüßen Franz Rohrmoser

  1. Antwort von Prof. Alois Halbmayr gleich nach 2 Tagen am 06. September 2016

 

Ao. Univ.-Prof. Dr. Alois Halbmayr, Fachbereich Systematische Theologie, Katholisch-Theologische Fakultät, Universitätsplatz 1, 5020 Salzburg,

 

 

Lieber Franz Rohrmoser,

 

ich kann mich natürlich noch an Sie und Seekirchen erinnern, wir sind ja im Gastgarten am gleichen Tisch gesessen.

Nun, die Frage der Hörigkeit ist natürlich eine, die man nicht ohne Einbeziehung der Kultur- und Mentalitätshistoriker beantworten kann. Die von Ihnen angesprochene Untertänigkeitsfrage ist eine Antwort auf das Verhältnis von Obrigkeit und Volk, die die Menschen seit jeher umgetrieben hat und deren Gestaltung bis heute eine große Herausforderung darstellt. Es gibt ja heute immer noch genügend Untertänigkeit, ohne dass sie als solche wahrgenommen wird. Nur ist es eben nicht mehr eine Religion oder ein Glaube, sondern oft ein Konsumprodukt oder eine Ideologie, wie Sie das ja auch selbst ansprechen.

Der Sache nach geht die Frage auf Römer 13 zurück, übrigens eine Stelle, die so vielen im Nationalsozialismus den Widerstand erschwert hat. Diese berühmte Paulusstelle hat natürlich einen historischen Kontext, um den wir heute wissen. Es wird keine großen kirchlichen Stellungnahmen geben, denn Untertanensein, das hat das Zweite Vatikanische Konzil deutlich herausgestellt, widerspricht der Botschaft des Christentums.

Ich frage ein wenig bei den Historikern und Spezialisten nach und melde mich dann Ende September mit einer ausführlichen Antwort, schriftlich oder mündlich.

Beste Grüße
Alois Halbmayr

  1. Antwort von Prof. Alois Halbmayr am 10.Oktober 2016

Lieber Franz Rohrmoser,

ich habe ein wenig bei den Historikern nachgefragt. Alle sagen sie: Das ist natürlich eine ganz komplexe Frage, die man natürlich nicht mit Ja oder Nein beantworten kann. Da gibt es eine theologische, eine mentalitätsgeschichtliche, eine institutionelle und eine politische Ebene. Die greifen oft ineinander, und dadurch werden die Sachverhalte natürlich kompliziert.

Es stimmt natürlich, für die kirchliche Lehrverkündigung war es bis zum Zweiten Vaticanum herauf wichtig, dass die Gläubigen sich der staatlichen Macht unterordnen. Das ist ein Erbe aus Römer 13 und dem Naturrecht, das vor allem Thomas von Aquin für die weitere Entwicklung ausgearbeitet hat. Aber die ganze theologische Tradition drängt auch darauf, dass diese Ordnung, der man sich unterordnen muss, gerecht ist. Unterordnung gibt es nur unter eine gerechte Regierung. Soweit die Theorie. Das war z.B. für den kirchlichen Widerstand im kommunistischen System wichtig, das mit den naturrechtlichen Voraussetzungen der Staatsmacht im Widerspruch stand und daher keine Legitimität für sich beanspruchen konnte. Aber natürlich nahm man es mit der Untertänigkeit gegenüber einem Unrechtsregime nicht immer so genau, wie man ja am Nationalsozialismus zeigen kann.

Ich kann in Deiner ganz konkreten Frage z.B. auf die Arbeiten von Ernst Hanisch verweisen, der viele Jahre an unserer Universität lehrte und sich viel mit dem Politischen Katholizismus auseinandergesetzt hatte. Seine Publikationen sind hier einschlägig. Gerade die Gründung der christlich-sozialen Partei ist eher ein Beleg dafür, dass die These von der Wichtigkeit des Untertanenseins einer Korrektur bedarf. Ein Beispiel: In den 1860 bzw. 1870 Jahren gab es eine liberale Regierung in  Österreich, die überzeugt war, dass sich das Habsburger Reich auch wirtschaftlich  Öffnen müsse. Durch die Forcierung des Freihandels mit gestiegenen Getreideimporten aus Amerika (und Südamerika) kamen viele kleine Bauern in Österreich unter die Räder, was in bestimmten Regionen des Reiches zu einer Landflucht führte. Hier hatte dann gerade der niedere Klerus dagegen opponiert und Widerstand organisiert (gemeinsam mit den Konservativen), was dann im Laufe der Jahre zur (Wieder)Einführung von Zöllen führte.

Für heute ist entscheidend, dass das Zweite Vatikanische Konzil hier einen gewissen Neubeginn setzte, indem es die Freiheit als eine Grundbedingung des Glaubens wieder stark machte. Das ist eine Antwort auf Deine zweite Frage. Die Grundlegung kann man vor allem in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes nachlesen. Auf diese Texte und vor allem auf die einschlägigen biblischen Texte wie etwa die Befreiung aus Ägypten bezogen sich viele Aufbruchsbewegungen, wie sie im Zuge des Konzils entstanden sind. Die Befreiungstheologie etwa ist ohne diese Wurzel nicht denkbar.

Natürlich, Aufklärung ist immer gut und wichtig. Gerade auch an der Theologischen Fakultät bemühen wir uns, ein kritisches Denken zu vermitteln, auch in Bezug auf die Geschichte des Christentums und der Kirche. Insgesamt scheint mir aber, dass das Thema heute nicht mehr unbedingt die Untertänigkeit ist. Niemand muss mehr einer Organisation (Kirche, Raiffeisen, was auch immer) untertan sein oder gehorchen. In diesem Sinne waren die Möglichkeiten und Wahlfreiheiten noch nie so groß. Das Problem scheint mir eher zu sein, dass viele diese Freiräume nicht nutzen können, zum Teil auch wollen. Hier kommt dann wieder die Aufklärung ins Spiel, und die Bereitschaft, mit anderen Koalitionen zu suchen.

Ich hoffe, Du findest hier Anknüpfungen zu  Deinen Fragen. Wie gesagt, in den Arbeiten von Ernst Hanisch findet sich Einschlüssiges zu den von Dir gestellten Fragen. Die Bücher sind in unserer Universitätsbibliothek zu finden. Auch Kollege Norbert Ortmayr vom Fachbereich Geschichte kennt sich hier gut aus und könnte in der historischen Frage sicher weiterhelfen.

Mit besten Grüßen
Alois Halbmayr

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