105. Mit stützenden Partnern in eine neue Zukunft gehen

Mit stützenden Partnern gehen Bauernfamilien   in eine neue Zukunft. Daraus kann eine „demokratische Ernährungspolitik“ entstehen                                                                     

von Franz Rohrmoser

Zusammenfassung: Es wäre eine historische Wende, wenn sich die Bauernfamilien durch neue Beziehungen und Bündnisse von Gruppen aus der Gesellschaft mit Bauern aufrichten könnten, um ihre Identifikation mit den Ausbeutern abzulegen. So könnte das 1000-jährige Unwesen der Grundherrschaft endlich aufgelöst werden. Bauernfamilien müssen sich dem Einfluss der Grundherrn entziehen. Aber diese hatten in der Geschichte neben ihrer Ausbeuterrolle auch für die Sicherheit  ihrer Untertanen zu sorgen. Diesbezüglich dürfte bei den Bauern noch so etwas wie ein Bedürfnis nach Schutz vorhanden sein und bewirken, dass viele bei der wirklichen Trennung von ihrem Ausbeuter noch zögern. Ein bewusstes Suchen von stützenden Partnern aus der Gesellschaft könnte Bauernfamilien hier unterstützen. Damit könnten mehrere, für beide Seiten wichtige Grundfragen in der Ernährungspolitik angesprochen werden, die eine Sicherheit auf beiden Seiten bewirken. Es geht also im Kern um neue Beziehungsformen, sowohl zwischen Menschen, als auch zwischen Menschen und ihrer Lebensgrundlage, der Natur.

Der Nachholbedarf

Wenn wir von neuen Bündnissen reden, beginnen wir zunächst bei den Bereichen, die vor rund 100 Jahren vehement verhindert wurden: Verhindert wurde der Kontakt mit Organisationen der Sozialdemokratie und ihren bildungs- und  interessenpolitischen Instrumenten und Institutionen. Es ist eine Herausforderung, sich dieses Thema jetzt noch einmal bewusst vorzunehmen. Damals, in der Zeit der Gründung der sozialdemokratischen Partei, hat man sich auch von Seiten der Sozialdemokraten nicht auf einen geeigneten Weg einigen können, um mit Bauern zu arbeiten. Vielleicht gelänge dies jetzt. Die Grünen waren von Anbeginn eine wichtige Stütze für Bauernfamilien, die neue Wege riskieren und gehen.

In solidarischen Beziehungen gegenseitige Sicherheiten vermitteln

Es wird schon lange und viel über Beziehungen zwischen Bauern und Konsumenten geredet und hier ist auch schon sehr viel Neues entwickelt worden, z.B. mit direkter Vermarktung. Aber wie wir wissen wurden die verschiedenen Initiativen, vor allem im Bio-Bereichen, wenn sie zu weit in den Hoheitsbereich des bestehenden Agrarsystems eingriffen, von diesem schwer bekämpft. Da gab es dann Hindernisse und Kontrollen jeder Art, da erschien das Grundherrnsystem mit seinen Eigentumsvorstellungen wieder und vereinnahmte alles im alten System.

Für die Politik von Grundherrn steht der Begriff  „Killersystem“, ein System das in  Form des Verdrängungswettbewerbes zwischen Bauern wirkt und in der ganzen EU Bauern zerstört. Es geht also im ersten Schritt darum, aus dem Killersystem, also aus dem Kampf Bauer gegen Bauern auszusteigen und ganz bewusst die menschliche Wertordnung der Solidarität mit gegenseitiger Stützung an die Stelle des Kampfes zu setzen um sich so auch dem ganzen Einflussbereich des Killersystems zu entziehen. Nun haben viele Menschen im heutigen neoliberalen Wirtschaftssystem das Problem, dass sie mit so einem Killersystem, bzw. in ihm leben müssen. Auch sie suchen Auswege aus dem unmenschlichen Kampf, um wieder solidarische Lebensmöglichkeiten zu finden. Das sind Probleme, mit denen sich Gewerkschaften und andere Fachorganisationen befassen und diese haben sehr viel Gemeinsames mit dem Bauernproblem.

Es geht also im zweiten Schritt um die möglichen Formen eines „solidarischen Miteinanders“ von Bauern mit den Konsumenten/innen, sowohl als Bewohner der Umgebung als auch durch Kooperation von Institutionen. Da denke ich sind noch weit nicht alle Potentiale ausgeschöpft. Gehen wir nun von Bauern aus, die sich nicht mehr gegenseitig bekämpfen wodurch ein in sich ruhender, autonomer Platz für die Bauernfamilien, aber auch ein ruhender Pool für die Umgebung entsteht. Die bedeutende Frage ist nun, was kann diese Art von Bauern den Konsumenten an Sicherheiten geben?

Aus vielen Gesprächen mit  Konsumenten weiß ich dazu folgende Punkte:

  • Es werden auf aus den natürlichen Grundlagen der Region gesunde Lebensmittel produziert, welche die Konsumenten wollen und die sie gut kennen. Diese Aufgabe der Ernährung wird auch für Krisenzeiten sichergestellt.
  • Es wird natur- und energiegerecht produziert. Überzogene, für Tier und Mensch schädliche Hochleistungen werden wieder auf ein normales Maß zurückentwickelt, die Hochleistungskuh muss z.B. nicht mehr 11.000 kg Milch pro Kuh und Jahr, sondern 6000 kg produzieren. Sie ist gesünder braucht keine Antibiotika, also ist auch die Milch gesünder.  Zudem entstehen keine Umweltbelastungen.
  • Bauernfamilien, die ihren Hof mehrfunktional bewirtschaften sind ein wichtiger Faktor für die Belebung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Das bringt Lebendigkeit in die Region und nützt allen Bewohnern.
  • Diese sanfte Wirtschaftsform erhält auch alle wichtigen gesellschaftlichen und kulturellen Aufgaben und Funktionen von Bauern für kommende Generationen.  Es ist nicht nur das Kulturbild, das erhalten und  weiterentwickelt wird: Es werden darüber hinaus die vielseitigen, universellen Fähigkeiten, welche die Bauersleute von Grund auf lernen, für die Gesellschaft erhalten. Das geht von Handwerk bis zur Feuerwehr.

Wir fragen nun auch umgekehrt wie Konsumenten  und im weiteren Sinne Organisationen von Konsumenten dem Bauern  Sicherheiten geben könnten:

  • Da ist die weitere Entwicklung der Instrumente von direkter, regionaler Vermarktung von bäuerlichen Produkten von Bedeutung. Dabei sind vielfältige Formen im Gange, von der zeitweisen Mitarbeit auf dem Hof bis zu Beteiligenden beim Wirtschaften.
  • Zur Zeit wäre der angesprochene Nachholbedarf an der vor 100 Jahren versäumten Zusammenarbeit mit sozialkritischen Organisationen bis zu den Gewerkschaften wesentlich. Dazu folgende Vorschläge:
  1. Es wäre z. B. gut wenn im Bereich der nachträglichen Trauma-Bearbeitung geeignete Fachleute und Institutionen mitarbeiten würden.
  2. Zur Klärung der Verfassungsgrundlagen – was zusammengehört und was getrennt werden muss – bedarf es einer kompetenten Hilfe von Fachinstitutionen.
  3. Zum Anpacken von politischen Fragen wie einer gerechteren Verteilung öffentlicher Gelder wäre eine Zusammenarbeit mit erfahrenen Gewerkschaftern zielführend.

Diese Beispiele von Sicherheiten  sollten hier zunächst als Idee zur Diskussion stehen. Sie haben in Bezug auf die Notwendigkeit der überfälligen Trennung aus dem Einfluss der Grundherrn eine große Bedeutung. Eine solche Trennung wird zunächst  von wenigen, mutigen Bauern angeführt und ohne stützende Kräfte aus der Gesellschaft geht es nicht.

Die Beziehungsebene der EU-Agrarpolitik                      

Hier will ich abschließend noch meine bisherigen Forschungen in Bezug auf die EU- Ebene kurz einbinden. In den jeweiligen Abschlussverhandlungen, der im 5-jährigen Perioden stattfindenden GAP-Regelung, sind die endgültigen Entscheidungen – so sagt man in informierten Kreisen – in den letzteren Perioden immer in Berlin gefallen. Warum?

Weil in Berlin in den letzten Jahrzehnten die neue Machtkonzentration der Großgrundbesitzer und neuen Grundherrn auf Grund der Auflösung der ehemaligen DDR in einer besonderen Dichte entstanden sind. Man hat im Zuge der GAP-Verhandlungen jeweils die Monate vorher scheindemokratische Gespräche mit vielen alternativen Bauern- Umwelt- und Entwicklungsorganisationen geführt, man lässt sie antanzen, hoffen und zappeln. Am Ende wird das entschieden was für Grundherrn gut ist: Keine Beschränkungen bei Förderungen nach oben bis über 1000 ha.

Wahrnehmung der Grundherrn als Ballung

Große Grundbesitzer haben mit ihrer „Verfügungsmacht“ über Grund und Boden seit 1992 auch noch die „Definitionsmacht“ der Förderung an sich gerissen, das heißt sie haben die Macht den Förderschlüssel zu bestimmen. Am Bespiel der „Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft“ (DLG), sieht man wie eine wirksame Lobby aussieht. Sie hat ihrem dreiteiligen Beirat mit rund 30 Großgrundbesitzern mit je über 1000 Ha Landbesitz besetzt, dann 30  Vertreter aus den Bereichen Banken, Agrarindustrie und Handel, und weitere 30 Vertreter aus den Bauernvertretungen, Wissenschaft und Schulungsbereich. Das ist geballte Macht von Grundherrn. Sie vereinnahmt, korrumpiert für ihre Interessen die Bauernvertretungen und ihr Einfluss wird als „Bauern-Killer“, in Form „struktureller Gewalt“ im Kampf zwischen Bauern sichtbar.

Daraus entstand in Westdeutschland, vor allem in Norden, eine massive Idealisierung des Großbetriebes mit einem enormen Verdrängungskampf als Krieg zwischen Bauern. In einer Art „Flucht nach vorne“ identifizieren sich Kleine mit dem Großen. Der Wunsch ist: „Ich will sein wie er“, es ist der Versuch, selber ein Großer zu werden. Das ist eine Identifikation mit dem „Killer“ und Ausbeuter, Betroffene die hier mitmachen werden zum Mittäter. Die schwächeren Bauern identifizieren sich aus Abhängigkeit und Resignation mit ihrem Killer und Ausbeuter, weil sie von ihm noch Anerkennung suchen.

Fazit zur Situation in der EU:

Der Einfluss von Grundherrn erscheint in einer solchen Ballung formuliert sehr mächtig und unantastbar. Soll man hier das Handtuch werfen und resignieren? Nein, denn diese Macht beruht immer noch auf der unbewussten Zustimmung der Menschen die sich durch ihre Identifikation mit den Großen hier wieder selber zum Untertanen machen. Vielleicht gibt es auch in Deutschland oder anderen EU-Ländern eine Bewegung von gesellschaftlichen Gruppen, die mit Bauernfamilien das Killersystem der Grundherrn mit neuen Beziehungsformen überwinden. Indem sie mit neuen stützenden Beziehungsformen die noch vorhandenen Bauernfamilien ermutigt werden die Bauernhöfe nicht wegen der Betriebsgröße sondern wegen der Vielfalt und der neuen Beziehungen überleben.

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Ein Kommentar zu „105. Mit stützenden Partnern in eine neue Zukunft gehen

  1. Lieber Franz,
    damit hat du die wohl wichtigste Aufgabe in eine nachhaltige Moderne aufgerissen. Dazu gilt es einerseits die neuen Grundherren zu entlarven, die Aldi (Hofer), Lidl usw. heißen. Andererseits müssen wir Bauern und Bäuerinnen uns von den Fesseln des Wettbewerbs befreien um wieder teamfähig zu werden. Also bei sich anfangen statt auf die Politik zu warten und so der Politik zeigen, dass es auch anders geht. Die urbäuerlichen Werte wie Zufriedenheit (neudeutsch Suffizienz) und Versorgungs- statt Marktorientierung sind den Utopien der Zukunftsforscher näher als die moderne Landwirtschaft.
    Herzliche Grüße aus dem Schwarzwald
    Siegfried

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