Das Mitläufertum von Bauern und Bäuerinnen

Das Rätsel „Mitläufertum“ von Bäuerinnen und Bauern, Analyse von Franz Rohrmoser und Ewald Grünzweil

 In einem Gespräch des Arbeitskreises Bewusstseinsbildung der IG-Milch in Linz am 28. Juli 2015 sprach Obmann Ewald Grünzweil von der Notwendigkeit das Rätsel „Mitläufertum“ von Bauern und Bäuerinnen zu bearbeiten. Er fragt sich warum vertrauen Bauern immer wieder ihren Verrätern und verdrängen die Realität. Der Begriff und die Idee stammen also von ihm und ich habe versprochen als Konfliktforscher das Thema analytisch aufzubereiten.

Die IG-Milch und Ewald Grünzweil als Obmann repräsentiert eine ehrliche, eigenständige  und stabile bäuerliche Interessenvertretung mit einer innovativen Agrarpolitik und will diese weiter ausbauen.

 Die Wahlergebnisse bei Kammerwahlen zeigen seit Generationen und immer noch ein markantes Bild: Zwischen 60 und 95 % der Bäuerinnen und Bauern wählen konstant ihren Bauernbund. Das ist ein Rätsel das es aufzulösen gilt. Ich habe mich bereits in den letzten Jahrzehnten bei meiner Arbeit mit der ÖBV und auch mit den SPÖ-Bauern mit diesem Rätsel und den Ursachen für diese besondere Treue befasst und wir konnten jeweils nur ein Stück vorankommen.

Das Mitläufertum von vier Themen und Seiten her betrachten

Nun kam mir die Idee das Mitläufertum von vier Themen und Seiten her betrachten und damit eine breitere Sicht zu entwickeln. Im Kern ist das Mitlaufen in und mit der Strömung nach Thea Bauriedl eine „Orientierung am anderen“. Man orientiert sich in Phasen wo man unsicher ist nicht mehr an den eigenen Gefühlen, Wünschen und Ängsten, sondern an den Bedürfnissen anderer (aus Leben in Beziehungen, Verlag Herder 1996 Seite 21). Der Verrat in der Politik vernebelt die Sicht und macht unsicher. Es bedarf einer Navigationshilfe um einen sicheren Weg zur Orientierung an den eigenen Gefühlen zu finden. Nun die vier Themen:

  1.  Das Thema der Gewalt in der Struktur: In der zu engen Verbindung von Bauernbund, Kammer und Raiffeisen als „Dreieinigkeit“ fehlt eine demokratische Interessensregelung. Oppositionelle Kräfte werden mit Zermürbung aufgerieben, ermüdet.
  2. Verrat vernebelt die Sicht auf unterschiedliche Interessen und schafft einseitige Abhängigkeiten die zum sogenannten „Stockholm Syndrom“ (siehe später) führen.
  3. Das Thema Konvention, als die allgemein gültigen, sozialen Normen und Verhaltensweisen mit Gruppenzwängen. Alle machen lieber das was die große Masse macht.
  4. Das Thema einer schicksalhaften Vorherbestimmtheit, der Glaube an überirdische Lenkung mit Abschieben der Verantwortung an diese Kräfte.

Gehen wir nun bei den einzelnen Themen in die Tiefe.

Zu 1) Das Thema der Gewalt in der Struktur

In der zu engen Verbindung von Bauernbund, Kammer und Raiffeisen als „Dreieinigkeit“ fehlt eine demokratische Interessensregelung. Oppositionelle Kräfte werden mit Zermürbung aufgerieben, ermüdet. Das führt zu gewaltsamer Ausschaltung von unterschiedlichen Interessen und damit zum Verrat. 

Zum Thema Gewalt in der Struktur hat der Friedensforscher Johan Galtung den Begriff “Strukturelle Gewalt” in den 70-jahren entwickelt. In seinem bekannten Beitrag schreibt er dazu: „Wird Gewalt in der strukturellen Form ausgeübt, dann kann es sein, dass die Opfer sich nicht einmal bewusst sind, was da vor sich geht“(J. Galtung, Eine strukturelle Theorie des Imperialismus, Frankfurt am Main 1972).
Die „Dreieinigkeit“ vom „Bauernbund – Kammern – Raiffeisen“ wurde im Jahr 2013 von Lutz Holzinger und Clemens Staudinger im Schwarzbuch Raiffeisen, Wien, Seite 43, sehr treffend beschrieben, Zitat:

Tatsächlich wurde Raiffeisen erst in der 2 Republik zum Erfolgsmodell, als die von Engelbert Dollfuß als Amtsdirektor der niederösterreichischen Landwirtschaftskammer Ende der 1920er-Jahre ausgearbeitete Strategie eines abgekarteten Zusammenspiels zwischen Genossenschaft, Landwirtschaftskammern und Bauernbund im vollem Umfang realisiert werden konnte.

Ausgerechnet Engelbert Dollfuß war es, der die Strategie der Dreieinigkeit entwickelte. An der Stelle ist es wichtig zu wissen wie der Stratege Engelbert Dollfuß, der als späterer Bundeskanzler als „Zerstörer der Demokratie“ in die Geschichte einging, dachte und handelte. Dollfuß hat in seinem autoritären Staatsmodell die Parteien und jede Art von Interessenvertretung, sowie Gewerkschaften ausgeschaltet. Er ging von einer Harmonie in den Berufsgruppen und in den Betrieben aus, die Interessensgegensätze wurden verwischt sowie verleugnet und die Interessensregelung abgeschafft.

Prinzip der getrennten Organisation abgeschafft

Das in der demokratischen Staats-Verfassung festgelegte Prinzip der getrennten Organisation, getrennt vom Interessengegner, damit Raum für demokratische  Interessenregelung vorhanden ist, schaffte Dollfuß ab. Das ist Kennzeichen von einer autoritären Struktur mit Gewalt in der Organisation. Wie eng und dicht die Dreieinigkeit organisiert und verwoben ist, sieht man an der Besetzung von Funktionen: Quer durch das Land sind die Präsidenten des Bauernbundes und der Kammern auch gleichzeitig Präsidenten des Raiffeisensektors. Dies ist seit Jahrzehnten so und gilt als völlig normal. Das Dollfußmodell zeigt Harmonie nach außen und intern läuft es autoritär nach dem Recht des Stärkeren, die Opposition wird zermürbt und Interessensregelung wird verhindert, etwa:

  • Man sieht das in der Begünstigung der großen Bauern und die kleineren Bauern werden bei Förderungen zur Mittelaufbringung vorgespannt und bei der Mittelverteilung werden sie dann benachteiligt.
  • Sisyphosarbeit. Man sieht das im Umgang mit oppositionellen Gruppen besonders jenen, die zur Kammerwahl antreten. Die in den diversen Landes-Kammern tätigen Kammerräte erleben quer durch alle Bundesländer dieselbe „Zermürbungstaktik“: Will man hier etwas verändern wird man aufgerieben. Dies berichten vor allem Betroffene vom ÜBV (Überparteilicher Bauernverband) und von den SPÖ-Bauern. Dazu passt auch das Bild von der Sisyphosarbeit, nämlich einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen und immer kurz bevor das Ende des Hanges erreicht wird, entgleitet der Stein, und man muss wieder von vorne anfangen.
  • Man sieht das weiters aus im Umgang mit gegensätzlichen Interessen. Sehen wir uns dazu am Beispiel der IG-Milch näher an, wie unterschiedlich bis gegensätzlich die Interessenlage zwischen dem Raiffeisensektor im Bereich Milch einerseits und den Milchbauern andererseits in Wirklichkeit sind. Die Molkereiindustrie will:

) keine Mengenbeschränkung bei Milch,

2) dem Bauern nur niedrige Preise zahlen,

3) als Lieferanten lieber Großbetriebe und fördert damit das Wachsen und Weichen,

4) die Exportstrategie mit Unterstützung vom Staat,

5) keine substanzielle Mitentscheidung der Bauern in dieser Milchpolitik.

In allen 5 hier genannten Interessen haben die IG-Milch Bauern nicht nur ein anderes, sondern ein genau gegensätzliches Interesse, sie wollen:

1) die Menge beschränken,  

2) höhere Milchpreise,

3) Solidarität zwischen Bauern statt Wachsen und Weichen,

4) sie lehnen die Exportstrategie ab,

5) in Grundsätzen der Milchpolitik mitentscheiden. 

Was passiert nun in dieser ungetrennten Dreieinigkeits-Struktur mit diesen Gegensätzen ? Ist hier überhaupt ein Raum dafür da diese gegensätzlichen Interessen fair und demokratisch aus-zu-verhandeln ? Antwort nein. Hier sind wir am Punkt und am Ursprung des Verrates von Bauern. Nun werden diese Unterschiede und Gegensätze verwischt, entkräftet, schließlich dann verleugnet und damit verraten.  In der Praxis der Agrarpolitik gehört dies zum „normalen“ System.

Die Folgen sind gravierend: Erstens schafft das einen undurchsichtigen Nebel mit Verwirrung. Der Verrat ist ein Missbrauch eines Vertrauensverhältnisses und das geht an die Substanz und verletzt die Identität und das Selbstwertgefühl der Verratenen. Mehr dazu im Punkt 2.

Zweitens löst der Verrat bei vielen Verratenen eine Resignation aus, sie verlieren also den Glauben an eine eigene politische Mit-Gestaltung.

Drittens reagieren viele solcherart Verletzte zur Wiederholung durch Nachahmung des Verräters. Sie nehmen wie er ein doppelbödiges Verhalten an: Man gibt Gewalt an Schwächere weiter. Man schimpft dann über den Bauernbund, bleibt ihm aber gleichzeitig treu als Wähler. Oder man will sich trennen, fühlt sich aber noch angekettet, weil die die bereits jahrelang, unbearbeiteten Verletzungen auch noch eine sehr bindende Wirkung haben. Erst durch Verarbeitung kann man sich wirklich loslösen. Das ist bereits eine Teil- Antwort zum Rätsel Mitläufertum.

Das dreieinige System von Dollfuß verdreht den gesetzlichen Auftrag ins Gegenteil

Die gesetzliche Pflichtmitgliedschaft zur Kammer ist laut Verfassung dafür  bestimmt, dass eine interne Interessenregelung in einer demokratischen Form für alle möglich wird. Der Stratege Dollfuß verdreht den Auftrag und macht aus der Pflichtmitgliedschaft eine Geschäftsstrategie:

Erstens werden die verpflichtend eingebundenen Bauern und Bäuerinnen für die Dreieinigkeit vor den Karren gespannt: In der Rolle als Lieferanten von Milch, Fleisch etc. zu niedrigen Preisen, als Abnehmer von Waren, Maschinen, Bauprodukten etc.,weiters als Kreditnehmer, als Begründer von Staatgeld für Exporte, als treuer Wähler und überhaupt als Erhalter des Systems wie es ist. Die bekannte Treue der Mitglieder in allen diesen genannten Rollen machte den Riesen groß und reich.

Die zweite Strategie, die die Dreieinigkeit reich macht, ist die weitgehende Ausschaltung der demokratischen, internen Interessenregelung. Damit entfallen langwierige Verhandlungen mit Forderungen von Widersachern und es entfallen gewinnhemmende Forderungen, wie höhere Milchpreise, Gewinnbeteiligungen etc. die viel Geld kosten würden.

Beides zusammen ergibt eine schlüssige Antwort, warum das strategische Modell nach Dollfuß für Raiffeisen geschäftlich so erfolgreich ist, kurz gesagt: „Mitglieder einspannen, ihre Treue nutzen und Forderungen ausschalten“. Die Mitglieder sind es gewohnt sozusagen mit „Haut und Haar“ in dem System zu sein und  ihre Rollen zu erfüllen. Sie spüren laut Galtung so manche unsichtbaren Zwänge und Fessel selber gar nicht.

Fazit zur Frage unseres Rätsels: Die spezifische Struktur der Dreieinigkeit ist in Verbindung mit der Pflichtmitgliedschaft für die Beteiligten an sich vereinnahmend und mit Zwängen verbunden, die zum Mitläufertum führen. Wer sich nur mit der Innensicht – also wie sich das System selber darstellt – begnügt, bleibt in der Mitläuferrolle.

Nur wer auf Distanz geht, das ganze System mit ihren gewaltvollen Strukturen und sich selbst darin, kritisch von außen betrachtet, kann sich loslösen und die Mitläuferrolle ablegen. Also die neue Dreierregel heißt: Räume der Distanz-Systemanalyse-Reflexion der eigenen Rolle.

 Zu 2) Der Verrat vernebelt die Sicht und schafft einseitige Abhängigkeiten die zum sogenannten „Stockholm Syndrom“ führen. Dieser Begriff entstand im August 1973 als bei einem Entführungsdrama in Stockholm/Schweden als die Opfer der Geiselnahme versuchten ein positives, emotionales Verhältnis zu ihren Entführern / Unterdrückern aufzubauen.

Die Vernebelung der Sicht entsteht direkt durch den Verrat der Bauernvertretung. Verrat ist ein Missbrauch eines Vertrauensverhältnisses. Er irritiert die Verratenen sehr tiefgreifend, sie brauchen Kontakt und Gespräch mit anderen um wenigstens etwas durch zu blicken. Schauen wir in Bespielen an was hier konkret passiert.

Afrikaner drücken diesen Zustand bildlich so aus: „Wenn die Polizei dem Dieb ihre Uniform borgt wird es kritisch“. Übersetzt: Wenn also der Beschützer seine Rolle wechselt, seine Aufgabe in das Gegenteil verkehrt und zum Verräter wird, entsteht eine sehr komplexe Irritation, bis zu einem Trauma. Ich persönlich wurde bereits in den 1960-jahren mit einem solchen Zustand in Brasilien beim Indianerschutz FUNAI konfrontiert. Dieser staatliche Indianerschutz  verwandelte sich aber zum Gegenteil, zum Verräter, indem die Gegner der Indios diese Einrichtung für ihre Information benutzten um sie zu bekämpfen.

Zum Verrat schreibt Ewald Grünzweil, Zitat: „Verrat ist ja ein schwerer Vertrauensbruch. Warum vertrauen die Bauern immer und immer wieder ihren Verrätern und verdrängen die Realität. Das Stockholm Syndrom wäre dazu eine Erklärung. Frage zur Verdrängung der Realität: Gehört da  nicht Gutgläubigkeit, Uninformiertheit oder sogar Dummheit dazu? Zur Vernebelung fällt mir ein: Könnte diese nicht von den Verrätern gewollt sein? Um im Nebel, der Konfusion in Ruhe arbeiten zu können und die Orientierungslosigkeit der Bauern nutzen zu können um uns glauben zu machen, dass sie eh für uns arbeiten. Weil das Ganze mit dem Verrat ja so unglaublich ist, darum wollen wir Bauern ihn auch nicht glauben. Weil das würde bedeuten, dass wir uns ändern müssen, unsere Komfortzone verlassen müssten, uns selber organisieren müssten, nachdenken drüber, sich damit beschäftigen“ Zitat Ende. Ewald bringt das Problem  auf den Punkt: „Weil das Ganze mit dem Verrat ja so unglaublich ist, darum wollen wir Bauern ihn auch nicht glauben“ sagt er als Bauer und spricht von Verdrängung der Realität.

Einseitige Abhängigkeiten

Was sind einseitige Abhängigkeiten. Wer finanzielle Schulden hat und einen Kredit braucht oder solche am Hals hat, wer Hilfen anderer Art wie Förderung, Begutachtung etc. braucht, der tritt nicht gern gegen seine Kreditgeber öffentlich auf. Man sägt nicht am Ast, auf dem man sitzt, heißt es. Im Gegenteil man wird unterwürfig, folgsam und man will die Wünsche seines Kreditgebers erfüllen. Diese einseitige Abhängigkeit führt zu einer unterwürfigen Identifikation mit seinem Unterdrücker, dem Stockholm Syndrom.

Dabei ist es wichtig den Begriff „einseitige Abhängigkeit“ von „gegenseitiger“ Abhängigkeit zu unterscheiden. Eine gegenseitige Abhängigkeit ist normal und produktiv: Denn wer weiß dass er den anderen braucht geht besser mit ihm um. Das Problem ist also die Einseitigkeit.

Ewald Grünzweil dazu: „Die Abhängigkeit ist natürlich gewollt und nicht irgendwie passiert. Wir haben uns hald auch locken lassen und uns die Fesseln der Abhängigkeit  anlegen lassen. Ein Gefesselter spürt nicht dass er gefesselt ist, erst wenn er sich rühren will spürt er die Fesseln“

Fazit: Weil das Ganze mit dem Verrat ja so unglaublich ist, darum wollen wir Bauern ihn auch nicht glauben, man verdrängt die Realität, sagt Ewald. Also beim Verrat passiert  etwas was man nicht versteht, das macht unsicher und die Vernebelung macht orientierungslos. Wenn dann auch noch einseitige Abhängigkeiten dazukommen wird man gefügig und resigniert. In der Not identifiziert man sich mit dem Verräter durch Unterwerfung. Das Stockholm Syndrom. Anders gesagt ein Mitläufer wegen Unterwerfung.

 Zu 3) Der Zugang über das Thema Konvention, alle machen lieber das was die große Masse macht. Man läuft automatisch mit dem Strom mit und wenn der Strom – wie im Punkt 1 beschrieben  allumfassend und vereinnahmend ist wird es schwerer gegen den Strom zu schwimmen. Das braucht Mut, Eigenständigkeit und Kraft.

Dazu sagt Ewald: Wie kann man den Menschen erklären, dass Eigenständigkeit Riesenspaß macht, ein gutes Gefühl gibt! Da fällt mir ein Spruch ein: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Warum glauben wir nicht mehr an unsere eigene Stärke, glauben dass wir „tot“ sind und wenn wir mit dem Strom schwimmen es uns besser geht, wir damit nirgends „anecken“. Der Begriff des Mitläufers bezieht sich laut Wikipedia sowohl auf die Motivation als auch die eingenommene Rolle. Ein Mitläufer schließt sich nicht aus innerer Überzeugung einer Gruppe oder Handlung an, sondern folgt einem Gruppenzwang oder sucht die soziale Umgebung. Er nimmt auch keine tragende oder treibende Rolle ein. Und das ist aus meiner Sicht das „gefährliche“ an den Mitläufern. Sie beteiligen sich nicht aktiv, weder in die eine noch die andere Richtung, treiben wie tote Fische mit dem Strom. Man kann dies natürlich ausnutzen und die Masse in eine Richtung treiben. Und das passiert eigentlich jeden Tag in der (Agrar)Politik, Zitat Ende.

Ewald formuliert das Problem präzise, etwa „der Mitläufer treibt wie ein toter Fisch mit dem Strom, oder er folgt einem Gruppenzwang “. Aus meiner Kenntnis der Gruppendynamik sind die Gruppenzwänge weit stärker als man zugibt. Und dazu gibt es das Phänomen der Orientierung am anderen nach Bauriedl: „In Situationen der Verunsicherung neigen wir dazu uns nicht an den eigenen Gefühlen, Wünschen und Ängsten zu orientieren, sondern man orientiert sich an den Bedürfnissen anderer“. Die Gegenstrategie heißt: „man muss bei sich bleiben“.

Fazit laut Ewald: Wer den Riesenspaß an der Eigenständigkeit noch nicht kennt bleibt Mitläufer.

Zu 4) Das Thema schicksalhafte Vorherbestimmtheit, der Glaube an überirdische Lenkung mit Abschieben der Verantwortung an diese Kräfte. Auch gläubige Menschen sollten diese Fragen kritisch diskutieren. Also fragen wir direkt: Greift Gott in das Geschehen auf der Welt wirklich ein ?  Der deutsch-jüdische Philosoph Hans Jonas (1903 bis 1993) schrieb 1979 das berühmte Buch: „Prinzip Verantwortung“. Jonas, der auch selber gläubig war, analysiert ganz klar: Gott greift nicht ein, er hat dem Menschen die volle Verantwortung für die Lenkung der Verhältnisse übertragen. Der Mensch ist also gefordert seine Verantwortung wahrzunehmen. Der Gläubige kann sich in seiner Verantwortung von Gott begleitet wissen.

Dazu schreibt Ewald : „Das ist wahrscheinlich das sensibelste Thema, nämlich dass die Kirche große Schuld daran hat, dass die Bäuerinnen und Bauern zu solchen Mitläufern geworden sind“ Zitat Ende. Ewald spricht hier die Rolle der Kirche in der Geschichte und in der Gegenwart in den ländlichen Räumen an, in welcher Form hat sie mit ihrer Lehre, ihrer Erziehung und ihrem eigenen Beispiel Unterwürfigkeit, Mitläuferverhalten entwickelt. Es gibt aber auch viele gegenteilige Beispiele wo die Kirche einen kritischen Widerstandsgeist entwickelt.

Hans Jonas schreibt zum Prinzip Verantwortung: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden‘; oder einfach: ‚Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden“; Er fordert uns auf die Wirkungen unserer Handlungen zu Ende zu denken. Wir tendieren doch immer wieder dazu die Verantwortung abzuschieben an überirdische Kräfte und glauben an eine Vorherbestimmtheit der Ereignisse. Es gibt dazu eine Fülle von Einrichtungen und eine Art neue Religionen die uns die Vorherbestimmtheit vorzeigen wollen, von der Astrologie bis zu den esoterischen (Glaubens) Richtungen.

Die  Verantwortungslosigkeit in der Agrarpolitik auf der oberen Ebene wird in den  vorhin beschriebenen Bereichen 1 und 2 mit der Gewalt in der Struktur und der Wirkung des Verrates sehr sichtbar. Befassen wir uns hier noch mit der Ablehnung von Verantwortung auf der unteren Ebene und mit der Resignation der sogenannten „Kleinen Leute“. Sie sagen: Man kann als Kleiner eh nix machen, es nutzt eh nix, man kann eh nichts verändern und die Politik ist sowieso nur voller Gauner  etc…solche Töne hört man viel. Diese Kleinen fühlen sich dabei selber nicht mehr als mitverantwortlicher Teil der Politik, man fühlt sich vielmehr als Zuschauer außerhalb der politischen Bühne, von wo aus man dann spöttisch die politisch Tätigen auf der Bühne belächelt.

Dieses spöttische Zuschauer-Verhalten wird auch mit „Arroganz der kleinen Leute bezeichnet. Mit diesem Verhalten verweigern sie auf ihre Art völlig die Übernahme von  Verantwortung. Dieser zunehmende Zustand von Arroganz und Resignation macht mir Bedenken. Wo nun in Politikbereichen sowohl die politisch Zuständigen oben, als auch die Massen der sogenannten „Kleinen Leute“ unten, verantwortungslos handeln,  befindet sich dieser Politikbereich in einem Abwärtstrend, also in einer tiefen Krise. Das ist beim Bereich (Agrar)Politik der Fall.

Hier brauchen wir eine Rückverteilung der Verantwortung an viele Beteiligte. Die IG-Milch als Organisation von Bauern für Bauern kann wesentlich zu einer solchen Rückverteilung von Verantwortung beitragen.  Sie bietet betroffenen Bauern und Bäuerinnen eine Möglichkeit an sich am politischen Handeln zu beteiligen und Eigen-Verantwortung zu übernehmen. Sie bildet eine wichtige politische Bühne damit die Leute – die sich als Zuschauer außerhalb der Bühne befinden – wieder auf die Bühne zurück- kommen und dabei selber Handelnde werden. So wird der Zuschauer ein eigenständig Handelnder.

Fazit: Wer glaubt dass alles vorherbestimmt ist und wer als Zuschauer resigniert und spöttisch über die Politik redet, sich weigert Verantwortung zu übernehmen ist ein Mitläufer.

Zusammenfassung zu allen 4 Themen

 hema 1) Gewalt in der Struktur. Die spezifische Struktur der Dreieinigkeit ist in Verbindung mit der Pflichtmitgliedschaft für die Beteiligten an sich vereinnahmend und mit Zwängen verbunden, die zum Mitläufertum führen. Wer sich nur mit der Innensicht – also wie sich das System selber darstellt – begnügt, bleibt in der Mitläuferrolle.

Thema 2) Vernebelung der Sicht und den einseitigen Abhängigkeiten. Beim Verrat passiert  etwas was man nicht versteht, das macht unsicher und die Vernebelung macht orientierungslos. Wenn dann auch noch einseitige Abhängigkeiten dazukommen wird man gefügig und man Resigniert. In der Not identifiziert man sich mit dem Verräter durch Unterwerfung. Das Stockholm Syndrom. Anders gesagt ein Mitläufer wegen Unterwerfung.

Thema 3) Die Konvention. Bei Verunsicherung neigen wir dazu uns nicht an den eigenen Gefühlen, Wünschen und Ängsten zu orientieren, sondern man orientiert sich an den Bedürfnissen anderer. Ewald: Wer den Riesenspaß an der Eigenständigkeit noch nicht kennt bleibt Mitläufer.

Thema 4) Schicksalhafte Vorherbestimmtheit. Wer glaubt dass alles vorherbestimmt ist und wer als Zuschauer resigniert und spöttisch über die Politik redet und sich weigert selber Verantwortung zu übernehmen ist ein Mitläufer.

Fazit aller 4 Themen

Nur wer zur vereinnahmenden „Dreieinigkeit“ Kammer-Bauernbund-Raiffeisen auf Distanz geht, das ganze System mit ihren gewaltvollen Strukturen und sich selbst als Pflichtmitglied darin kritisch von außen betrachtet, kann sich loslösen und die Mitläuferrolle ablegen. Also die neue Dreierregel zur Befreiung heißt:

1) Räume der Distanz suchen,

2) System analysieren,

3) Reflexion der eigenen Rolle im System.

Mit einer solchen Bearbeitung kann sowohl eine Identifikation mit Verräter überwunden, als auch die Orientierung an den eigenen Wünschen und Ängsten, sowie der Riesenspaß an der Eigenständigkeit gefunden werden. Damit erfolgt eine Übernahme von eigener Verantwortung und das Mitläufertum wird gründlich überwunden.

 

 

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