5. Grundherrn gehen 1848 in den Untergrund

(gekürzte Fassung,  vollständiger Beitrag 103)

von Franz Rohrmoser

Zusammenfassung: . Der Neustart ab 1948 war für die nun freien Bauern wieder sehr hart: Sie mussten Grundablöse an ihre ohnehin reichen Grundherrn zahlen, diese investierten das Geld in die die neue  Agrarindustrie. Das verstärkte das ungleiche Machtverhältnis neuerdings gleich am Beginn. Auch eine notwendige Aufarbeitung der Traumen kam nicht zustande. Die mittleren und kleineren Bauern hatten keine Lobby, keine Institution die mit ihnen ein Programm der Bewusstseinsbildung zur selbstständigen Organisation und Mitbestimmung machte. Im Gegensatz dazu übernahmen die Grundherrn mit den Großbauern die Führung in der Agrarpolitik, die Masse der Bauern rutschten in eine neue Abhängigkeit und die alte Grundherrschaft lebte im Untergrund wieder auf und ging weiter bis heute. Und so mancher der vorher abhängigen Bauern wurde vom Opfer zum Täter.

1848 war eine Zeit des Aufbruches. Es entstand zum Beispiel eine Arbeiterbewegung, die sich mit dem ganzen Spektrum der Ausbeutung der Arbeiter, der Bearbeitung der Untertänigkeit, mit der Bildung und Bewusstseinsbildung der Arbeiter und mit Gründung von Gewerkschaften, der Zeitung und um 1890 der Gründung der sozialdemokratischen Partei befasste. Das waren Instrumente der Selbstvertretung. Genau dazu waren die frei gewordenen Bauern nicht in der Lage, sie konnten für sich keine ähnliche Selbstvertretung in die Wege zu leiten. Es fehlten vor allem die Bewusstseinsbildung über die Untertänigkeit und die anschließende Bearbeitung dieser eingewöhnten Haltung. Versuche einer solche Selbstorganisation bei Bauern, wie sie etwa Josef Steininger aus Langenlois Ende des 19 Jahrhunderts mit der Bauernzeitung „Mittelstraße“ versuchte, wurden laut Krammer  abgewürgt.

Wie sie mit ihrer Untertänigkeit alleine gelassen wurden, zeigt Inge Zelinka (3) am Beispiel den Liberalen. Obwohl durch den  Einfluss dieser Partei 1876 die allgemeine Schulpflicht von 6 auf  8 Jahre erhöht wurde, ließ diese Partei, die von der bürgerlichen Bildungsschicht getragen war, die Bauern im Regen stehen. Zitat Zelinka:

“[…] Nachdem ihre eigene, die bürgerlich liberale Gesellschaftsschicht in den 1860-Jahren gleichsam (durch Bildung)  befreit war und über Einflussmöglichkeiten verfügte, gehörte sie zur herrschenden Klasse und dachte nicht mehr daran, den Massen zu Aufstiegsmöglichkeiten zu verhelfen.  Das klingt bitter für die Bauern, die Teil der Massen waren.

Sehr geschadet  haben die Liberalen den kleineren Bauern laut Josef Kammer mit dem Erbrechtsgesetz 1868.  Man leitete damit eine Überschuldung der Höfe und ein Bauernlegen ein:

 Bauern wurden an jeder Stelle erinnert: Ihr müsst die Diener der Nation bleiben

 Die Bauern wurden dann (laut Krammer) um 1900 in die neu gegründete Christlich- soziale Partei eingegliedert, man brauchte sie als Wählerstimme bei der Reichstagswahl 1906 und die Männer erhielten das Wahlrecht. Diese Partei machte aber laut Inge Zelinka  ausdrücklich keine Bildung und keine Aufklärung. Im Gegenteil, sie erneuerte sogar nochmals das Untertanensystem und weist auf einen Hirtenbrief der Bischöfe hin, Zitat Zeinka:

„…dass die Ehrfurcht und der Gehorsam gegen die von Gott verordnete Autorität die Grundlage aller Ordnung in der menschlichen Gesellschaft ist“…

Karl von Vogelsang, der Vordenker der Partei ergänzt diese Aussage der Bischöfe, Zitat:

Die Obrigkeit ist auch verpflichtet für das Wohl derjenigen zu sorgen, um derentwillen sie ihr Amt von Gott verliehen bekommen hat. Die herrschende Schicht wird nicht nur zur Fürsorge ermahnt, es wird ebenso klargemacht, dass Armut gottgewollt ist und jeder ob arm, ob reich seinen gerechten Platz in der Gesellschaft einnimmt und nicht danach streben sollte diesen  zu verlassen.

Hier wurden Bauern wieder an ihre scheinbar angeborene Dienerrolle erinnert. Sie wurden weiteres (laut Krammer) systematisch von der Arbeiterbewegung abgeschirmt und strikt getrennt.

Besonderes Kapitel: Genossenschaften

Ein besonderes Kapitel war der Aufbau der Genossenschaften die von den Christlich Sozialen um die Jahrhundertwende gefördert wurde. Diese Unterstützung zur Selbsthilfe stand im Widerspruch zur genannten Aufrechterhaltung der Untertänigkeit. Es gab (laut Krammer) eine große Gründungsaktion von Raiffeisengenossenschaften und -banken. In den Dörfern halfen zwar Pfarrer und Lehrer mit bei den Gründungen, aber die Funktionen, wie Vorsitz, übernahmen Großbauern weil sie gebildeter waren. Ja wer hat, der hat eben.

Mit der gleichzeitigen Aufrechterhaltung der Untertänigkeit nahm die Partei den Bauernfamilien das Wichtigste davon wieder weg: Das Erlernen von Mitbestimmung. Wie aus anderen Informationen sichtbar wird hat aber die Gründung der Genossenschaften die kleineren Bauern wirtschaftlich doch wesentlich gestützt. Hier haben die Christlich Sozialen innerhalb ihrer eigenen Partei einen Konflikt mit Großbauern gegengesteuert: Unter Mithilfe der Pfarrer hat sich der untere Klerus am Land, aus sozialer Verpflichtung in den Gemeinden für Bauern eingesetzt.

In der  Agrarpolitik verbündeten sich die früheren Grundherrn mit den Großbauern. Sie investierten ihr Kapital laut Krammer in der neu entstandenen Agrarindustrie, und wurden im vor- nachgelagerten Bereich der Bauern tätig.  Politisch übernahm im Laufe der Zeit der Bauernbund, der auch um 1900 gegründet wurde und Teil der christlich sozialen Partei ist, die politische Koordination des Agrarbereiches in die Hand. Er versuchte immer alles zu verbinden und zu vermischen: Die kleineren Bauern mit den Großbauern einschließlich der Grundherrn, dazu die Interessen der Agrarindustrie.

Interessenskonflikte und  Gegensätze werden nicht bearbeitet, sondern einfach vermischt. Die damals schon vorhandene Killer-Gewalt der Großen, in der sie immer die Kleineren auffressen und das nannte man dann „Bauernlegen“, oder andere Formen von Gewalt  hat der Bauernbund immer weitgehend verleugnet. Man hat die miteinander unverträglichen Klassen-Interessen Bauern/Grundherrn einfach ignoriert.

In dieser Konstellation blieben die kleineren und mittleren Bauern wieder die Schwächeren. Hier wiederholte sich ungeschrieben eine Art von Obereigentum, so wie früher der Grundherr das  Verfügungsrecht über Grund und Boden hatte. Diesmal geht es um das Verfügungsmacht über die Politik, über das was geschieht und vor allem über die die Verteilung der öffentlichen Gelder das der Staat zahlt.

Aus Opfern werden Rasch auch Täter 

Wir kennen diese Dynamik dass Opfer einer Ausbeutung sehr rasch auch selber zum Täter werden, vor allem dann, wenn die erlittenen Demütigungen nicht bearbeitet wurden. Inge Zelinka weist darauf hin dass Bauern als Familienoberhaupt – das waren sie auch schon während der Untertänigkeit – aber dass mit der Beendigung der Grundherrschaft eine Verstärkung dieser Rolle als eine sehr patriarchale Vaterfigur entstand. Er war Bauer, Hausherr, Familienvater, hatte Kinder öfters von verschieden Frauen und hatte viele Dienstboten auf seinem Hof. Er war ja nun auch zuständig für die soziale Versorgung aller am Bauernhof lebenden.

Hier erzählt man sich bis heute noch Geschichten mit Grenzüberschreitungen, so mancher Hausherr entwickelte sich zu einem keinen Tyrannen. Das Verhältnis zwischen Bauern und seinen am Hof lebenden Mägden und Knechten ist dabei eines von solchen Konflikt-Themen oder es ging um soziale Kälte und Ausbeutung. Es wäre ein Wunder, wenn es das nicht gegeben hätte. Es waren auch noch zwei Weltkriege in dieser Zeit zu bewältigen, damit gab es auch sehr viel Not und Hunger in der Bevölkerung, die rund um die Bauern lebten. Es gibt auch zu diesem Punkt von vielen Menschen Erinnerungen, sie gehen von Dankbarkeit bis zur Enttäuschung und Wut. Solche Erlebnisse werden der jüngeren Generation weitererzählt. Und hier hängt schließlich auch die Frage dran, wie gehen wir alle miteinander um, wenn sich eine solche Krise wiederholen soll.

Wie schafft es der Raiffeisenkonzern, dass fast alle für ihn arbeiten?

Wie schafft es nun Raiffeisen dass (fast) alle fleißigen Bauernfamilien für ihn arbeiten? Es sind drei Formen erkennbar, wie es gelingt, an die Bauernfamilien im ganzen Land heranzukommen um sie dann in die Dienstpflicht zu nehmen:

  1. Alle Bauernfamilien sind gesetzlich Pflichtmitglieder der Landwirtschaftskammern. Ob sie wollen oder nicht, sind sie formal Mitglieder. Kammer und Raiffeisen arbeiten so eng zusammen, dass hier ihr Zugang zu allen Bauernfamilien vorhanden sind.
  2. Der ganze Apparat des Agrarsystems einschließlich ihrer Medien sind stark auf Produktwerbung ausgerichtet. So werden die Familien durch allumfassende, vereinnahmende Einbindung aller Lebensbereiche, von Kindheit an bei Bildung, Politik, Einkauf, Verkauf, Kredit etc. bis zur Sterbeversicherung vom allgegenwärtigen Raiffeisensystem vereinnahmt. Hier entstehen dann gewohnheitsbedingte Zwänge zum Mitmachen.
  3. Die Politik, die auch von Raiffeisen gemeinsam mit Bauernbund und Kammer gemacht wird, ist eingestellt auf das Killersystem mit Wachsen, Betrieb vergrößern, investieren. Sie schaffen es dabei, die Bauern in einen ruinösen  Wettkampf – wer ist der Größte – zu verwickeln, damit sie für die Geschäfte des Systems und um die Wette rennen und investieren. Dann kamen Überschüsse mit Preisverfall und mit hohen Krediten und schlaflosen Nächten. Mit Kreditschlinge am Hals landen sie im Krankenaus, etc. Mit dieser Methode werden gerade die sonst nicht hörigen Bauern erwischt.

Fazit vom ArtikelDie hier geschilderten Abläufe zeigen, wie das Grundherrnsystem im Untergrund bis heute weiterlebt und wirksam ist.

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