3. Arthurhauspapier

Es wäre eine historische Wende, wenn Bauernfamilien durch neue Bündnisse in der Gesellschaft sich  aufrichten könnten. Wenn sie  ihre Identifikation und ihre Anhänglichkeit von Großauern  als Grundherrn ablegen könnten.  So könnte das 1000-jährige Unwesen der Grundherrschaft endlich aufgelöst werden.

von Franz Rohrmose Konfliktforscher und Mitarbeit von Ewald Grünzweil im Oktober 2016

70 Jahre zweite Republik ohne Demokratie  im Bereich Agrarpolitik ist schon zu viel.  ES IST ZEIT FÜR EINE DEMOKRATISCHE ERNÄHRUNGSPOLITIK.

Franz Rohrmoser: „In den vergangenen Monaten führte ich mit dem Obmann der IG-Milch Ewald Grünzweil, aber auch mit den Vorstandsmitgliedern mehrmals Gespräche über die derzeitigen Krisen der Bauern. Ich beschäftigte mich dazwischen intensiv mit der Geschichte um 1900.  Zweimal traf ich Ewald mit seiner Frau Natascha im Arthurhaus beim Hochkönig und das Ergebnis nenne ich daher Arthurhauspapier.“

Es ist weder bei den Bauernfamilien selber, noch in der Allgemeinheit bewusst, dass wir im großen Bereich der Agrarpolitik eine Weiterführung des 1000 Jahre alten Ausbeutungs-Systems der „Grundherrschaft“ haben, das von ihrem Wesen her Demokratie ausschließt. Und die derzeitige Krise der Bauern zeigt uns wie heute das Ausbeutungssystem aussieht: Bauern werden trotz bestehender Überschüsse weiter zur Intensivierung und Ausweitung der Produktion angeregt und durch Investitionshilfen verführt. Der Verdrängungswettbewerb verstärkt den gegenseitigen Ausscheidungs-Kampf zwischen Bauersleuten. Viele leiden unter dem Druck von kaum mehr rückzahlbaren Investitionen am Hof.  Dies löste eine Zerstörungswelle in und von Bauernfamilien aus.  Um hier schützend einzuschreiten brauchen wir dringend eine:

  • Bewältigung der Traumata, die aufgrund der jahrhundertelangen Ausbeutung entstanden sind
  • Bildung von Bündnissen, von Bauern mit demokratischen Organisationen, die um 1900 vorsätzlich verhindert wurde
  • Erlösung der Bauernfamilien von der Herrschaft der Grundherrn als Voraussetzung für Demokratie
  • neue, nachhaltige und demokratische Ernährungspolitik auf Grundlage der Verfassung

1) Bewältigung der Traumata, die aufgrund der jahrhundertelangen Ausbeutung entstanden sind

Die Geschichte der Bauernfamilien ist laut Josef Krammer (1) eine Geschichte der Ausbeutung. Fast alle Bauern und das Gesinde waren in einer unendlich langen Zeit von 900 Jahren bis 1848 offiziell Untertan von Grundherrn. Untertanen mussten Naturalien und Steuern  an ihren Grundherrn abliefern und Fronarbeit leisten.   Die Kirche verstärkte die Macht von Grundherrn über die ganze Epoche durch die Erklärung, es sei „Gottes-Wille“, dass die einen zum Herrscher und die andern zum Untertan geboren seien. Es war ein ausgeklügeltes System zur dauerhaften Verpflichtung der Mehrheit der Bevölkerung, darunter fast allen Bauern, zu harter Arbeit für den Luxus einer Minderheit.

Es ist eigentlich logisch, aber man muss es auch aussprechen, dass dieser Zustand  auch viele Menschen traumatisiert hat und dass unbewältigte Traumata bis heute wirksam sind. Ein Ergebnis ist die „Identifikation mit dem Ausbeuter“.  Das Phänomen wurde auch bekannt als „Stockholm Syndrom“.  1968 wurde bei einer Entführung sichtbar, dass Geiseln in ihrer Not zu Verehrern ihrer Entführer wurden. Dazu ein aktuelles Ereignis aus Bayern: Filmemacher zeigten die Betriebe von führenden Funktionären des Bauernverbands in Deutschland, mit Intensivtierhaltung und beschämender Tierqual , im Fernsehen. Es war eine Blamage für die Bauernführer! Nun sind Bäuerinnen, die selber ihre Tiere gut behandeln, aber  in Folge dieser gezeigten intensiven Überproduktion und dem dadurch entstehenden Preisverfall sogar Schaden erleiden, aufgetreten und haben ihre angegriffenen Führer im Fernsehen voll verteidigt.  Bei uns in Österreich ist das Verhalten haarscharf genauso.

 2) Bildung von Bündnissen, von Bauern mit demokratischen Organisationen, die um 1900 vorsätzlich verhindert wurden

Die um 1900 verhinderten Bündnisse mit demokratischen Organisationen werden jetzt nachgeholt. In der Zeit um 1900 wurde vieles neu geregelt. Mit der Bauernbefreiung 1848 wurde zwar formal äußerlich die Grundherrschaft der Bauern als Untertanen beendet.  Wie aber  die folgenden  Punkte zeigen, blieb das eingespielte System der Untertänigkeit und Abhängigkeit im Hintergrund (um nicht zu sagen hinterrücks) bestehen:

  1. Die Bauern mussten an die Grundherrn Ablöse zahlen. Sie verschuldeten sich dabei und gingen sehr geschwächt in die neue Phase, während die Grundherrn das erhaltene Geld in die Agrarindustrie investierten.
  2. Durch Liberalisierung wurde 1868 (laut Krammer) der Grund und Boden handelbar. Das wurde für viel kleinere Bauern zur Katastrophe, sie verloren ihre Höfe an die Grundherrn.
  3. Bauern wurden (laut Krammer) systematisch von der Arbeiterbewegung abgeschirmt und strikt getrennt. Es wurden Feindbilder aufgebaut.  Dabei war gerade bei der Arbeiterbewegung laut Inge Zelinka (3) die Bildung damals schon der Schlüssel zur Entwicklung. In der eigenen Partei wurden sie statt Bildung zu einem  Untertanensystem angeleitet.
  4. Es gab (laut Krammer) eine große Gründungsaktion von Raiffeisengenossenschaften und -banken. Aber mit der gleichzeitigen Aufrechterhaltung der Untertänigkeit nahm die Partei den Bauernfamilien das Wichtigste davon wieder weg: Das Erlernen von Mitbestimmung.
  5. Grundherrn im Bauernbund beeinflussten nun so die Agrar- und besonders die Förderpolitik in der Form, dass sie sich selber begünstigten.
  6. In diesen Punkten wir gut sichtbar, dass die Grundherrschaft im Hintergrund weiterlebt. Ihr Wesen beruht auf dem alten Klassensystem, das aufgrund des Fehlens der Prinzipien von Gleichheit, Freiheit und Gleichbehandlung die Demokratie nach wie vor völlig ausschließt. Wir leben nun die ganze Zeit mit einer Agrarpolitik ohne Demokratie.
  7. Der Bauernbund betätigt sich als „Mischer“ von Bauern und Grundherrn. Wie eine „Mischmaschine“ die immer unverträgliche Interessen und konträre Positionen miteinander vermischt und Interessen verwischt.

3) Eine Erlösung der Bauernfamilien aus der Herrschaft der Grundherrn ist Voraussetzung für Demokratie

Jetzt geht es an das Eingemachte: Es geht um die notwendige Trennung von unverträglichen Klassen- oder Interessensgegnern. Wo Bauernfamilien menschlich leben wollen,  braucht es dringend die  Auflösung  des vergifteten Verhältnisses „Grundherr-Bauer“. Das bedeutet ein Ende der Gewalt, die in der Struktur liegt. Wir versuchen zum besseren Verständnis das Verhältnis  bildlich darzustellen:  „Wenn  sich  Wölfe im Schafstall beinden“,  dann wissen wir alle, dass dies nicht gut gehen kann. Wenn sich diese Kontrahenten im gleichen Stall ohne Trennung befinden, kann keine Ruhe entstehen. Es kann keine neue Entwicklung geben, die Kräfte sind im Konflikt gebunden.  Wir müssen dabei bei den Grundlagen unserer demokratischen Staatsverfassung ankommen. Verfassungsexperten haben diese Art von Konflikt erkannt. Daher heißt es  im Verfassungsbegriff  der Kammer als „gesetzliche berufliche Vertretung“:  Klassen- oder Interessengegner, also Kontrahenten, dürfen nicht in der gleichen Kammer oder Interessenvertretung  Mitglied sein (4)

In der Diskussion über diesen heiklen Punkt im Arthurhaus hat die Frau vom IG-Milch Obmann Natascha Grünzweil, dazu ein klärendes Bild eingebracht: Die Schafherde (Bäuerinnen und Bauern) soll durch geeignete Herdenschutzhunde (Definition Wikipedia: … ist ein großer und kräftiger Hund, der für den Schutz und die Verteidigung der ihm anvertrauten Herde gegen Mensch und Tier gezüchtet wird) beschützt werden. Diese erkennen die Wölfe. Sie schützen die ihnen anvertraute Herde und vertreiben sie aus dem Stall bzw. aus der Herde. Auf die Frage wer soll real diese Schutzarbeit machen, sagte sie: Dazu sollten neue Partner gefunden werden die aus eigenem Interesse die Bauern schützen wollen (siehe auch Beitrag 5 dazu).

Hier sind wir am Punkt: Bäuerinnen und  Bauern die eine menschliche Zukunft haben wollen, müssen sich von Interessensgegnern, von Kontrahenten trennen.  Stattdessen sollten sie neue Bündnisse mit lebensfördernden Partnern eingehen.     Wir brauchen eine nachhaltige und demokratische Ernährungspolitik auf Grundlage der Verfassung.

4) Hier sollten einige Ideen angeregt werden, in welchen Bereichen ausgewählte Bündnisse mit neuen Partnern zur Entkrampfung  der derzeitigen Stresssituation sowie für eine generelle Zukunftssicherung der Bauern, wirksam werden könnten:

  1. Eine der wichtigen Fragen ist wohl jene: Wie können direkte Wege einer Verbindung zwischen Bäuerinnen und Bauern und KonsumentInnen weiterentwickelt werden?
  2. Wie könnten zum Beispiel erfahrene Gewerkschafter den Bauern dabei helfen das seit 50 Jahren ungelöste Problem der ungerechten Verteilung der Fördergelder unter Nutzung aller Möglichkeiten der Verfassung fundiert anzupacken?
  3. Wäre es möglich der derzeitigen Allmacht der Dreieinigkeit von Raiffeisen, Bauernbund und Kammer bei der Steuerung der Agrarpolitik einen Riegel vorzuschieben? Sie sind es, die den derzeitigen, tödlichen Wettkampf bei Bauern steuern.
  4.  „Ernährung geht alle etwas an“. Das Feld der Interessierten ist groß, es reicht von Gewerkschaften bis zur neuen Bewegung der Ernährungssouveränität  mit Gemüse-Gärtnern im Hinterhof von Großstädten. Dies liegt auch ganz im Trend des UNO-Weltagrarberichtes der weltweit die Unverzichtbarkeit einer solch kleinstrukturierten Selbstversorgung für die Ernährungssicherung betont  und dies verstärkt mit dem Hinweis,  das Welternährung weiblich ist.

Es wäre eine historische Wende, wenn Bauernfamilien durch neue Bündnisse in der Gesellschaft sich  aufrichten könnten. Wenn sie  ihre Identifikation und ihre Anhänglichkeit von Großauern  als Grundherrn ablegen könnten.  So könnte das 1000-jährige Unwesen der Grundherrschaft endlich aufgelöst werden.   Als einer der sich selber als sozialdemokratisches Urgestein sieht, denke ich, es wäre für die Sozialdemokraten nachträglich, also 100 Jahre später, eine wichtige Herausforderung sich dieses Thema jetzt bewusst noch einmal vorzunehmen. 

 

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